Behindertensport

Spätstarterin peilt bei den Paralympics in Rio Gold an

Die sehbehinderte Elena Krawzow schwimmt in Berlin Weltrekord. Dabei hat die gebürtige Kasachin erst spät mit dem Schwimmen begonnen.

Foto: Sportida / picture alliance / Sportida / EX

Berlin.  Relativ klein wird die Mannschaft des Deutschen Behindertensport-Verbandes (DBS) im Schwimmen bei den Paralympics in Rio sein. Nur acht Frauen und fünf Männer können nach dem vom IPC (International Paralympic Commitee) vorgegebenen Schlüssel entsandt werden.

Das Gros des Teams steht für Bundestrainerin Ute Schinkitz (Nienhagen) fest, andere wollen sich bei den seit Donnerstag laufenden 30. Internationalen Deutschen Meisterschaften (IDM) in Berlin noch in die Notizbücher der Verantwortlichen schwimmen.

Nicht mehr nötig hat das Elena Krawzow (22), die seit August 2015 in der Hauptstadt und sportlich im Berliner Schwimmteam des Paralympischen Sport Clubs (PSC) zu Hause ist. Die sehbehinderte Athletin ist aktuell so etwas wie das Aushängeschild der Sportart, war 2013 Weltmeisterin über 100 Meter Brust und gewann jüngst bei der EM auf Madeira Gold.

Goldhoffnung für Rio bestätigt

Dabei schlug sie die britische Weltrekordlerin Rebekka Redfern um zwei Hundertstel und avancierte zur Gold-Hoffnung bei den Spielen in Rio. Eine Hoffnung, die sie in Berlin bestätigte. Gleich im Vorlauf schwamm sie über 100 Meter Brust Weltrekord in ihrer Startklasse S13 und verbesserte Redferns bisherige Bestmarke mit 1:16,29 Minuten um 0,63 Sekunden.

Krawzow, der Name verrät es, ist nicht in Deutschland geboren. Elfjährig kam sie mit ihren deutschstämmigen Eltern aus einem kasachischen Dorf, wo es „nicht mehr gab als ein paar Häuser und Landschaft“, ins fränkische Bamberg.

An Sport im klassischen Sinne war in der alten Heimat nicht zu denken, aber „ich bin in jeder freien Minute draußen rumgerannt, habe gespielt, geturnt, geklettert“. Sieben Jahre alt war sie, als sie an Morbus Stargardt erkrankte, einem erblichen Augenleiden, das ihr Sehvermögen auf sechs bis acht Prozent reduziert.

Einmal im Nationalteam, wollte sie auch die Hymne hören

Zum Schwimmen kam sie erst, als die Familie schon drei Jahre in Franken lebte. „An sich hatte ich immer Angst vorm Wasser, weil ich nie richtig gelernt hatte, wie ich mich darin bewegen kann“, verrät sie.

So war sie schon 14 und Späteinsteigerin, als sie am Nürnberger Bildungszentrum für Sehbehinderte übers Sportabzeichen mit dem nassen Element Bekanntschaft, dann Frieden schloss und es sogar zum Freund machte. 2009 begann Elena, im Verein zu trainieren, 2011 gewann sie vier Titel bei der Sehbehinderten-WM – ein Blitzaufstieg.

So richtig erklären kann sie den selbst nicht. „Familiär vorbelastet bin ich nicht. Aber ehrgeizig. Als ich ins Nationalteam kam, die Siegerzeremonien miterlebte, sagte ich mir: Da willste auch hin und die Hymne hören.“ Der Wechsel aus Franken nach Berlin im Sommer 2015 habe ihr geholfen, besser zu werden, „und ich bin damit noch lange nicht am Ende“. Trainer Phillip Semechin sei „ein Glücksfall“, weil er Geduld mit mir hat und so motiviert, dass der Spaß bleibt“.

Warten auf den Traumprinz

In Berlin fühlt sich Elena Krawzow „nicht verloren, sondern zu Hause“. Sie konnte hier die sportlichen Ziele mit der Ausbildung zur Physiotherapeutin verbinden. Die hat sie nun beendet, ist für den Nachwuchs im Berliner Schwimmteam tätig. Sie hat eine kleine Wohnung, kommt mit dem Restsehvermögen gut zurecht.

„Ich kann allein kochen, auch das Putzen kriege ich hin. Irgendwann werde ich eine Familie haben, Mann und Kinder. Doch im Moment muss mein Prinz noch auf mich warten ...“, sagt sie fröhlich. Ein wenig unsicher klingt sie, wenn sie über die Eltern spricht. Die werden bald nach Kasachstan zurückkehren, wo noch der Großteil der Familie lebt. „Das wird komisch, aber Angst habe ich nicht – ich schaffe das!“ Wie schon vieles in ihrem Leben.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.