Martina Navratilova kann sich noch gut erinnern an diesen kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher ihrer Familie daheim in Revnice, unweit von Prag. Es ist Mitte der 1960er-Jahre und Navratilova noch Grundschülerin in der damaligen Tschechoslowakei. Sie gilt als talentierte Tennisspielerin und sie sieht in dieser klobigen Flimmerkiste das Wimbledon-Finale.

Donnerstag
Eiszeit – der Eisbären-Newsletter
Jeden Donnerstag alles Wichtige von den Eisbären Berlin – Highlights, News und spannende Einblicke.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Die kleine Martina spürt sofort das große Verlangen, dort, auf diesem Rasen, auch mal triumphieren zu wollen. Ort und Atmosphäre hätten sie sofort fasziniert, erinnert sich Navratilova ein halbes Jahrhundert später im US-Fernsehen. Diese Faszination ist für sie bis heute geblieben. Und Navratilova, die am Sonntag 70 Jahre alt wird, war viele Jahre selbst ein bedeutender Teil dieser Anziehungskraft, hat etliche Kapitel zur besonderen Geschichte dieses Rasen-Grand-Slams in Wimbledon beigetragen.

Sie hat alle wichtigen Turniere der Welt gewonnen – mehrfach. Im Einzel, im Doppel und auch im Mixed. Doch nirgends war sie so erfolgreich wie in Wimbledon. Rekordgewinnerin mit neun Einzel-Titeln. Ihre sechs aufeinanderfolgenden Triumphe von 1982 bis 1987? Ebenfalls unerreicht. Navratilova gewinnt auf dem Heiligen Rasen 41 Matches nacheinander. Diese Serie wird erst im Endspiel 1988 von Steffi Graf gestoppt. Mit der Deutschen liefert sich die Linkshänderin herausragende Duelle. „Gegen sie hat es am meisten Spaß gemacht. Wir waren beide großartige Athletinnen. Steffi hat mich zu Bestleistungen gezwungen wie kaum eine andere”, betont Navratilova.
Passion für Tennis

Bereits als Kleinkind ist sie sportlich aktiv. Mutter Jana und Großmutter Agnes sind Skifahrerinnen und Tennisspielerinnen gewesen. Auch Navratilova liebt es, die Pisten im Riesengebirge herunterzusausen, noch bevor sie ihre Passion für Tennis entdeckt und anfängt, mit einem viel zu großen Holzschläger ihrer Oma, Bälle gegen eine Hauswand zu dreschen. Tennis, Schwimmen, Eiskunstlauf, Eishockey oder auch der Sprint ums eigene Haus mit dem Ziel, schneller als am Vortag zu sein – Navratilova ist vielseitig und fordernd gegen sich selbst.

Geboren wird sie als Martina Šubertová, die Eltern lassen sich scheiden, als sie drei Jahre alt ist. Mutter Jana heiratet anschließend Miroslav Navratil, Tochter Martina nimmt dessen Nachnamen an. Der Stiefvater wird ihr erster Tennislehrer. Als Navratilova elf Jahre alt ist, beenden Truppen des Warschauer Paktes im August 1968 gewaltsam den Prager Frühling und somit den Versuch, einen demokratischen Sozialismus zu etablieren.
Ihr Trainer, George Parma, befindet sich in jenen turbulenten Tagen in Österreich und entscheidet sich, nicht in die Tschechoslowakei zurückzukehren. Er hatte Navratilova oft gesagt, dass Tennis ihre Chance sein könnte, die Welt zu sehen. Mit 17 Jahren spielt sie 1973 erstmals in den USA – und ist sofort begeistert. Die Palmen in Florida, die im Vergleich dick belegten Schinken-Sandwiches, die Autos – Navratilova liebt alles. Als sie im August 1975 zu den US Open fliegt, ist sie „zu 99 Prozent“ sicher, nicht in die Heimat zurückzukehren, sondern in den USA politisches Asyl zu beantragen.
Ihre Mutter weiß nichts von dem Plan. Noch Jahrzehnte später bricht Navratilova in Interviews in Tränen aus, wenn sie darüber spricht, ihre Mutter ahnungslos daheim zurückgelassen zu haben. In Amerika bekommt sie eine Green Card, in der Tschechoslowakei wird sie als „gierige Kapitalistin“ bezeichnet, der es „nur noch ums Geld“ gehe.
Erster Wimbledon-Sieg 1978
1978 gewinnt Navratilova als 21-Jährige erstmals in Wimbledon. Doch im Moment des bis dahin größten Erfolges ist sie alleine. Ihre Eltern durften nicht nach London reisen. Sie fahren stattdessen nach Pilsen. Von dort sind es nur rund 75 Kilometer bis zur westdeutschen Grenze, so dass die ARD-Übertragung des Endspiels gut zu empfangen ist.

In den USA entwickelt sich Navratilova zur prägenden Spielerin der Achtziger. Ihre Markenzeichen: Brille, Stirnband, Serve and Volley. Sie outet sich als homosexuell. Ihre damalige Dauerrivalin, Chris Evert, mit der sie sich 80 Mal duellierte, ist heute eine ihrer besten Freundinnen. Evert ist für Navratilova da, als diese zweimal an Krebs erkrankt. Navratilova begleitet Evert, als bei ihr Krebs diagnostiziert wird.
Ihre größte Errungenschaft? Bei 80 Turnieren gleichzeitig im Einzel und Doppel gewonnen zu haben, antwortet Navratilova stolz. Der Karriere-Schlusspunkt ist ein triumphaler. Am 9. September 2006 siegt sie bei den US Open im Finale des Mixed-Wettbewerbs an der Seite von Bob Bryan. Es ist ihr 59. Grand-Slam-Titel, knapp 32 Jahre nach dem ersten Triumph 1974 und 39 Tage vor ihrem 50. Geburtstag. Ihr Fazit: „Es war eine tolle Reise.“




