Kanupolo

Rugby auf dem Wasser

Beim Kanupolo geht es hart zur Sache. Hannah Triebel liebt ihren Sport trotzdem und wurde schon zweimal Junioren-Weltmeisterin.

Hannah Triebel begann mit Ballett, wurde dann Sportakrobatin und landete schließlich beim Kanupolo

Hannah Triebel begann mit Ballett, wurde dann Sportakrobatin und landete schließlich beim Kanupolo

Foto: joerg Krauthoefer

Hannah Triebel hatte viel Wasser geschluckt, um ein Haar wäre sie ertrunken. Mit letzter Kraft kämpfte sie sich an Land und musste diesen bangen Moment dort erst einmal verarbeiten. Ein paar Jahre ist es her, dass die Kanupolo-Spielerin während des Trainingslagers in Italien kenterte und in der Brandung nicht mehr hoch kam. Normalerweise helfen sich Kanuten in einer solchen Situation mit der so genannten Eskimorolle, doch die hatte Hannah Triebel noch nicht richtig beherrscht. "Ich war damals viel zu leicht, um mich unter Wasser selbst umzudrehen", erklärt sie. Als sie mit dem Sport anfing, hatte ihr ein Bademeister geholfen, doch der fehlte in der dramatischen Situation vor der italienischen Küste. "Es war ein traumatisches Erlebnis", sagt sie. "An Land habe ich erst einmal nur geheult."

Rippenbrüche sind keine Seltenheit

Dem Kanupolo ist sie trotzdem treu geblieben. Das fehlende Gewicht, das in Zweikämpfen ein echtes Handicap ist, macht sie mit anderen Qualitäten wett. Auf dem Wasser ist sie schnell und wendig und für die Gegnerinnen damit oft unberechenbar. "Und ich habe die Angewohnheit, aus komischen Positionen zu werfen", sagt sie. So erzielte sie im vergangenen Jahr auch das Golden Goal zum Weltmeistertitel für die deutsche U21-Nationalmannschaft. Anstatt aus dem Anfahren warf Triebel in der Verlängerung einfach mal aus dem Stand – der Ball ging unter die Latte und ins Tor zum 2:1-Siegtreffer. "Das war ein toller Moment. Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich davon erzähle", erinnert sich die 20-Jährige.

Triebel stammt ursprünglich aus Coburg in Franken, wo sie erst Ballett und dann Sportakrobatik machte, ehe sie zusammen mit ihrem Bruder zum Kanupolo wechselte. Die Sportart ist eine Mischung aus Wildwasserslalom und Handball. Zwei Mannschaften mit je fünf Spielern versuchen im Kajak sitzend, einen Ball mit der Hand oder mittels des Paddels in die in zwei Metern Höhe angebrachten Tore zu befördern. Gespielt wird zweimal zehn Minuten; nach fünf Sekunden muss der Ball gepasst, nach spätestens 60 Sekunden aufs Tor geworfen werden. Hannah Triebel spricht auch von "Rugby im Boot", weil es auf dem Wasser oft sehr körperlich zugeht. Blaue Flecken, Fingerverletzungen und selbst Rippenbrücke sind keine Seltenheit. Die Schwimmweste schützt daher nicht bloß vor dem Untergehen, sondern dient auch als Dämpfung gegen allzu schlimme Blessuren.

Im kurzen Boot ist es schwierig, geradeaus zu fahren

Kanupolo ist zudem koordinativ äußerst anspruchsvoll. Das fängt schon damit an, dass es mit dem kurzen Boot sehr viel schwieriger ist, geradeaus zu fahren, als mit einem normalen Kajak. Ein kräftiger Paddelschlag genügt und schon dreht man sich im Kreis. Ball und Gegner müssen ebenfalls beherrscht werden. "Man muss ziemlich viele Fähigkeiten mitbringen, um in dieser Sportart Erfolg zu haben", sagt Hannah Triebel. Sie spielt momentan meist noch auf der Außenposition, den so genannten Pfosten, doch künftig will sie in die Spitze wechseln, weil sie immer noch zu leicht ist, um auf dem Pfosten gegen schwerere Spielerinnen anzukommen. "Die Spitze ist eine Position, auf der mein geringes Gewicht keinen Nachteil darstellt", erklärt sie.

2014 hatte Triebel mit dem PSC Coburg erstmals die Deutsche Meisterschaft gewonnen. Weil sie sich in der Mannschaft jedoch nicht mehr wohlfühlte, wechselte sie danach zum Kajak-Club Nord-West Berlin, der auf dem Hohenzollernkanal in Tegel trainiert. "Berlin ist eine Kanupolo-Hochburg", sagt die Pharmaziestudentin. Die Jugend ist amtierender Deutscher Meister, die Männer sind das ebenfalls, die Frauen scheiterten im vergangenen Jahr im Halbfinale – ausgerechnet gegen ihren Ex-Klub Coburg. In dieser Saison kämpfen beide Teams erneut um den Titel. Der erste Spieltag wird an diesem Wochenende in Berlin ausgetragen.

Trotz großer Erfolge wenig Unterstützung vom Verband

Hannah Triebel spielt auch erfolgreich in der Junioren-Nationalmannschaft, sie war schon zweimal U21-Welt- und Europameisterin. "Der deutsche Nachwuchs ist sehr stark", berichtet sie. Überhaupt ist Deutschland eine der führenden Nationen im Kanupolo, die Frauen sind sogar Rekordweltmeister. Auch bei den World Games, den Spielen der nicht-olympischen Sportarten, die im Juli in Breslau stattfinden, zählt die deutsche Auswahl wieder zu den Favoriten. Doch trotz aller Erfolge gibt es kaum Unterstützung für die Kanupolo-Sparte.

Der Deutsche Kanuverband fördert vor allem den olympischen Kanurennsport. "Das ist schade", sagt Hannah Triebel, die deshalb versucht, über eine Crowdfunding-Aktion an Sponsoren zu kommen. Bei den World Games wird die Spandauerin nicht dabei sein. Sie spielt stattdessen bei den Europameisterschaften in Frankreich ein letztes Mal für die U21. "Ich möchte den Titel natürlich gern verteidigen. Das wäre ein toller Abschluss meine Juniorenkarriere", sagt sie.

Die Morgenpost berichtet in ihrer Serie jeden Mittwoch über erfolgreiche Berliner Sportler, die ins Rampenlicht drängen

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