Die Szene war schon verblüffend, doch am erstaunlichsten geriet, wie Manuel Neuer auf sein großes Malheur reagierte. Der 40 Jahre alte Torwart des FC Bayern gestand es entgegen seiner Gewohnheiten fast ohne Umschweife ein. Von einem „bösen“ und „blöden Fehler von mir“ sprach Neuer, „ich hätte einfach eine andere Entscheidung treffen müssen“. Er räumte auch ein, dass der Fauxpas nachgewirkt habe wie ein Kinnhaken bei einem Boxer. Neuer sagte: „Ich musste erstmal in mich gehen, durchatmen.“

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Gemeint war das schnellste Tor der Bundesligageschichte durch Augsburgs Robin Fellhauer nach acht Sekunden (exakt 8,4). Aus Neuers Perspektive und aus der des FC Bayern ist es vor allem das schnellste Gegentor. Direkt nach dem Anstoß hatte Neuer einen Rückpass unsauber angenommen. Danach versuchte er, den auf ihn zulaufenden Fellhauer zu überlupfen. Das misslang gehörig. Neuer schoss Fellhauer an und kam nicht mehr hinterher, als der Offensivspieler des FCA zu seinem Rekordtor einschob. Neuer hob entschuldigend seine Hände.
Turbulentes Remis in Augsburg
Bisher hatten Kevin Volland und Karim Bellarabi mit je neun Sekunden (exakt 9,3) gleichberechtigt als schnellste Torschützen in den Büchern gestanden. Nun steht dort Robin Fellhauer nach diesem turbulenten 2:2. Doch wahrscheinlich wird vor allem Neuers Aussetzer in Erinnerung bleiben. Länger jedenfalls als Bayerns Tore durch Ismael Saibari und Nathaniel Brown sowie die vier weiteren Münchener Treffer, die wegen Abseits nicht zählten.

Dass Neuer ein Fauxpas mit Folgen unterlaufen war, wurde übergeordnet schon während des unterhaltsamen Samstagnachmittags in Augsburg deutlich, an dem Neuer auch zum zweiten Gegentor beitrug. Calvin Brackelmanns Schuss hatte er genau zu Rodrigo Ribeiro abgewehrt, der einschoss. In den Sozialen Netzwerken hatte da längst eine Debatte eingesetzt, die bald jene Menschen fortführten, die das Sportgeschehen professionell kommentieren. Diskutiert wird nun, ob Neuer den rechtzeitigen Abschied verpasst hat und sein Vertreter Jonas Urbig früher als geplant als Stammtorwart übernehmen sollte. Bisher ist vorgesehen, dass der 23-Jährige über gelegentliche Einsätze weiter herangeführt wird und nach dieser Saison zur Nummer eins des FC Bayern aufsteigt, wenn Neuer mit dann 41 Jahren seine Karriere nach Ablauf seines Vertrages beendet. Oder sollte Urbig schneller befördert werden, im Sinne seiner Entwicklung und womöglich sogar im Sinne der aktuellen Ziele des FC Bayern?
Im Verein üben sie nun zwar auch Kritik an Neuer und benennen seine Fehler. Zugleich stützen sie ihren Weltmeister von 2014, der vor mehr als 15 Jahren vom FC Schalke zu ihnen gekommen war und lange Maßstäbe im Torwartspiel gesetzt hatte. „Da gibt’s jetzt überhaupt nicht irgendwas zu rütteln, nur weil Manu jetzt den Fehler gemacht hat“, sagte Sportvorstand Max Eberl. Neuer sei „trotzdem unsere Nummer eins“. Kompany empfahl, sein erfahrener Torwart solle nach seinem „Riesenfehler“ nun „wie immer in seiner Karriere zeigen, wie gut er ist – und das wird er machen“. Ob auch am Dienstag in der Champions League (21 Uhr/Prime) bei Viking Stavanger? „Ich habe eine Vorahnung“, sagte Neuer. Womöglich kommt Urbig beim Außenseiter zu seinem dritten Einsatz für den FC Bayern in dieser Saison.
Urbig gilt als künftige Nummer eins der DFB-Auswahl
Bundestrainer Jürgen Klopp hatte Urbig als einzigem der eingeladenen Torhüter zuletzt zwei Länderspiele mit der Begründung gewährt, dass der junge Keeper Praxis bekommen solle. Urbig gilt als künftige Nummer eins der DFB-Auswahl, womöglich schon für die EM 2028 anstelle von Marc-André ter Stegen. Urbig hatte bei seinen ersten Einsätzen für die Nationalelf gegen Serbien (2:0) und in Griechenland (0:0) einen ähnlich überzeugenden Eindruck hinterlassen wie zuvor in den meisten seiner 34 Spiele für den FC Bayern in der Bundesliga, Champions League und im DFB-Pokal. Im Januar 2025 war er vom 1. FC Köln nach München gekommen. Viel Lob erhält Urbig auch dafür, dass er trotz seines fehlenden Rhythmus sehr stabil auftritt. Beim nach der WM aus der Nationalelf endgültig zurückgetretenen Neuer wirkt es gerade umgekehrt. Direkt nach seiner jüngsten Auszeit wegen der Länderspiele patzte er nun schwer.
Überhaupt war Neuer in jüngerer Vergangenheit mit einigen unvorteilhaften Szenen aufgefallen. Wie im Viertelfinale der Champions League gegen Real Madrid im April, als ihm vor dem 0:1 ein kapitaler Fehlpass in die Füße von Arda Güler unterlief. Auch auf die beiden Spiele gegen Hoffenheim in der vergangenen Saison wird nun verwiesen oder auf die WM-Partie gegen Ecuador, wenn es um Fehler oder mindestens unglückliche Aktionen geht. Andererseits hatte Neuer im Hinspiel bei Real sensationell gehalten. Doch seine herausragenden Momente werden seltener, seine Leistungen gewöhnlicher. Erstaunlich ist das mit 40,5 Jahren nicht.




