Vincent Kompany lauschte der Frage zu Jürgen Klopps Zweifeln am Spiel des FC Bayern gegen den Ball und an Harry Kanes Rolle sehr konzentriert, sein fester Blick verriet seinen Fokus. Der Münchner Trainer erinnerte jetzt an einen Surfer, der in tosender See versucht, die auf ihn zurollende Welle zu lesen und einzuschätzen, ob er sie reiten soll oder nicht, weil sie gefährlich über ihm brechen könnte. Kompany lauschte und schaute, die Welle türmte sich immer bedrohlicher vor ihm auf, dann tauchte er lieber ab und durch sie hindurch. Das Risiko, loszupaddeln und aufs Brett zu springen, erschien ihm viel zu hoch. „Ja, da sage ich nichts dazu. Nächste Frage“, sagte Kompany. Gelächter machte sich breit im Pressesaal der Münchner Arena, weil die meisten Zuhörer das Risiko ähnlich eingeschätzt hatten wie der Trainer. Kompany grinste, allerdings gezwungen.

Bundestrainer Jürgen Klopp löst eine heikle Debatte aus
Obwohl der Münchner Trainer die Debatte nicht noch anheizte, weil er schwieg, könnte sie lange nachhallen, vielleicht sogar noch, wenn erste Saisonbilanzen gezogen werden. Erst einmal ist die Debatte nach dem 2:2 des FC Bayern gegen den FC Arsenal am dritten Spieltag der Champions League wegen der Anmerkungen des Bundestrainers ohnehin da. „Ich habe bis heute nicht abschließend verstanden, was Bayern gegen den Ball macht“, hatte Klopp in der Halbzeit bei DAZN gesagt, „mal ist es hybrid, dann Mann gegen Mann, dann nicht gegen den Mann.“ Dass Kane überall sei, „finde ich mit Ball in Ordnung, aber gegen den Ball?“, fragte Klopp kritisch.
Kritisiert Klopp sein eigenes System?
Er rätselte, warum sich Kane auch im Mittelfeld-Pressing teils tief positioniert und sagte: „Ich bin nicht der Papst des Fußballs, alle dürfen machen, was sie wollen. Aber abschließend dahinter gestiegen bin ich auch nicht.“ Klopp sagte zwar, er lerne. Zugleich ritt er seine Welle, obwohl ihm bewusst gewesen sein müsste, welche Wirkung seine Zweifel an Kompanys Vorgaben entfalten. Zumal Klopp aus seinen Erfolgszeiten bei Borussia Dortmund und beim FC Liverpool zumindest als Papst des Pressings wahrgenommen wird, das er nun bei den Bayern kritisch beäugte.

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Es war ein Abend geworden, nach dem sich neben der Fachdiskussion auch diese Frage auftürmte: Was sollte ein Bundestrainer über die Spielweise eines Kollegen sagen? Klopps Zweifel belasten Kompanys Mission fortan. Wie sehr hängt davon ab, wie stark Klopps Zweifel bei den Spielern des FC Bayern verfangen und beim Publikum, darunter bei den Medien. Sollte die Überzeugung an Kompanys Lehre schwinden, wäre das in beiden Fällen ungünstig für das Fernziel Titelgewinn.
Knifflige Situation beim FC Bayern
Schon jetzt wird es für den FC Bayern nach fünf Punkten aus drei Spielen knifflig, direkt ins Achtelfinale einzuziehen und die zehrenden Playoffs zu vermeiden. Auch deshalb, weil in Europa nun zwei Auswärtsspiele bei Atlético Madrid und OSC Lille anstehen. Vor allem die Aufgabe bei Diego Simeones kampfstarkem Atlético könnte es in sich haben. Am vorletzten Spieltag geht es zudem zu Manchester United. Nach München kommen noch Slavia Prag und das bisher dreimal siegreiche Betis Sevilla. In der vergangenen Saison reichten 16 Punkte gerade so für einen Platz unter den ersten Acht. Um sicher weiterzukommen, sind nun wohl vier Siege aus den verbleibenden fünf Spielen nötig. „Die Ligaphase ist verdammt kompliziert“, sagte Sportvorstand Max Eberl.
Es war ein durchaus ärgerliches Remis für die Bayern gegen Arsenal, gut eine Woche nach dem unnötigen 3:3 beim Außenseiter Viking Stavanger. Anfangs hatte der Vorjahresfinalist nun zwar dominiert und durch Eberechi Eze die verdiente Führung erzielt (25.). Die Bayern kamen aber stark zurück, vor allem dank des wieder einmal überragenden Kane. Seinen perfekt dosierten Pass in die Gasse auf Alphonso Davies vor dem 1:1 (35.) bezeichnete Tom Bischof bewundernd als „geisteskrank“. Später traf Kane zum 2:1 per Handelfmeter (61.). Doch zum Sieg reichte es nicht, weil Davies Declan Rice laufen ließ, der nach einer schönen Kombination Arsenals vollendete (82.). „Ein bisschen schade“, nannte Kompany den verpassten Sieg, zumal seine Mannschaft nach der Führung Chancen aufs 3:1 vergeben hatte.
Trotz der leichten Enttäuschung konnten die Bayern das 2:2 in Teilen auch als Bestärkung für ihre Ambitionen werten. Ihre Leistungsträger Michael Olise (Sperre), Joshua Kimmich (Trauerfall) und Jamal Musiala (Faserriss) hatten ja gefehlt. Zudem kam Luis Díaz wegen muskulärer Beschwerden erst zur 68. Minute, musste kurz vor Schluss dann mit einem „kleinen Muskelbündelriss“ wieder raus. Trotzdem hatten die Bayern mit ihrer ungewohnten Formation der besten Abwehr der Champions League die ersten Gegentore der Saison eingeschenkt und an den Rand einer Niederlage gebracht. „Wir können stolz auf uns sein, hier zu bestehen“, sagte Arsenals deutscher Nationalspieler Kai Havertz, „wir wissen, dass die Bayern eine der besten Mannschaften in Europa sind.“ Von Klopps Zweifeln hatte er da noch nichts gehört.




