Der neue Maßstab der Formel 1 in Zahlen lautet: 20 Jahre und 68 Tage. So alt war Andrea Kimi Antonelli am Sonntag, als er sich mit einem dritten Platz beim Großen Preis von Mexiko zum jüngsten Champion der Königsklasse kürt. Er hätte bloß Neunter werden müssen, aber die kontrollierte Attacke steckt im Wesen des ersten italienischen Champions seit 73 Jahren. In einem chaotischen 19. WM-Lauf, der zwischenzeitlich unterbrochen werden musste, behielt er die Nerven und suchte eiskalt seine Chance.

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Die Podiumsbesetzung hätte würdiger nicht sein können: Rennsieger Max Verstappen und Rekordchampion Lewis Hamilton nahmen den Mercedes-Piloten auf die Schultern. Bei der Zieldurchfahrt war aus dem Cockpit des Silberpfeils nur ein Juchzen und Schluchzen zu vernehmen, schon die letzte Runde über musste sich der Weltmeister in spe die Tränen aus dem Visier wischen, er sah die Strecke nicht mehr. Vier Rennen vor Saisonende ist er von keinem anderen Piloten mehr einzuholen. Immer, wenn es darauf ankam, war Antonelli da. Ein Instinktfahrer, der zurecht schon mit den ganz Großen des Motorsports verglichen wird – und sogar Teamchef Toto Wolff zum Tanzen brachte.

Wie kann einer bei aller Rennintelligenz und Fahrzeugbeherrschung mit 20 Jahren schon so unbekümmert sein und zugleich so unerbittlich schnell? Aus dem Spaß heraus entwickelt Kimi Antonelli mit der Geschwindigkeit eines sequenziellen Renngetriebes den nötigen Ernst für sein Tun auf der Rennstrecke: Der nächste Gang ist immer schon eingelegt, während der aktuelle noch läuft. Schneller und reibungsloser kann ein Mensch und Rennfahrer im Kopf kaum umschalten. Der Präzedenzfall aus der Geschichte der Mercedes-Auszubildenden im Motorsport liegt dreieinhalb Jahrzehnte zurück – damals war Michael Schumacher ins Juniorteam des deutschen Automobilherstellers aufgenommen worden, und gewann das Saisonfinale der Sportwagen-WM in Mexico City. In jenem Autodromo, in dem Antonelli jetzt jüngster Weltmeister der Königsklasse geworden ist.
Vom Mercedes-Wunderkind zum jüngsten Weltmeister der Geschichte
Der Triumph im erst zweiten Jahr zeugt von der inneren Beschleunigung Antonellis. Aber der Weg war trotzdem lang. Die richtig großen Talente werden im Grundschulalter entdeckt und dann im Renntempo erwachsen. Bei entsprechender Förderung. Mercedes hatte ein gutes Näschen und Händchen dafür, als der Italiener elf war. Unbekümmert bleiben bei dem Weg nach oben die wenigsten. Kimi Antonelli jedoch spielt Mechanikern und Ingenieuren regelmäßig Streiche – und sie ihm. Wie verbissen wirkt dagegen der entthronte Titelverteidiger Lando Norris. Und das alles, obwohl doch ganz Italien seine Hoffnungen auf ihn projiziert hatte, nach 73 Jahren endlich wieder einen Landsmann mit der Krone zu erleben. Eine weitere Besonderheit bei seinem Titelgewinn, zudem ist er der erste Weltmeister, der in diesem Jahrtausend geboren ist.
Ihn unterscheidet von vielen anderen im Feld, dass er zwar die praktische Rennfahrerausbildung auch im Kartsport erlangt hat, aber einen ebenso starken Schwerpunkt auf das digitale Simulatortraining legt. Für Ex-Champion Nico Rosberg ist Antonelli schon „der neue Ayrton Senna“, auch Max Verstappen und Lewis Hamilton sprechen äußerst wohlwollend über ihren härtesten Kontrahenten. Vermutlich, weil sie sich selbst in Teilen in ihm wiedererkennen. Mercedes-Konzernlenker Ola Källenius, ein erklärter Freund und häufiger Gast der Formel 1, führt den bestbezahlten Chauffeur seines Hauses sogar in Diskussionen über Wege aus der Wirtschaftskrise als Beispiel an: „Kimi Antonelli hat den Siegeswillen, den wir alle brauchen.“

Vor allem hat er sich zwei Dinge bewahrt, obwohl sich sein Leben nach eigenen Angaben gerade sehr wandelt: die Nerven und die Normalität. Vielleicht gibt es da auch einen kausalen Zusammenhang. Kürzlich hat er gestanden, dass er vor jedem Rennwochenende sein Auto selbst von Hand wasche. Nicht nur, weil er dann wisse, dass es auch perfekt ist. Das Ritual dient der bewussten Entschleunigung, für Eile hat er ja den Silberpfeil. Sich um alles zu viele Sorgen zu machen, das war das Problem seiner durchwachsenen Rookie-Saison, als viele den unsteten Antonelli vorschnell als enttäuschte Hoffnung aussortiert hatten. Tatsächlich aber hat er sich mit allen Anpassungsproblemen und Fehlerquellen akribischer und stärker auseinandergesetzt, als es die Öffentlichkeit je wissen sollte. Selbst Entdecker und Mentor Toto Wolff überrascht die persönliche Entwicklungsfähigkeit seines Schützlings immer wieder: „Er ist wie ein KI-Agent, der sich ständig verbessert.“ Ein selbstlernender Weltmeister sozusagen.
Leichtigkeit und eiserner Wille bei Formel-1-Weltmeister Antonelli
Dass Kimi Antonelli sein Umfeld, und das was gerade mit ihm passiert, immer noch mit großen Augen betrachtet, macht ihn so sympathisch wie populär: „Der Schritt, den ich gemacht habe, ist wirklich verrückt.“ Der entscheidende Vorsprung des Frühreifen liegt darin, dass er die Dinge ernst nimmt, ohne seine Leichtigkeit zu verlieren. Kimi Antonelli erscheint als jemand, der sich nicht vom eigenen Erfolg überwältigen lässt.
Jetzt ist Antonelli Weltmeister, in seinem zweiten Jahr in der Königsklasse, wie zuletzt Lewis Hamilton. Der Rekordchampion hat den Italiener bereits in den Kreis der Großen aufgenommen: „Was ich einfach phänomenal finde, ist das, was Kimi in so jungem Alter schon leistet. Er hat einfach eine glänzende Zukunft vor sich. Hoffentlich können wir uns künftig echte Zweikämpfe liefern.“ Der 41 Jahre alte Brite fühlt sich von der nächsten Generation herausgefordert. Was wäre das für ein Duell – Erfahrung gegen Ungestüm. Aber Übermut ist auf der Strecke nicht sein Ding. Das ist seine vielleicht wichtigste Fähigkeit – im entscheidenden Moment blitzschnell umschalten zu können. Im Silberpfeil ist er es, der den Unterschied macht und seinen eigentlich als Kronprinz vorgesehenen Teamkollegen George Russell demoralisieren konnte. Ohne Härte geht das nicht, vom ewigen Grinsen darf sich keiner täuschen lassen. Dennoch ist er der positivste Charakter im ganzen Fahrerlager. Für Formel-1-Boss Stefano Domenicali ist er einer, der ganz neue Generationen inspirieren könnte.




