So richtig rund gelaufen war es nicht für Niclas Füllkrug. Erstens verließ der Torjäger von Werder Bremen die Kabine mit einem dicken Eisbeutel an der Wade, herrührend von einer sehr intensiven Begegnung mit Borussia Dortmunds Abwehrspieler Joane Gadou. Zweitens hatte er den Auftrag des Werder-Busfahrers nur in Teilen ausgeführt. Andreas Grassmann nämlich wurde am Freitag 58 – und er hatte sich von Füllkrug ein Tor in der 92. Minute gewünscht. „Das stimmt wirklich“, erzählte der Stürmer später und grinste sein lückenhaftes Grinsen. Der einzige Schönheitsfehler: Grassmann war von einem Treffer zum 1:0 für Werder ausgegangen, tatsächlich aber hatte Füllkrug in der Nachspielzeit zum 2:2 getroffen.

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Aber auch damit konnte der Torjäger gut leben, denn seine Bremer hatten ja schon 0:2 zurückgelegen beim BVB – da fühlte sich der späte Ausgleich fast an wie ein Sieg. Außerdem habe man „bei der stabilsten Mannschaft der Liga aktuell bestanden, die einen sehr klaren Spielstil hat, sehr wuchtig und sehr physisch spielt“, urteilte Füllkrug. „Und wir gehen hier mit einem Punkt nach Hause.“

Und natürlich war da auch ein klein wenig persönliche Genugtuung, obwohl der Stürmer viel zu höflich war, diese heraushängen zu lassen. Denn es gab da ja dieses eine gemeinsame Jahr, die Saison 2023/24, in der Füllkrug und der BVB ins Champions-League-Finale stürmten, in der der Stürmer in 43 Spielen 15 Tore schoss und 10 weitere vorbereitete. Und doch verpflichteten die BVB-Verantwortlichen dann im Sommer Serhou Guirassy, was Füllkrug nicht zu Unrecht als Misstrauensvotum interpretierte. Er flüchtete zu West Ham, wo es auch wegen einiger Verletzungen nicht so wirklich lief, dann leihweise zur AC Mailand und jetzt zurück an die Weser, ebenfalls leihweise. Und dort blüht der 33-Jährige regelrecht auf, kommt inzwischen auf fünf Tore in sechs Pflichtspielen.

Füllkrug erinnert beim BVB an starke Champions-League-Zeiten

Mit dem vorläufigen Höhepunkt in Dortmund. „Ich habe den BVB sehr gerne, das wisst ihr, glaube ich, auch“, sagte er nach dem Spiel anstandshalber. „Ich habe ein ganz besonderes Jahr hier gehabt.“ Aber so richtig verstanden fühlte er sich eben doch nie. In Bremen ist das anders, da setzen sie uneingeschränkt auf ihren „Fülle“. Und der hat auch im fortgeschrittenen Alter noch einiges zu bieten, gerade wenn das Flutlicht angeht. „Das war heute der Champions-League-Fülle, ne?“, sagte er grinsend. „Hier im BVB-Stadion, 20:30 Uhr – da habe ich immer performed. Das waren meine besten Leistungen beim BVB, die Champions-League-Nächte.“

Und blöderweise aus BVB-Sicht scheint der Freitagabend der Champions-League-Abend des kleinen Bremer Mannes zu sein, so zumindest sah es Füllkrug. Dabei sah das Bremer Spiel so gar nicht nach Königsklasse aus, 80 Minuten lang verschanzten sich die Männer von der Weser am eigenen Strafraum. Erst als Daniel Svensson (80.) und Nico Schlotterbeck (85.) das Spiel mit ihren Toren zugunsten des BVB entschieden zu haben schienen, wagten sich die Bremer konsequent nach vorne. „Wir sind schon eine krasse Mannschaft“, staunte Füllkrug: „Wenn man so spät im Spiel zwei Tore kassiert, und dann einfach noch mal einen Gang hochschalten kann – und nicht nur die Spieler, die eingewechselt werden, sondern auch die Spieler, die auf dem Platz sind –, dann ist das schon extrem gut.“

Die mentale Stärke der Bremer fehlte dem BVB an diesem Abend

So überzeugten die Bremer um Füllkrug mit einer mentalen Stärke, die den Dortmundern an diesem Abend abging, weil sie gegen Ende die Konzentration und die gewohnte Stabilität vermissen ließen. Sinnbild dafür war ausgerechnet Waldemar Anton, der mit Abstand konstanteste Leistungsträger der vergangenen Wochen. Gegen Bremen nun war er meist Füllkrugs direkter Gegenspieler, schaffte es meist, dessen Kreise entscheidend zu stören – in der entscheidenden Szene aber nicht: Da war er dem Torschützen Füllkrug zugeteilt, wurde von den Bremern aber weggeblockt. Die entscheidenden Fehler aber waren schon vorher passiert: „Wir haben da nicht klar genug, nicht gut genug verteidigt“, monierte Anton. Schlimmer noch: „Wir haben nach dem 2:0 ein bisschen aufgehört, an unserem Plan festzuhalten. Wir haben nicht mehr gut verteidigt, viele Fouls gemacht, wo wir einfach zu spät kommen.“

Borussia Dortmund - Werder Bremen
Völlig losgelöst: Niclas Füllkrug nach seinem Ausgleichstor.© dpa | Thissen

Aber warum? Fehlende Kräfte durch die lange Länderspielphase? Das wollte der Abwehrchef so nicht gesehen haben. Stattdessen sei man sich seiner Sache wohl etwas zu sicher gewesen nach einem dominanten Spiel und der 2:0-Führung. „Ich glaube, da hat man einfach dann gedacht: Es läuft alles für uns gerade, das können wir so nach Hause bringen. Und das hat Bremen dann natürlich knallhart ausgenutzt.“ Durch einen Torhüter, der es an alter Wirkungsstätte allen noch einmal zeigen wollte.