Ohne einen letzten Kampf mag sich Claudia Pechstein nicht von der Rekord-Winterolympionikin zum juristischen Dopingpräzedenzfall degradieren lassen. Vor zwei Wochen hatte das Weltschiedsgericht für Sport Cas die Zweijahressperre für die Eisschnellläuferin als letzte sportrechtliche Instanz bestätigt. Die Internationale Eisschnelllaufunion hatte die Berlinerin suspendiert, weil ihre Blutwerte im Langzeitprofil immer wieder abnormale Werte aufwiesen, was Manipulationen nahe legt.

Gestern hat das Schweizer Bundesgericht nun einem Eilantrag Pechsteins stattgegeben: Trotz der Zweijahressperre darf die Sportlerin ausnahmsweise am Wochenende in Salt Lake City beim Weltcup teilnehmen. Allerdings bleiben kaum Zweifel, dass der scheinbare Zwischensieg im juristischen Epilog ihres Verfahrens ihr nur eines sichert: Ein Abschiedsrennen vor großem internationalen Publikum.

Da ihr der Wettbewerb die letzte Möglichkeit bietet, sich für die Olympischen Winterspiele in Vancouver im Februar zu qualifizieren, zeigten die Juristen sich gnädig, ohne dass die Entscheidung einen Fingerzeig auf den Ausgang des Hauptsacheverfahrens geben kann.

Fachleute halten da einen Sieg Pechsteins für unwahrscheinlich. Auch der Deutsche Olympische Sportbund reagiert zurückhaltend. Die Schweizer prüfen nicht mehr materiell alle Sachargumente, sondern lediglich formell die Einhaltung der Verfahrensgrundsätze. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn den drei Cas-Richtern in dem Präzedenzverfahren trotz langer Beratungszeit noch Schlampereien nachzuweisen wären.

Dass Pechstein als geächtete, mutmaßliche Doperin ein letztes Mal gegen die Konkurrenz antreten will, sagt letztlich mehr über ihre Psyche: Mit dem Eisschnelllauf droht der im staatlich gelenkten Sportsystem der DDR groß gezogenen Athletin der Lebensinhalt abhanden zu kommen. Auf dem Rundendrehen im Eisoval ist ihre Existenz aufgebaut, womöglich gar der Sinn ihres Seins. Insofern birgt der nun gewährte vorläufige Rechtsschutz auch eine gefährliche Wirkung: Er verlängert die Träumerei von Olympia in einer Phase, in der es für eine Sportlerin mit 37 Jahren sinnvoll erschiene, sich darauf vorzubereiten, dass das Leben früher oder später ohnehin Prüfungen bereit hält, die über Rundenbestzeiten auf Schlittschuhen hinausgehen