„Tanzen war früher nie mein Ding gewesen“, sagt Gert Faustmann. Bei seinem Abitur-Ball stand er nur daneben, während seine damalige Freundin die Tanzfläche stürmte. Weil sich das aber auch irgendwie falsch anfühlte, meldete sich der damals 17-Jährige kurz darauf zu seinem ersten Tanzkurs an. Drei Monate später bestritt er sein erstes Turnier. Inzwischen ist Faustmann 49 Jahre alt und gibt neben seiner Tätigkeit als Dozent an einer Fachhochschule selbst Tanzkurse.
Dort schaute eines Tages auch Alexandra Kley vorbei. Die heute 45-Jährige, damals 27, war früher Bogenschützin, doch sie störte daran, dass sie oft ganz allein trainierte. Auch sie fing mit dem Tanzen an, weil sie frustriert war. „Ich suchte einen Sport, bei dem ich unter Menschen komme“, sagt sie.
Seit 2003 tanzen die beiden zusammen. „Es passte auf Anhieb“, sagt Alexandra Kley. Vergangenes Wochenende wurden sie in Reinbek bei Hamburg Deutsche Meister der Klasse Senioren II – zum dritten Mal hintereinander. Auch in der nationalen Rangliste steht das Standard-Paar seit drei Jahren mit optimaler Punkteausbeute auf Platz eins.
Jeder Tanz wie ein Lauf über 400 Meter
„Tanzen ist die perfekte Kombination aus Musik und Gefühl, sportlicher Herausforderung und Zusammenspiel mit dem Partner“, sagt Gert Faustmann: „Das bietet so keine andere Sportart.“ Kley, gebürtige Ukrainerin, meint: „Wenn ich nicht tanze, dann fehlt mir ein Stück meiner Seele.“ Beide betonen, dass Tanzen viel mehr sei als bloß ein Zeitvertreib, nämlich richtiger Sport und körperlich äußerst anspruchsvoll. „Jeder Tanz ist wie ein 400-Meter-Lauf“, so Faustmann, „wir haben davon 25 bis 30 während eines Turniers und dazwischen nur kurze Pausen. Das ist wie Intervalltraining.“
Fünf Tänze gehören beim Standard zum Repertoire: langsamer Walzer, Tango, Wiener Walzer, Slow Foxtrott und Quickstep. Kriterien sind Takt- und Rhythmusgefühl sowie die technische Ausführung, aber auch die Haltung: eng zusammen, aber versetzt, mit jeweils der rechten Körperseite aneinander, die Köpfe möglichst weit auseinander, die Arme ausgestreckt. „Die perfekte Silhouette zweier Tänzer gleicht einer Blume“, meint Alexandra Kley.
Das Paar aus Lankwitz tanzt für den Schöneberger Tanzsportclub Blau-Silber Berlin, einem Abteilungsverein des Olympischen Sport-Clubs. Trainiert wird meist in der alten Aula der ehemaligen Luise-und-Wilhelm-Teske-Schule. Häufig sind die beiden aber auch in Leipzig. Dort hat der Bruder ihrer Heimtrainerin bei Blau-Silber, Kerstin Jörgens, ein Tanzstudio, in das er oft ausländische Trainer aus Großbritannien, Italien oder Osteuropa einlädt. Gerade England gilt als Mutterland des Standardtanzes.
Wertungsrichter beim Blauen Band der Spree
Allerdings sei auch Deutschland eine Tanzsportnation mit vielen Vereinen und renommierten Veranstaltungen, sagt Gert Faustmann. Ausgerechnet am größten Berliner Turnier, dem Blauen Band der Spree, konnten die beiden in diesem Jahr allerdings nicht teilnehmen: Die Wettkampfklasse Senioren II wird dort nicht angeboten. Faustmann war dennoch vier Tage dabei – als Wertungsrichter. Im Juli stehen beide dann bei einem großen Weltranglistenturnier in Wuppertal wieder auf der Tanzfläche.
Längst gehört das Berliner Duo auch international zu den Besten. Bei ihrer ersten WM-Teilnahme 2014 wurden sie Sechste, 2015 dann Dritte und in diesem Jahr bei der WM in Belgien Vizeweltmeister. Bei der nächsten Auflage 2018 greifen sie nach dem Titel.
Gert Faustmann und Alexandra Kley sind auch privat ein Paar. Das sei nicht immer einfach, sagt sie: „Die Hemmschwelle, was man einander sagt, ist geringer, als wenn man einfach nur Tanzpartner ist. Da kommt Kritik manchmal zu schnell und zu hart.“ Es gab Zeiten, da sprachen die beiden nach dem Training kein Wort miteinander.
Der Sohn kann dem Tanzen noch nichts abgewinnen
Inzwischen haben sich die Wogen wieder geglättet. Wenn sie nach dem Tanzen nach Hause kommen, dann sitzen sie gern zusammen vor dem Fernseher und schauen „Let’s Dance“, die Tanzsendung mit Prominenten auf RTL. Es sei erstaunlich, meint Faustmann, „wie schnell die Promis die Grundideen des Tanzens beherrschen und mit welcher Präsenz diese nicht einfachen Choreographien getanzt werden“.
Ihr elfjähriger Sohn kann dem Tanzsport noch nicht viel abgewinnen. Doch das war beim Vater ja einst genauso. Immerhin hat er versprochen, es auch einmal zu probieren. „Um Mädchen zu beeindrucken“, sagt Kley.


