Wer wissen will, wie sich Liebe zum Laufen anfühlt, muss sein Buch lesen. Ungeachtet seiner Zeiten, Rekorde und Medaillen ist es vielleicht die größte Leistung von Amanal Petros, dass er seine Lebensgeschichte zusammen mit der Autorin Mara Pfeiffer detailliert dargelegt hat. „42,195 Kilometer – Mein langer Lauf in die Freiheit“ heißt die packende Biografie, die viel über einen Menschen verrät, der im Januar 2012 als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling in ein ihm bis dahin völlig unbekanntes Land kam. „Über den Sport ist Deutschland mein Zuhause geworden“, sagt er heute. Als Deutscher, Sportsoldat und Vorzeigeathlet.

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Der 31-Jährige startet am Sonntag erstmals beim Frankfurt Marathon, der so viele Blicke auf sich zieht wie nie zuvor. Die 43. Auflage bringt das schnellste Männer-Elitefeld in der Geschichte des ältesten Stadtmarathons an die Startlinie an der Messe. Vier Läufer haben eine persönliche Bestzeit unter 2:05 Stunden, darunter mit Samuel Fitwi (2:04:45) und Richard Ringer (2:04:47) zwei weitere Deutsche. Petros, in Birmingham gerade diesen Sommer Marathon-Europameister geworden, im Jahr zuvor Vizeweltmeister in Tokio, führt mit seiner Bestzeit (2:04:03) nicht nur die Startliste an. Niemand hat über den Sport mehr Erfüllung gefunden als einer, der in seinem Buch sagt: „Ich bin genau da, wo ich hingehöre, tue genau das, worin ich am besten bin: laufen.“ Und das will er auch in Frankfurt beweisen. „Ich habe so gut trainiert, dass ich weiß, ich kann den Europarekord laufen“, sagte er. Der liegt bei 2:03:36.

Amanal Petros hat eine bewegte Reise hinter sich

Petros wohnt und trainiert in Bochum. Er ist in Tigray aufgewachsen, in Assab geboren. Eine Stadt, die in Eritrea liegt, ehemals Teil von Äthiopien. Über den Grenzverlauf gab es immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen. Sein Vater kam in diesen unruhigen Zeiten als politisch aktiver Mensch ins Gefängnis – und kehrte nie wieder zurück. Daraus leitete sich auch die Gefährdungslage für den Sohn ab. Deutschlands bester Marathonläufer gewährt in dem Werk erstmals Einblicke in sein Gefühlschaos, wie er als 16-Jähriger mit dem Flugzeug von Mek’ele nach Frankfurt kam – und von dort in den Zug nach Bielefeld stieg, um die dortige Flüchtlingsunterkunft zu erreichen. Wer ihm geholfen hat – auch finanziell – verrät er nicht, um seine Unterstützer nicht zu gefährden. Niemandem hatte er etwas verraten, als er Hals über Kopf über Nacht aufbrach. Er weiß im Rückblick auch, dass er vor der großen Flüchtlingswelle eine intensive Betreuung erfuhr, die „heute vielerorts gar nicht mehr möglich ist“.

Das Buch ist deshalb fesselnd, weil immer wieder der Gegenschnitt in seine Kindheit erfolgt – und damit das Für und Wider aus zwei Kulturen veranschaulicht wird. Für die erste Zeit galt: „Wir hatten damals nichts und hatten doch alles.“ Erst der Alltag in einem Bauerndorf ohne Strom, mit dem Rhythmus der Natur und zusammen mit den Tieren, später in der Stadt Wukro, wo er erste Botengänge für die Soldaten erledigte, mit Gewehren auf Holzklötzchen schoss und sich nichts dabei dachte. Dann ein Leben in Bielefeld, wo so vieles organisierter, aber nicht alles besser war. Petros zitiert eine Weisheit seiner Mama, wonach man in Afrika Zeit hat und in Europa Uhren. Und er wiederholt ständig: „Tigray bleibt Heimat, mein Zuhause ist Deutschland.“ Die Suche nach der eigenen Identität wird vielleicht sogar eine ewige Herausforderung bleiben.

