Mit dörflicher Idylle, Auenlandschaften und unverhofften Begegnungen mit seltenen Vögeln und scheuen Rehen werben die Berliner Verkehrsbetriebe auf ihrer Webseite für eine Fahrt nach Lübars. Die Reise am Tegeler Fließ entlang lohnt sich aber nicht nur, um die Natur und die barocke Dorfkirche zu bestaunen, denn ganz nebenbei trainiert in dem abgelegenen Ortsteil Reinickendorfs die erfolgreichste Frauenfußballmannschaft Berlins.
Als letzter Zweitligist im Pokal-Viertelfinale
Im Frühjahr gewannen die Fußballerinnen vom 1. FC Lübars die Meisterschaft der zweiten Bundesliga Nord, am Mittwoch stehen sie als letzter verbliebener Zweitligist im Viertelfinale des DFB-Pokals. Um 18 Uhr empfängt Lübars den Erstligisten SC Freiburg im Mommsenstadion. Man hat diesen Ort gewählt, weil alle Beteiligten sich einen großen Zuschaueransturm erhoffen, den man im Stadion an der Finsterwalder Straße, wo normalerweise die Punktspiele der ersten Damen stattfinden, nicht hätte bewältigen können.
Gleichzeitig will der Verein mit diesem Ortswechsel den nächsten Entwicklungsschritt vorantreiben, denn die erfolgreichen Frauen zieht es fort aus Lübars, wo schon seit 47 Jahren Frauenfußball gespielt wird. „Wir müssen hier ausbrechen, um die Hauptstadt auf uns aufmerksam zu machen“, sagt André Eggert, Abteilungsleiter Frauenfußball.
Hauptstadtklub soll bessere Rahmenbedingungen schaffen
14 Siege zu Null und nur drei Niederlagen, das war die Bilanz der Lübarser Frauen in der vergangenen Saison. Aufsteigen konnten sie aber nicht, denn die finanziellen Voraussetzungen fehlten. „Wir wollten nicht nur ein kurzfristiges Abenteuer erleben, sondern uns auch oben etablieren“, sagt Eggert. Um dieses Ziel zu erreichen, soll nun ein Hauptstadtklub für Frauenfußball gegründet werden, in den auch alle Jugend- sowie die Berlin-Liga-Mannschaft der Lübarser übergehen. Mit dem Projekt 1. Berliner FFC soll es gelingen, neue Partner zu gewinnen und die Strukturen für eine Bundesliga-Mannschaft zu schaffen. „Mit der Gründung reiner FFCs kann man gezielter für den Frauenfußball agieren“, sagt Heike Ullrich, DFB-Abteilungsleiterin Spielbetrieb Frauen- und Mädchenfußball.
Am 16. Dezember wird der Antrag in der außerordentlichen Hauptversammlung des Gesamtvereins Lübars gestellt. Erst, wenn er dort befürwortet wird, kann Eggert weiterplanen. „Wir gehen davon aus, dass wir gute Chancen haben“, sagt er. Der zunächst auf vier Jahre angsetzte Finanzplan sieht einen Etat von ungefähr 500.000 Euro im ersten bis 2,6 Millionen Euro im vierten Jahr vor. Ein Investor habe bereits Interesse bekundet, so Eggert. „Am nächsten Freitag habe ich dazu hoffentlich gute Neuigkeiten, es könnte eine ganz tolle Woche werden“, – vor allem, wenn die Sensation gelingen sollte, ins Pokal-Halbfinale einzuziehen.
Eine Trainigsstätte muss noch gefunden werden
Allerdings läuft es sportlich derzeit nicht ganz so gut wie in der vergangenen Saison. Aktuell steht der Klub auf Platz fünf der zweiten Liga mit zehn Punkten Rückstand auf den Aufstiegsplatz. Außerdem hat sich vor zweieinhalb Wochen Spielmacherin Aylin Yaren am Sprunggelenk verletzt. Die Fußball-Akrobatin, die 2007 zur Berühmtheit wurde, nachdem sie Franck Ribery beim Torwandschießen im ZDF-Sportstudio geschlagen hatte, wird voraussichtlich bis zum Jahresende ausfallen. Eggert sieht das nicht dramatisch: „Jeder, der geglaubt hat, wir legen noch so eine Saison wie die vergangenen hin, ist ein Träumer.“ Der Aufstieg sei in dieser Spielzeit kein Muss, auch wenn man sich nun wirtschaftlich vorbereitet habe, so Eggert.
Zunächst müssen aber weitere Rahmenbedingungen geschaffen werden, der neue Hauptstadtklub hat nämlich noch keine Trainingsstätte. Der präferierte Olympiapark wird vom Senat nicht zur Verfügung gestellt, es fehlen die Kapazitäten für einen weiteren Verein. Und nachdem die Kooperation mit Hertha BSC zum 30. Juni 2016 ausläuft, ist von Seiten des männlichen Hauptstadtklubs auch nicht mehr viel Unterstützung zu erwarten. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir nichts finden“, sagt Eggert. Er sieht in dem Projekt Berliner FFC eine „Aufgabe der gesamten Stadt. Schließlich soll der Klub Berlin über kurz oder lang repräsentieren.“ Und zwar über die Grenzen von Lübars hinaus.



