Maxi Gnauck

Warum Berlin der Turn-EM gut tut

Anlässlich der Turn-Europameisterschaft in Berlin spricht Turn-Legende Maxi Gnauck mit Morgenpost Online über Berlin als Ausrichter, Turnen und Doping im DDR-System und die Generation Facebook.

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Sie ist die erfolgreichste deutsche Turnerin der 80-er Jahre. Bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau gewann die Berlinerin Maxi Gnauck (46) im DDR-Trikot die Goldmedaille am Stufenbarren. Zwischen 1979 und 1985 wurde sie sechsmal Weltmeisterin. Seit 2005 arbeitet Maxi Gnauck am Kunst- und Geräteturnzentrum Liestal bei Basel. Morgenpost Online sprach mit der Turn-Legende.

Morgenpost Online: Wie wichtig ist es für das Turnen in Deutschland, dass die Europameisterschaften in Berlin stattfinden?

Maxi Gnauck: Die EM wird der Sportart gut tun. Das Interesse in Berlin ist groß, auch wenn in Fabian Hambüchen und Matthias Fahrig die beiden deutschen Topleute fehlen. Sowieso sind ja momentan die Männer die Eckpfeiler im deutschen Team. Der Sport rückt mit der EM in den Fokus der Öffentlichkeit, das ist gut, weil nächstes Jahr dann auch schon wieder die Olympischen Spiele anstehen. Man muss auch bedenken, dass die deutsche Riege der Frauen sich im letzten Olympiazyklus nach langer Zeit überhaupt erst wieder als Mannschaft für Olympia qualifiziert hat, das schürt das die Hoffnung, dass den deutschen Turnern für London 2012 dieser Coup wieder gelingt. Turnen ist durch die jüngsten Erfolge wieder populär geworden.

Morgenpost Online: In den vergangenen Jahren standen die deutschen Turner im Vordergrund, wie beurteilen Sie das deutsche Frauen-Turnen?

Maxi Gnauck: Ich freue mich, dass die Elisabeth Seitz in den Wettkämpfen vor der EM und auch in der Qualifikation sehr gute Leistungen gezeigt hat und mit zwei Finalteilnahmen am Sprung und Barren dies bestätigen konnte. Ich hoffe sehr, dass die deutschen Turner bei der EM gerade in Richtung WM gute Leistungen bringen werden.

Morgenpost Online: Die Sportart verlangt sehr viel Fleiß und enorme Disziplin. Ist Turnen in der Generation Facebook noch zeitgemäß?

Maxi Gnauck: Das Interesse bei den Kindern ist nach wie vor sehr groß, wir haben kein Nachwuchsproblem, zumindest in der Schweiz. Wenn es dann aber irgendwann um Leistung geht, trennt sich die Spreu vom Weizen, aber das ist in anderen Sportarten ebenso der Fall und gewissermaßen eine Gesetzmäßigkeit. Gerade wenn Jugendliche zwischen elf und 13 Jahre alt sind, wenn die Mädchen vom Kind zur Frau werden, dünnt sich die Zahl der Willigen sehr stark aus. In der Spitze gibt es dann nicht mehr die ganz große Auswahl.

Morgenpost Online: Sie sind im DDR-System aufgewachsen, haben 1980 Olympiagold gewonnen. Was war damals anders oder auch besser?

Maxi Gnauck: Dadurch dass der Leistungssport im Fokus des Staates stand, war natürlich auch das Sportsystem ein anderes. Es wurde damals alles akribisch vorbereitet und wissenschaftlich analysiert und ausgewertet, so dass eigentlich immer das Optimum aus uns Sportlern herausgeholt wurde. Am Ende gab es aber auch in der DDR nicht unzählige Talente, die die Trainer und Funktionäre gern gehabt hätten. Das hat nicht so funktioniert wie das Brezelbacken. Und wenn sich jemand verletzte, schwang auch die Angst mit, ob man überhaupt noch eine Medaille holt, was ja für die DDR enorm wichtig war. Heute findet die Auswertung dagegen individuell statt und ist nicht permanent für alle gleich.

Morgenpost Online: Wo liegen die Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz.

Maxi Gnauck: In der Schweiz gibt es regionale Leistungszentren in den verschiedenen Städten, und wenn die Kinder 14,15 Jahre alt und sehr talentiert sind, wechseln sie ins Hauptleistungszentrum nach Magglingen, dort werden die Kinder dann von den Nationaltrainern weiter betreut. In Deutschland werden die Athleten dagegen von den regionalen Leistungszentren bis in die Leistungsspitze begleitet.

Morgenpost Online: Seit jeher gibt es die Diskussion um eine Altersgrenze, die jetzt bei 16 Jahren liegt. Was finden Sie richtig?

Maxi Gnauck: Eine Zeit lang hatte ich im internationalen Turnsport das Gefühl, dass nur noch die kleineren Athletinnen in der Weltspitze präsent waren. Aber auch die mussten im Wettkampfjahr 16 Jahre alt sein oder werden. Jetzt sind auch fraulichere Typen wieder mit dabei. Aber es ist unerheblich, ob 15 oder 16, denn die Leistung muss ja langfristig vorbereitet werden. Es bringt nichts zu sagen, jetzt ackere ich mal ein Jahr, und dann reicht es für die Spitze.

Morgenpost Online: In welchem Alter müssen Kinder anfangen, um es wie Sie in die Weltspitze zu schaffen?

Maxi Gnauck: Ich denke, wenn jemand ehrgeizig ist und das nötige Talent hat, dann sind sieben Jahre okay. So alt war ich auch, als ich mit dem Turnen begonnen habe. Am Ende setzen sich sowieso jene durch, die das gewisse Etwas haben, die arbeiten können und auch die Belastung vertragen. Und die ist im Turnen hoch, die körperliche Konstitution muss stimmen.

Morgenpost Online: Kritiker halten Ihrer Sportart vor, dass sie im Leistungsbereich nicht kindgerecht ist, weil Mädchen und Jungen künstlich gedehnt werden. Wie begegnen Sie den Vorwürfen?

Maxi Gnauck: Ich habe in meiner langjährigen Trainerarbeit von Beginn an immer mit den Eltern geredet und somit Aufklärungsarbeit geleistet. Die Eltern sehen ja auch, was im Training passiert und wie wir vorgehen. Wer das nicht will, muss das auch nicht machen. Die Bereitschaft der Kinder und der Eltern muss vorhanden sein, sich für eine Sportart zu begeistern. Dann ist auch die Bereitschaft da, zu reden und Dinge aufzunehmen, wie es im Turnen abläuft, was beachtet werden muss und wie die Trainingsumfänge sich mit der Zeit erhöhen.

Morgenpost Online: Thema Doping: Gerade erst hat die frühere DDR-Topturnerin Dagmar Kersten Dopingpraktiken im DDR-Sport enthüllt. Was sagen Sie dazu?

Maxi Gnauck: Ich habe das mit dem systematischen Doping in der DDR erst im Nachhinein gehört. Bei mir habe ich Derartiges aber nicht feststellen können. Und zu anderen Athleten kann ich nichts sagen. Ich weiß aber, dass die Forschung ergeben hat, dass gewisse Präparate im Turnen gar nicht wirken.