Es gehörte zur größten Stärke dieser zierlichen Frau, die gewaltigen Anstrengungen bei ihrem allerersten Marathon ungemein leicht aussehen zu lassen. Und wie sagte Blanka Dörfel danach: „Laufen ist einfach.“ Die 24-Jährige hat bei ihrem Debüt über die 42,195 Kilometer in Frankfurt am Sonntag locker und leicht Geschichte geschrieben: Ohne auch nur einmal auf die Uhr zu schauen, avancierte die gebürtige Brandenburgerin als Zweitplatzierte mit 2:20:46 Stunden zur zweitschnellsten deutschen Marathonläuferin und achtbesten Europäerin aller Zeiten.

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Ein Lauf fürs Geschichtsbuch ganz nach Gefühl. „Erst in der Festhalle hatte ich die 2:20 gesehen und gemerkt, wie schnell ich bin“, gestand die für Berlin Athletics gemeldete Athletin. Wie in allen langen Trainingsläufen in der sechswöchigen Vorbereitung in Boulder im US-Bundesstaat Colorado hatte sie auf technische Unterstützung verzichtet.
In der nationalen Bestenliste steht nur noch Irina Mikitenko vor ihr, deren 2:19:19 aus 2008 bis zum Wochenende als einer der wenigen Uraltrekorde der deutschen Leichtathletik galt, die so schnell nicht fallen werden. Doch die Deutsche Meisterin über 10.000 Meter, die bei der EM in Birmingham verletzungsbedingt passen musste, wird in solche Sphären vorstoßen, so federleicht lief sie über die patschnassen Straßen der Bankenstadt. „Richtig cool“ fand die in Berlin-Steglitz beheimatete Frohnatur ihre Premiere. Mit ihrer offenen Art und ihrem offensiven Stil flogen ihr die Herzen nur so zu.
Aufgeweckte Persönlichkeit
Ihr Instagram-Kanal heißt „run_blanka_run‘“. In die Pflege der Sozialen Medien verwendet die aufgeweckte Persönlichkeit viel Zeit, die sich bewusst gegen ein Studium entschieden hat, um sich ganz auf den Sport zu fokussieren. Irgendwann mit solchen Beiträgen auch Geld zu verdienen, ist keine Utopie mehr, denn ihr Name wird nun immer genannt, wenn es darum geht, wer bei den Frauen das Pendant zur starken Männerriege um Europameister und Vizeweltmeister Amanal Petros werden könnte.
Am Rande des ältesten Stadtmarathons lernte sie den 31-Jährigen erstmals persönlich kennen. Sie ergatterte nicht nur eine handsignierte Biografie („42,195 Kilometer – Mein langer Lauf in die Freiheit“), sondern tauschte sich auch mit dem deutschen Vorzeigeläufer aus. Der Zweitplatzierte bei den Männern (2:05:46) riet ihr eindringlich, locker zu bleiben – was angesichts der Temperaturen von elf Grad und des anfangs strömenden Regens nicht so ganz einfach war. Sie möge eigentlich Fußbäder, „nur nicht so kalte“, scherzte Dörfel hinterher.
Sie trug Mütze, Halstuch, Jacke, Weste und Handschuhe, weil sie so kälteempfindlich ist. Trotzdem spürte sie irgendwann ihre Hände nicht mehr und konnte kein Gel mehr greifen, was sie aber auch nicht mehr aufhalten konnte. Überall hörte sie bei ihrem Alleingang ab Kilometer 33 die Anfeuerungsrufe „Lauf, Blanka, lauf“. Hinterher war vom blanken Wahnsinn die Rede. Sabrina Mockenhaupt übermittelte sofort ihre Glückwünsche, denn die einst beste Langstrecklerin hatte 2008 als bislang letzte Deutsche den Frankfurt Marathon gewonnen. In 2:26:22 Stunden.
Enges Vertrauen zu Trainer Hogen
Dörfel betonte bereits vor ihrem Einstand, es gebe doch gar keinen Grund, warum so viele weiße Läuferinnen, so ihr Wortlaut, an der Schwelle zu 2:20 Stunden scheitern würden: „Diese Barriere muss fallen.“ Angeleitet wird sie von einem der prominentesten Trainerfiguren: Dieter Hogen hatte in den 90er Jahren bereits Uta Pippig unter seinen Fittichen, ehe der Coach viele afrikanische Läuferinnen zu Triumphen führte. Der 73-Jährige hat ein enges Vertrauensverhältnis zur deutschen Langstreckenhoffnung aufgebaut. „Sie hat eine natürliche Herangehensweise und ein unglaubliches Durchhaltevermögen. Sie hat keine Angst vor hohen Belastungen.“ Fast vergleichbar mit einer Ultraläuferin. Dörfel sagt selbst: „Long Runs sind wirklich meine liebsten Einheiten.“
Hogen rät, allerdings auch auf den kürzeren Distanzen jetzt Gas zu geben. Wer in die Weltspitze im Marathon wolle, müsse die 5000 Meter unter 14:30 Minuten und die 10.000 Meter unter 30 Minuten laufen. Ob sein Zögling einmal in die Fußstapfen einer Uta Pippig treten werde, die speziell in Amerika Legendenstatus genießt? „Ich glaube, das ist sie schon“, sagte Hogen im Zielbereich und lachte. „Wenn sie sich keine Grenzen setzt und weiter Spaß hat, ist alles möglich.“ Erst einmal würde Blanka Dörfel nun gerne irgendwo surfen lernen, meditieren oder ein paar Tage fasten. Hat sie alles noch nicht gemacht. Nur am liebsten dort, wo es ein bisschen wärmer ist.




