Martin Demichelis reicht es so langsam. Ein wenig zumindest, wie der Trainer von RB Leipzig am Tag vor dem Topspiel gegen den FC Bayern (heute, 18.30 Uhr/Sky) durchblicken ließ, der natürlich gefragt wurde, wie es sich denn so anfühle, zurückzukehren nach München. Zwölf Jahre lang war Demichelis erst Spieler und später Trainer der zweiten Mannschaft des deutschen Rekordmeisters gewesen.

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Noch einmal raffte er sich auf. „Jeder weiß, dass es immer besonders für mich sein wird, nach München zu kommen“, sagte er. Danach aber nahm er weiteren Auskünften über seine Heimkehr-Gefühle jeglichen Raum: „Jeder, der mich gut kennt, weiß, dass ich jetzt Trainer von RB Leipzig bin. Ich komme nach München, um zu gewinnen.“

Damit war der Ton gesetzt, mit dem der 45-Jährige die Pressekonferenz am Freitag fortsetzte. Nicht im Angriffsmodus und auch nicht im Überschwang. Aber mit der Überzeugung, dass er sein Team ja zu keiner Klassenfahrt begleitet, sondern in ein wichtiges Bundesliga-Duell führt. 

RB Leipzig zuletzt mit zwei Siegen

Die aktuelle Verfassung seines Kaders spielte dabei eine wesentliche Rolle. Vergangenes Wochenende bezwang Rasenballsport Eintracht Frankfurt (6:0) und am Dienstag in der Champions League die PSV Eindhoven (1:0). Mehr noch aber demonstrierte der Argentinier vor der Reise nach München eine grundsätzliche Auffassung von seinem Job als Fußballtrainer. 

Martin Demichelis als Bayern-Profi im Mai 2010.
Martin Demichelis als Bayern-Profi im Mai 2010.© firo

Keine Zeit für große Sentimentalitäten. Stattdessen: Voller Fokus auf Rasenballsport, und das „24/7“, wie der Trainer mit einem Augenzwinkern bereits bei seiner Vorstellung im Juli verraten hatte. Damals im bittersüßen Scherz mit der Trennung von seiner Frau Evangelina Andersson begründet, die ihm jede Menge Zeit für seinen Job beschert habe. 

Es ist keine drei Monate her, da folgte der Argentinier auf Leipzigs Vorsaison-Trainer Ole Werner, der RB zuvor auf Rang drei der Liga und damit zurück in die Champions League geführt hatte. Werner war am Cottaweg wohlgelitten, erfüllte aber nicht die Vorstellungen des damaligen Red-Bull-Fußballchefs Jürgen Klopp. Klopp machte Demichelis auf Mallorca ausfindig, wo sich beide öfter über den Weg liefen. Man tauschte sich aus, kam überein, im Juli war Werner entlassen und Demichelis sein Nachfolger.

Ich komme nach München, um zu gewinnen.

Martin Demichelis,, Trainer von RB Leipzig

Der Argwohn, der diesen ominösen Trainertausch begleitete, erwies sich anfangs als Bürde. Demichelis legte mit seinem Personal einen Paternosterstart hin. Sieg im Pokal gegen Trier (6:0), Sieg in der Liga gegen Gladbach (3:0), Niederlage gegen Bremen (1:3), Niederlage gegen Como in der Champions League (1:4), Sieg gegen Hamburg (5:0), Niederlage gegen Leverkusen (0:2).

Erst die Länderspielpause hat den Trend gestoppt. Demichelis berichtete unlängst von wichtigen Analysen, an denen sämtliche Fachkräfte im Klub beteiligt gewesen seien, eingeschlossen Ex-Leverkusen-Coach Roger Schmidt, der Klopps Rolle nach dessen Wechsel ins Bundestrainer-Amt Rolle übernommen hat. Im Anschluss nahm der Bundesliga-Neuling Demichelis kleinere Umstellungen in den taktischen Formationen vor, sprach seinem Personal ins Gewissen und packte sie bei ihrem Stolz. Mit dem Ergebnis, dass jetzt zwei Siege im Gemüt mit nach München fliegen. „Wir haben zuletzt viel Energie und Überzeugung getankt“, sagte Demichelis.

„Vollkommen happy“ bei RB Leipzig

Für sein persönliches Wohlbefinden, erklärte Demichelis, waren die vergangenen drei Wochen deshalb nicht ohne. Er sei vollkommen happy mit seiner Situation“, was für die Stadt gelte, für den Klub, dessen Mitarbeiter, die er von Tag zu Tag „besser kenne“, und vor allem für die Arbeit mit seinen Spielern, die er langsam dort hat, wo er sie haben will.

Genauso wenig aber, wie er seiner Rückkehr nach München zu viel Bedeutung beimisst, wollte der frühere Weltklasse-Verteidiger seine Lage allein mit den jüngsten zwei Spielen begründen. Ihn hat vor allem eine grundsätzliche Haltung durch die ersten Wochen am Cottaweg getragen: aufrecht gehen, nicht zittrig sein, aber auch nicht übermütig. Annehmen, was ist – und Freude daran haben. „Ich liebe Druck“, so Demichelis. „Darum geht es ja im Fußball: Dass man was riskiert.“

Mit dieser Einstellung geht es jetzt gegen den Ex-Klub. „Wir müssen keine Angst haben“, schloss er gestern sein Vorgespräch auf das erste Pflichtspiel als Trainer gegen die alte Liebe FC Bayern und berichtete: „Ich sage meinen Spielern immer: Ihr braucht Stolz und Mut. Dann entscheidet nicht der liebe Gott, wie das Spiel ausgeht, sondern wir entscheiden es.“