Die Fans von Manchester United rollten während des Totalausfalls ihrer Mannschaft gegen Bournemouth (0:3) am vergangenen Sonntag im Old Trafford ein Banner in den Klubfarben aus. Auf schwarzem Hintergrund waren weiße Umrisse dreier prägender Vereinsfiguren zu sehen, die jeweils für eiserne Führungsstärke standen: Éric Cantona, Roy Keane und Bryan Robson. Darunter prangte in roter Alarmschrift das Wort „Standards“ – Maßstäbe. An solchen Persönlichkeiten mangelt es Manchester United derzeit auf sämtlichen Hierarchieebenen.

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Die bisherige Saison gleicht für die Red Devils einer Höllenfahrt: nur zwei Siege in zwölf Pflichtspielen, seit acht Partien ohne Erfolg und bloß sieben Punkte aus acht Ligaspielen. United ist auf Tabellenplatz 16 abgerutscht – schlechter stand der Klub letztmals in der Spielzeit 1921/22 da. Hinzu kommen zahlreiche Demütigungen: 0:2 beim Aufsteiger Hull City, 1:4 beim Champions-League-Debütanten Como und jüngst gegen Bournemouth. Nach dem Abpfiff standen Trainer Michael Carrick Tränen in den Augen. Auf dem Weg zum Stadionausgang winkte der frühere englische Nationalspieler, der mit United fünf Meisterschaften und einmal die Champions League gewann, den Fans entschuldigend zu. Diese applaudierten ihm aufmunternd. Die Szene wirkte wie eine Verabschiedung.
Debatten über Carricks Entlassung
„Wie es weitergeht, weiß ich wirklich nicht“, bekannte Carrick am Sonntag. Und sein Klub offensichtlich auch nicht. Die Vereinsführung um den für den Fußballbereich zuständigen Minderheitsbesitzer Jim Ratcliffe debattiert seit Tagen über eine mögliche Entlassung. Bislang halten die Verantwortlichen tapfer am überforderten Carrick fest. Die Gründe sind naheliegend: Es mangelt an Alternativen, die finanzielle Lage ist angespannt – und noch immer besteht die Hoffnung, das bittere Eingeständnis vermeiden zu können, aus den eigenen Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt zu haben.

Die Situation erinnert frappierend an jene vor zwei Jahren. Damals ließ sich Ratcliffe vom FA-Cup-Sieg dazu verleiten, den bereits abgeschriebenen ten Hag entgegen den ursprünglichen Planungen im Amt zu bestätigen und sogar dessen Vertrag zu verlängern. Ein halbes Jahr später trennte sich der Klub dennoch von ihm. Diesmal beeindruckte den britischen Milliardär die Rückrunde: Carrick führte das Team auf Platz drei und wurde daraufhin zum Chefcoach befördert. Dabei profitierte er jedoch maßgeblich von den Strukturen, die sein Vorgänger Rúben Amorim geschaffen hatte.
Wohlfühlkultur bei Manchester United
Der Portugiese hatte die verwöhnten Spieler mit strenger Disziplin geführt. Carrick hingegen setzt auf eine Wohlfühlkultur. Seine Führungsschwäche hat ihn einen erheblichen Teil seiner Autorität gekostet. Vor einer Woche kritisierte Kapitän Bruno Fernandes öffentlich den Konterfußball seines Trainers. Die Mannschaft müsse „mutiger“ auftreten, forderte er. Die Pointe: Carricks Vorgänger Amorim hatte gerade für einen aktiven Stil gestanden. Es gibt allerdings erhebliche Zweifel daran, ob die Spieler überhaupt in der Lage wären, ein laufintensives Spiel aufzuziehen. Ihnen scheint die dafür nötige Fitness zu fehlen. „Man muss nicht unbedingt pressen, um Spiele zu gewinnen“, entgegnete Carrick – in einer Zeit, in der Pressing und Gegenpressing wesentliche Bestandteile des Spitzenfußballs sind.

Die Aussage fügte sich in eine Reihe nichtssagender Erklärungen, die anmuteten, als wolle der 45-Jährige jede Angriffsfläche vermeiden. Als Carrick Fernandes im folgenden Spiel gegen Bournemouth nicht einsetzte, verwies er auf „rein fußballerische Gründe“. Bereits zuvor hatte Innenverteidiger Lisandro Martínez die Transferpolitik des Vereins scharf attackiert und ausdrücklich den „technischen Direktor“ Wilcox erwähnt. Vor dieser Spielzeit hatte United die Mittelfeldspieler Tielemans, Baleba und Santos für 175 Millionen Euro verpflichtet. Doch Martínez dürfte es bei seiner Konfrontation nicht allein um weitere Zuzüge gegangen sein, sondern auch um seine eigenen Interessen. Sein Vertrag läuft nach dieser Saison aus, wobei United wohl über die Option verfügt, diesen einseitig zu verlängern. Martínez könnte versuchen, dieses Szenario zu verhindern. Die Angelegenheit fällt selbstredend in den Entscheidungsbereich von Wilcox. Angesichts der gesamten Gemengelage berichtete die Daily Mail von einem „Bürgerkrieg“ in Manchester.
Die Fans pfeifen die Spieler aus. Von der Klubführung halten sie ohnehin nichts. Statt sich die „Standards“-Botschaft zu Herzen zu nehmen, ließ Manchester United das Plakat rasch entfernen.




