Mit einem Mal kam Hektik auf. In den Stadionkatakomben war jener Mann aufgetaucht, auf den alle Journalisten gewartet, den sie aber nicht unbedingt erwartet hatten: Joshua Kimmich, um den sich nun sehr schnell eine sehr große Menschentraube bildete. Dabei hätte jeder Verständnis gehabt, wenn Kimmich nach diesem aufwühlenden Abend geschwiegen hätte, wenn er nicht vor die vielen Fernsehkameras und Mikrofone getreten wäre. Wenn er es ganz allein für sich verarbeitet hätte, dieses erste Fußballspiel, das er nach dem Tod seines viel zu früh gestorbenen Vaters Berthold (57) bestritten hatte.

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Aber Kimmich ist ein Vollprofi. Wenn er etwas macht, dann macht er es richtig, das ist sein Anspruch an sich selbst. Und so gehörte es für den Bayern-Kapitän dazu, nach dem Spiel über das Erlebte und Erfühlte zu sprechen, nach diesem 2:2 im Bundesliga-Spitzenspiel zwischen seinem FC Bayern und Borussia Dortmund. Und als Kimmich da stand und mit klarer, fester Stimme sprach, da war vieles sehr schnell sehr egal, was eben noch mit großem Getöse begleitet worden war in diesem Topspiel, in dem die Dinge traditionell ja noch stärker überhöht werden als im notorisch aufgeregten Bundesliga-Betrieb ohnehin schon. Kimmich sprach über Essenzielleres, buchstäblich über Leben und Tod. „Mein Vater hat immer gesagt, am Ende des Tages ist es nur Fußball“, erzählte der Mittelfeldspieler. „Das muss man sich schon auch immer vor Augen führen. Das Wichtigste ist die Gesundheit.“

FC Bayern München - Borussia Dortmund
BVB-Profi Nico Schlotterbeck umarmt seinen Nationalmannschaftskollegen Joshua Kimmich.© dpa | Weller

Der 31-Jährige hatte ein enges Verhältnis zu seinem Vater gepflegt, der auch in Sachen Fußball einer seiner wichtigsten Ansprechpartner war. Entsprechend hart hatte ihn dieser Schicksalsschlag getroffen. Kimmich hatte eine Auszeit gebraucht, hatte drei Pflichtspiele ausgesetzt. Erst am Donnerstag war er ins Training zurückgekehrt. „Die letzte Woche war schon sehr hart für meine Familie, auch für mich“, sagte er nun. „Mein Vater hat mich immer begleitet, stand immer an meiner Seite, hat mich immer unterstützt, in Phasen an mich geglaubt, in denen ich es selber nicht getan habe. Deswegen ist es schon auch hart, wieder zurückzukommen. Weil gerade, wenn ich auf dem Platz stehe, ist es eigentlich die Zeit, in der ich am meisten an ihn denken muss.“

BVB-Trainer Nico Kovac und DFB-Kollege Nico Schlotterbeck spenden Joshua Kimmich Trost

Der Tod des Vaters hat in Kimmichs Augen vieles relativiert, das ließ er klar erkennen. Und auch, dass ihn die vielen Gesten der Anteilnahme sehr berührt hatten. Nationalmannschaftskollege Nico Schlotterbeck etwa umarmte Kimmich nach dem Schlusspfiff sehr herzlich. Und schon während die erste Halbzeit lief, nahmen sich am Spielfeldrand Kimmich und BVB-Trainer Niko Kovac in den Arm. Kovac war in München einst Kimmichs Trainer und er hatte seinem einstigen Spieler unter der Woche eine Nachricht geschrieben und sein Beileid ausgesprochen. „Das fand ich sehr besonders. Deswegen habe ich mich dafür bedankt“, erklärte Kimmich die ungewöhnliche Szene mitten in einer hitzigen Partie auf.

Und sprach darüber, dass es auch wichtig für ihn sei, wieder zurückzukehren in den Fußball-Alltag. „Auch wenn man sich manchmal wünscht, dass die Welt ein bisschen stehen bleibt. Aber sie dreht sich leider und zum Glück weiter. Deswegen bin ich froh, dass ich wieder da bin.“ Und er war gleich wieder der Alte. Er trieb die Mitspieler an, er schimpfte auf den Schiedsrichter ein und vor allem lenkte er gleich wieder das Spiel der Bayern in einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit. Bester Beleg: sein Chipball auf Harry Kanes Kopf, mit dem er den Treffer zum 2:1 durch Dayot Upamecano einleitete. Aber: Das blieb an diesem Samstagnachmittag Nebensache.