Das strategische Zusammenspiel wird ein interessanter Aspekt werden. Zwar ist eine Deutsche Meisterschaft bei den Straßenradprofis nicht zuvorderst auf Teamarbeit ausgerichtet, doch wenn viele Fahrer aus einer Mannschaft an den Start gehen, vertreten sie natürlich auch die Interessen ihres Arbeitgebers und formieren sich dementsprechend. Für die Sprintstars Marcel Kittel und John Degenkolb könnte sich das negativ auswirken, sie haben am Sonntag in Chemnitz aus ihren Teams wenige oder keine Mitstreiter dabei. Dafür aber tritt Team Sunweb mit fast einem Dutzend Akteuren an, nicht viel weniger sind es bei Bora-Hansgrohe. Beide Mannschaften haben gute Chancen, den neuen Deutschen Meister unter sich auszumachen.

Ein Etat von 18 Millionen Euro wird kolportiert

Es sind die Profiteams, die auf der World Tour mit deutscher Lizenz starten. Während Sunweb dies nach dem Wechsel aus den Niederlanden seit 2015 tut, ist Bora-Hansgrohe erst zu dieser Saison in die Topliga aufgerückt. „Das war ein langer Weg“, sagt Ralph Denk, der Teammanager. Vor sieben Jahren stieg er bei den unterklassigen Profis ein, damals noch unter dem Namen NetApp. „Wir haben versucht, uns nach und nach hochzuarbeiten. Was gelungen ist“, so Denk. Beeindruckend fiel der letzte Schritt aus, die Equipe mit Sitz im oberbayerischen Raubling zählt nun zu den Protagonisten der Szene. Verantwortlich dafür sind die von den Hauptsponsoren (Firmen für Küchen- bzw. Sanitärtechnik) zur Verfügung gestellten Mittel.

„Natürlich träumt man immer von großen Budgets, aber auch damit muss man haushalten“, sagt Denk. Über einen Etat von kolportierten 18 Millionen Euro soll das Team verfügen. Viel davon fließt in die beiden Spitzenfahrer Peter Sagan (Slowakei) und Rafal Majka (Polen). Bei der Tour de France, die nächsten Samstag (1. Juli) in Düsseldorf beginnt, sollen beide die Mannschaft ins richtige Licht setzen. „Wir haben klare Ziele. Das Grüne Trikot mit Peter und ein Platz unter den Top 10 der Gesamtwertung mit Rafal“, sagt Denk. Der zweifache Weltmeister Sagan kam bereits fünf Mal in Grün in Paris an (und kann nun Erik Zabel überbieten), Majka war zweimal Gewinner des Bergtrikots.

Buchmann kann unter den Top 20 landen

Weil er es geschafft hat, die Mannschaft so zu positionieren, möchte man Denk bereits vor dem Start der Tour am Ziel angekommen wähnen. „Was die Entwicklung angeht, stimmt das schon“, erzählt er. Als er das Team aufzubauen begann, wendeten sich viele vom deutschen Radsport ab. Fernsehen, Fans, Geldgeber – alle waren angewidert vom Dopingsumpf um das Team Telekom. Ohne Windschatten stellte sich Denk dem entgegen. „Der Glaube, dass der Radsport eine zweite Chance verdient hat, war mein Antrieb. Dieser Sport hat seine Daseinsberechtigung, weil das Radfahren weit verbreitet ist, jeder kann es“, so Denk. Seriöse Arbeit und etwas Glück bei Gesprächen mit Geldgebern und der Fahrerauswahl brachten Fortschritte. Ein großer Etappenerfolg gelang mit der ersten Einladung zur Tour de France 2014. „Das war emotional ein riesen Highlight für mich, die Wildcard zu bekommen“, so der Manager.

Mit so einer Einladung zu starten, bedeutete, „mit ein bisschen Demut und Dankbarkeit in das Rennen zu gehen“. Jetzt wird das Auftreten von Selbstbewusstsein geprägt, auch von Stolz. „Im eigenen Land als World-Tour-Mannschaft zu starten, ist sehr schön“, sagt Denk. Es ist auch ihm und seinem Einsatz für den deutschen Radsport anzurechnen, dass die Tour nach 30 Jahren wieder in Deutschland beginnt. Mit Emanuel Buchmann (24) schickt Denk in Düsseldorf auch den besten deutschen Rundfahrer ins Rennen, der zuletzt starke Form nachwies und in Frankreich in den Top 20 landen kann.

Die Stars des Teams haben sich gut eingerollt

Nach und nach sollen die Ziele für das große Talent höher gesteckt werden. „Wir versuchen, unsere eigenen jungen Leute zu entwickeln. Wir haben eine wirklich starke junge Garde“, so Denk. Dazu gehört auch der Berliner Silvio Herklotz (23), ebenfalls ein Rundfahrt-Talent. Aus dem Nachwuchs kam er als hochgehandelter junger Mann zu den Profis, aber „Buchmann ist ihm jetzt ein bisschen davongefahren. Ich hoffe, dass er da anknüpfen kann“, so der Teamchef. Sein Augenmerk liegt in den nächsten Jahren neben der Ausbildung junger deutscher Fahrer vor allem auf den Klassikern, was sich durch Sagans Stärke automatisch ergibt. Schon in diesem Jahr hätte Denk gern einen Sieg in dieser Kategorie verbucht, doch der wurde knapp verpasst.

Dafür hat sich Sagan bei der Tour de Suisse gut eingerollt, zwei Etappen gewann der Slowake. Majka siegte gerade bei der Slowenien-Rundfahrt. Denk sagt: „Wir sind gut aufgestellt für die Tour.“ Obwohl die erste Etappe, ein Einzelzeitfahren in Düsseldorf, nicht ganz nach seinem Geschmack ist, weil man keinen Top-Zeitfahrer besitzt. Vielleicht aber kann einer von Denks deutschen Profis im frisch erworbenen Meistertrikot antreten. Das hätte beim Tourstart daheim doch auch etwas.