Der Stift fliegt geradezu über das Papier, denn Denis Boytsov hat sich seinen Entschluss lange und gründlich überlegt. Der 27 Jahre alte Schwergewichtler unterschrieb am Montag im Max-Schmeling-Gym auf dem Gelände des Olympiastadions einen Vertrag beim Berliner Profiboxteam Sauerland. Bis Ende 2015 verknüpft der gebürtige Russe seinen künftigen Werdegang im Ring mit Europas derzeit größtem Boxstall.

Für Boytsov bietet sich in Berlin die vielleicht letzte Chance an, seinen Traum von einem WM-Kampf zu verwirklichen. Nach 115 Siegen und 15 Niederlagen im Amateurlager hatte sich das schlagstarke Talent bereits mit 18 Jahren entschlossen sein Glück bei den Profis zu versuchen. Boytsov ging nach Hamburg zum damaligen Branchenführer Universum Box Promotion. „Ich habe in Hamburg eine tolle Zeit gehabt und auch viel gelernt. Es ist schade, dass das alles im Chaos geendet hat“, bedauert der Neu-Berliner die Entwicklung. Fügt aber hinzu: „Ich freue mich riesig über das neue Leben in Berlin.“ Er hat bislang 33 Profikämpfe bestritten und alle (26 vorzeitig) gewonnen.

Nach dem Ende von Universum und dem von juristischen Problemen geprägten Zwischenspiel des Universum-Nachfolgers Waldemar Kluch musste sich Boytsov neu orientieren. Er hielt sich in Hamburg mit dem ebenfalls von der Universum-Pleite betroffenen Ex-Champion Dimitri Sartison fit. Der Draht nach Berlin begann zu glühen, nachdem Ex-Weltmeister Jürgen Brähmer (auch der Schweriner boxte für Universum) bei Sauerland ein neues Zuhause gefunden hatte. „Jürgen hat mich schon überzeugt“, sagt Boytsov.

Bewegung muss in die Szene

Aus Sicht des Berliner Teams ist der „freie“ Boytsov eine logische Wahl. „Es stimmt, Denis ist ein fertiger Boxer, der einfach gutes Training und Kontinuität braucht. Sein Potenzial ist unbestritten“, freut sich Sauerland-Geschäftsführer Chris Meyer über den Deal. Ein Deal, den man im Zusammenhang mit der derzeit noch alles überlagernden Dominanz der Klitschko-Brüder sehen muss. Denn die Schwergewichtsszene steht in den Startblöcken. Vitali Klitschko, der am 19. Juli seinen 42. Geburtstag gefeiert hat, den es auch mehr und mehr in die ukrainische Politik zieht, wird seinen Titel nach Version des World Boxing Council (WBC) vermutlich nur noch einmal verteidigen.

Sein jüngere Bruder Wladimir, der die Gürtel der Verbände International Boxing Federation (IBF), World Boxing Organization (WBO) und World Boxing Association (WBA) hält, ist 37 Jahre alt. Die Hoffnungen der Szene, auch die im Team Sauerland, richtet sich darauf, dass Wladimir der Belastung von mindestens drei mehr oder weniger regelmäßigen Titelverteidigungen Tribut zollen muss. „Ins Schwergewicht muss wieder etwas mehr Leben kommen“, fordert Kalle Sauerland (36), Sohn von Teamgründer Wilfried Sauerland (73). Auch deshalb stellt man sich in Berlin im höchsten Gewichtslimit neu auf.

Momentan die Nummer eins unter den Sauerland-Schwergewichtlern ist der Russe Alexander Povetkin (33), der am 5. Oktober in Moskau auf Wladimir Klitschko treffen soll. Europameister Kubrat Pulev (32), der in der unabhängigen Rangliste sogar vor Povetkin steht, wird zugertraut Wladimir Klitschko schlagen zu können. Ex-Europameister Robert Helenius kuriert eine Schulter- und eine Handverletzung aus. Der 29 Jahre alte Finne hat mit Lamon Brewster (USA), Samuel Peter (Nigeria) und Sergeij Liakhovic (Weißrussland) drei Ex-Weltmeister vorzeitig besiegt, gilt als Mann für die Zukunft. Vierter im Bunde der Klitschko-Jäger ist Boytsov.

Schnell in Richtung Titel

Im Herbst soll der 1,85 Meter große und 105 Kilo schwere Zugang sein Debüt für Sauerland geben. Geht es nach Chris Meyer, dann soll schnell wie möglich ein Zwölf-Runden-Kampf um einen „Titel“ folgen. Sollte Pulev bis dahin eine WM-Chance erhalten haben, würde man Boytsov auch gern auf die Europameisterschaft ansetzen.

Boytsov, der in Berlin bei Trainer Karsten Röwer (genau wie Jürgen Brähmer und Kubrat Pulev) trainieren wird, hat einen Wunschgegner für sein Debüt – Dereck Chisora. Der 29 Jahre alte Brite hatte sich 2012 in München nach einer Niederlage gegen Vitali Klitschko eine handfeste Prügelei mit seinem Landsmann David Haye geliefert. „Im Grunde ist es mir aber egal. Ich bin froh, noch mal neu anfangen zu können und werde meine Möglichkeiten nutzen“, sieht Boytsov optimistisch in seine Zukunft. Und die soll unbedingt einen Weltmeistergürtel für ihn bereithalten.