Cheerleading-WM

Von wegen nackte Haut

Berlin erlebt am Wochenende die Weltmeisterschaft der Cheerleader. Es geht dabei seriöser zu, als viele glauben.

Dreimal die Woche trainiert für den großen Auftritt in der Schmeling-Halle: Das Team Dance Deluxe aus Berlin

Dreimal die Woche trainiert für den großen Auftritt in der Schmeling-Halle: Das Team Dance Deluxe aus Berlin

Foto: Dance Deluxe / BM

Berlin.  Die Musik geht aus, und man hört nur noch ein lautes Schnaufen. Gerade noch sind zwölf Tänzerinnen durch den Saal gewirbelt, haben zweieinhalb Minuten lang in bemerkenswerter Synchronität Sprünge und Drehungen vollführt, jetzt liegen sie erschöpft am Boden, und alles, was noch gleichförmig passiert, ist das schwere Atmen. „Das war hart, das war echt schlimm“, sagt Lisa Rehmann, 19.

Fünf internationale Juroren bestrafen Fehler mit Abzügen

Seit fast drei Stunden üben sie und die anderen elf Tänzerinnen des Teams mit dem Namen Dance Deluxe nun schon an ihrer Kür, zufrieden sind sie noch nicht. Mal sind nicht alle Füße durchgestreckt, nicht alle Arme auf einer Höhe, mal stimmen die Abstände in der Formation nicht. Es ist schon fast 22 Uhr, das eine oder andere Gähnen lässt sich da nicht mehr verstecken, doch das Training geht weiter. An diesem Sonnabend und Sonntag tritt Dance Deluxe bei der Cheerleading-Weltmeisterschaft in der Max-Schmeling-Halle an, dann bewerten fünf internationale Juroren Schwierigkeitsgrad und Perfektion bei der Ausführung und bestrafen jeden Fehler mit Punktabzügen.

Bei der achten Cheerleading-WM treffen Tanzgruppen aus 23 Ländern aufeinander, insgesamt gehen 14 Teams aus Deutschland in zehn Kategorien an den Start. Dance Deluxe tritt im Cheer Dance an. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf tänzerischen Elementen und Sprüngen, auf Stunt-Elemente und Pyramiden wie beim Cheerleading wird verzichtet. „Dance Deluxe ist unsere Vorzeige-Gruppe“, sagt Ramona Marshall, Präsidentin des American Football und Cheerleading Verbandes Berlin/Brandenburg. Schließlich sind die Tänzerinnen vom TSV Rudow amtierende Deutsche- und Europameisterinnen. Bei der letzten WM 2013 in Bangkok hatten sie die Silbermedaille gewonnen.

Fördergelder gibt es nicht für den Sport

Die Hoffnungen auf den Titel bei der WM daheim sind natürlich groß, zumal Deutschland bislang noch keine Goldmedaille bei einer WM gewinnen konnte. „Natürlich wäre das ein Traum“, sagt Maxi Biedenweg. Die 23 Jahre alte angehende Lehrerin ist Trainerin und Tänzerin zugleich bei Dance Deluxe. „Es ist schwer zu prognostizieren, welche Platzierung für uns realistisch ist“, sagt sie.

Je nach Austragungsort sind bei jeder Weltmeisterschaft andere Teams dabei. Der Sport bekommt keine Fördergelder, dementsprechend steht wenig Budget für Reisen zur Verfügung. „Man findet kaum Videos von den anderen Teams“, sagt Biedenweg. Mit Auftritten außerhalb der Wettkämpfe finanziert sich Dance Deluxe zum Teil die Teilnahme an Meisterschaften. Wichtiger als die Platzierung ist den Tänzerinnen aber etwas anderes: „Ich will einfach den Leuten mal zeigen, was wir können“, sagt Lisa Rehmann.

Es geht um mehr als das Schwingen von Haaren und Hüften

Als Unterhaltungsprogramm bei den Handballspielen der Füchse Berlin oder bei der deutschen Beachvolleyball Tour ist Dance Deluxe bekannt, da haben die Tänzerinnen aber oft nur wenige Sekunden Zeit für ihre Darbietungen. Viele verbinden mit Cheer Dance lediglich das Schwingen von Hüfte und Haaren in knappen Outfits.

Dabei tragen die Tänzerinnen bei Meisterschaften hochgeschlossene Kostüme, die Haare werden zu einem Dutt gefasst. Blitzt Unterwäsche hervor, gibt es Punktabzug. Das aber wissen nur wenige. „Wenn ich sage, dass ich Cheer Dance mache, kommt es schon vor, dass Leute fragen, ob ich auch noch richtigen Sport betreibe“, sagt Biedenweg zu den Vorurteilen.

Ideen zur Choreografie entstehen auf dem Sofa

Sogar die Footballspieler, die zum gleichen Verband gehören, äußern sich manchmal abfällig, weiß Ramona Marshall, die momentan mit 147 Helfern rund um die Uhr an der Organisation der WM arbeitet. „Die Puschelmädchen machen nichts, heißt es manchmal“, sagt sie. Aus diesem Grund habe sie bewusst Spieler und Schiedsrichter aus dem Football zum Helfen verdonnert. „Ich hoffe, so sehen die mal, dass das Leistungssport ist“, sagt Marshall.

Zu den drei Trainingseinheiten pro Woche kommen bei den Tänzerinnen von Dance Deluxe die Einsätze bei den Handballspielen hinzu, die bis zu zwei weitere Abende in Anspruch nehmen. Die unterschiedlichen Choreografien denkt sich Maxi Biedenweg gemeinsam mit der zweiten Trainerin, Maria Hänel, aus. „Viele Ideen entstehen im Wohnzimmer. Eine oder zwei tanzen, und eine dritte sitzt auf dem Sofa und gibt Anregungen“, erzählt Biedenweg.

Das Training ist manchmal härter als bei den Fußballern

So funktioniert es auch im Training. Den letzten Durchlauf beobachten fünf Mädchen, die parallel im gleichen Raum geprobt haben. Auch sie gehören zu Dance Deluxe, nur haben sie es in diesem Jahr nicht in den WM-Kader geschafft. Zickereien gibt es deshalb aber nicht. „Das Teamgefühl ist schon intensiv, gerade, wenn es auf die Meisterschaften zugeht“, sagt Lisa Rehmann. Sie tanzt, seit sie drei Jahre alt ist, hat einige Zeit parallel dazu Fußball gespielt. „Mein Vater ist Fußballtrainer, und er findet, unser Training ist um einiges härter als das der Fußballer“, sagt sie.

Die kurze Zeit, die sie bei der WM im Rampenlicht stehen, wollen Rehmann und ihre Dance-Deluxe-Kolleginnen nun nutzen, um noch mehr Leute von dieser Sichtweise zu überzeugen.