Viele Wegbegleiter helfen Amanal Petros in seiner Karriere

Rührig die Passage, wie er einen Citylauf in Espelkamp gewann, nachdem irgendjemand die vier Euro Startgebühr für ihn hinlegte. Petros trug eine Mütze und Kopfhörer und lief die zehn Kilometer bereits ohne Training in 34:52 Minuten. Anschließend war er nicht mehr aufzuhalten und verbesserte sich so rasant, dass auch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) sich für seine im Sommer 2015 erfolgte Einbürgerung einsetzte. Schlüsselrollen bekleideten sein Entdecker Gerd Grundmann, seine Trainer Thomas Heidbreder (SV Brackwede) und Tono Kirschbaum (TV Wattenscheid), die vielleicht alle zeitweise auch Ersatzväter waren. Wenn seine Gedanken mal wieder ums Wohlbefinden seiner Mutter und seiner Halbschwestern Yordanos und Amlekawit kreisten, zu dessen Vater er nur ein distanziertes Verhältnis pflegte.

Einmal kehrte er zurück nach Tigray – nach einer trügerischen Entspannung in Äthiopien im Jahr 2019. Die Jahre danach waren zeitweise für ihn ein einziger Horror, weil er nach dem offenen Bürgerkrieg über Monate keinen Kontakt zur Familie hatte. Vielleicht wäre er darüber nicht immer wieder hinweggekommen und hätte sich trotzdem verbessert, wenn er nicht in Iten ein zweites Zuhause gefunden hätte. Bereits das erste DLV-Trainingslager im kenianischen Hochland verlief ergreifend.

Schon beim Zwischenstopp in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba schossen ihm Tränen in die Augen, weil er seiner Familie so nah kam wie jahrelang. Immer wieder solle er in den folgenden Jahren ins Läufer-El-Dorado aufbrechen, wo er sich zwischen zwei Welten bewegen konnte, ohne an der Zerrissenheit zu leiden. Kein Zufall, dass sich der inzwischen für Hannover 96 startende Ausnahmeläufer auch auf Frankfurt wieder in Iten vorbereitet hat. Was beim Showdown zwischen den Hochhausschluchten am Wochenende mit Blickrichtung auf einen neuen Europarekord (2:03:36) geht, wird entscheidend auch von Richard Ringer abhängen.

Athletics Marathon - Day 5 - European Championships Munich 2022
Konkurrenten, die sich verstehen: Amanal Petros feiert Richard Ringer (r.) nach dessen EM-Titel 2022.© Getty | Pretty

Ein Kollege und Konkurrent, der seinen Weg immer wieder kreuzen sollte. Petros lobt ihn mehrfach: „Ein netter, unaufgeregter Typ, mit dem ich auch über Dinge neben dem Sport reden kann.“ Dass der inzwischen 37-Jährige derjenige sein sollte, der 2022 bei der Leichtathletik-EM in München auf der Zielgeraden überholte und zu Gold rannte, während Petros Vierter wurde, konnte er ihm gar nicht krumm nehmen. Schlimmer sind die dummen Kommentare, die ihn vor allem über Social Media erreichen. Was Abneigung und Anfeindung in einem auslöst, der explizit „für Deutschland“ Medaillen gewinnen will, kann man nur erahnen. 

Jo Schindler, der nach 25 Jahren scheidende Renndirektor des Frankfurt Marathon, ist ergriffen von den Schilderungen eines Läufers, mit dem er auch in dessen Trainingslagern in Kenia oft und lange gesprochen hat. „Manches wird klarer: warum er bestimmte Dinge so macht und so denkt.“ Aus seiner Sicht, kann man diesen charismatischen Sportler nicht oft genug als Vorbild für eine gelungene Integration herausstellen. „Er hat diese Rolle von Anfang an positiv angenommen. Am Ende des Buches zieht er ein bitteres Resümee: Vielleicht gehöre ich immer noch nicht so ganz dazu, obwohl ich eigentlich alles mache, was ich für dieses Land tun kann – bei Welt- und Europameisterschaften und bei Olympischen Spielen. Trotzdem muss er sich noch den einen oder anderen dummen Spruch anhören. Das ist bitter für ihn und stimmt sicher auch nachdenklich.“ Was der Veranstalter dagegen tut: „Am Montag nach dem Marathon werden wir eine Lesung veranstalten: Amanal liest aus seinem Buch, Richard aus seinem.“ Vielleicht ist das sogar wichtiger, als mit welcher Zeit sie tags zuvor in die Festhalle gerannt sind.

Buchhinweis

Das Buch von Amanal Petros und Mara Pfeiffer mit dem Titel „42,195 Kilometer. Mein langer Lauf in die Freiheit“ ist in der Verlagsgruppe Droemer Knaur erschienen. Die gebundene Ausgabe kostet 24 Euro. (ISBN 978-3426-56722-7).