Kaum ein anderer Schauplatz im Ausdauersport besitzt eine solche Strahlkraft wie Kailua-Kona. Der Sehnsuchtsort für alle Triathleten, die sich über die 3,86 Kilometer Schwimmen in der Kailua Bay, 180,2 Kilometer Radfahren entlang des Queen-K-Highways und 42,195 Kilometern Laufen mit dem legendären Energy Lab quälen. Die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii wird eine ewige Gratwanderung zwischen Traum und Albtraum bleiben. Einen Tipp hat Patrick Lange für alle Altersklassenathleten, die das erste Mal die Strapazen auf sich nehmen.
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„Man verliert sich sehr leicht in seinen Wattwerten und seiner Zielzeit, aber Kona ist ein Erlebnis, das man vielleicht nur einmal im Leben hat. Sorgt dafür, dass ihr den Moment auch wirklich genießt.“ Rät einer, der als dreimaliger Hawaii-Champion (2017, 2018 und 2024) beim Profirennen der Männer an diesem Samstag (18.20 Uhr/ZDF) definitiv zum letzten Mal an der Startlinie steht. Erstmals seit 2019 kämpfen Frauen und Männer wieder gemeinsam in einem Rennen um die stachelige Krone auf Big Island.

Die Geschichte der mythenbehafteten Herausforderung hat der gebürtige Bad Wildunger im letzten Jahrzehnt entscheidend geprägt. „Kona hat mir einige der unglaublichsten Momente meines Lebens beschert. Es ist der Ort, der mir am meisten bedeutet“, sagt der 40-Jährige. „Ich denke, dass der letzte Start sehr emotional wird. Ich möchte noch einmal alles rausholen. Ich habe der Insel so viel zu verdanken. Das Ergebnis ist diesmal gar nicht wirklich so wichtig. Sondern mehr das Gefühl, einen guten Tag zu haben.“ Trotz allem möchte er das mit „demselben Ehrgeiz und derselben Wettkampfmentalität angehen wie immer“. Kann er noch einmal an seine alte Leistungsfähigkeit anknüpfen? „Wenn nicht dort, dann sowieso nirgendwo anders.“
Langes Hawaii-Training: hart, aber präzise
Er kenne heute seinen Körper ja viel besser als früher, wisse, was bei ihm funktioniert, und – vielleicht noch wichtiger – was nicht. „Als ich jünger war, wollte ich ständig mehr machen.“ Heute gilt: „Das Training ist hart, aber präziser.“ Der Laufspezialist Lange hat Hitze, Luftfeuchtigkeit und Wind oft genug getrotzt, weil er die Widrigkeiten irgendwie auch mochte. Die Vorbereitung bestand auch jetzt wieder aus einem Zwölf-Wochen-Block: Höhentrainingslager in St. Moritz, ein Hitze- und Feuchtigkeitscamp auf Mallorca und ein Aufenthalt in Texas. Ob es beim persönlichen Hawaii-Finale zu einem Spitzenplatz reicht, erscheint allerdings fraglich. Beim Triathlon in Roth lag er vor drei Monaten mehr als 20 Minuten hinter dem Sieger Sam Laidlow (Frankreich) und eine Viertelstunde hinter Topfavorit Kristian Blummenfelt (Norwegen). Das sind Welten.

Sein Abschiedsrennen wird der in Salzburg beheimatete Lange 2027 auch im fränkischen Triathlon-Mekka bestreiten, wo ihn die Menschenmassen 2021 zum Sieg trieben. Warum das beim Ironman Frankfurt nie geklappt hat, bleibt wohl ein ewiges Rätsel. Es ist allerdings logisch, dass Lange nach so vielen Pleiten, Pech und Pannen nicht den Schlussstrich in der Mainmetropole ziehen möchte. Mehr Erfolge als Lange auf der Langdistanz hat nur Jan Frodeno vorzuweisen, der vor seinen drei Hawaii-Titel auch 2008 Olympiasieger auf der Kurzdistanz wurde. Weil ihm vielleicht ein bisschen das Charisma des Rivalen Frodeno und die Schlagfertigkeiten des Konkurrenten Sebastian Kienle fehlten, musste sich Lange die öffentliche Anerkennung mühsam erarbeiten.

Seine Leidenschaft für den Sport kann ihm jedoch niemand in Abrede stellen: „Diese Karriere hat mich zu den höchsten Höhen und den tiefsten Tiefen geführt. Jeder Erfolg, jeder Rückschlag, jede Lektion hat mich zu dem gemacht, der ich bin.“ Rückblickend bezeichnet der überzeugte Vegetarier gar nicht den Heiratsantrag bei seiner Frau Julia beim Hawaii-Sieg 2018 als den prägendsten Moment, sondern den Zieleinlauf 2024: „Nach allem, was mit einer Mutter passiert war, zurückzukommen und wieder zu gewinnen, war unglaublich emotional.“
Nach dem Tod der Mutter wie in Trance
In seinem Buch „Becoming Ironman“ beschrieb Lange ergreifend, wie er deswegen fast allen Antrieb verlor. „Die Welt um mich herum versank im Nebel.“ Seine Mutter hatte im Januar 2019 die Diagnose Magenkrebs erhalten und verstarb im Februar 2020. Zwischendrin absolvierte Lange Wettkämpfe wie in Trance und verschwieg die private Belastung. Der Dreikampf in Frankfurt mit Frodeno und Kienle geriet 2019 ebenso zum Fiasko wie der Showdown auf Hawaii, wo er als Titelverteidiger aufgeben muss.

Sogar die Sinnhaftigkeit des Sports stellte Lange in dieser Phase infrage. Es war rückblickend seine größte Leistung, sich aus diesem tiefen Tal noch mal herausgearbeitet zu haben. Sein nahendes Karriereende verkündete der Grenzgänger im Sommer vom Edersee in Nordhessen. Dort, wo er 1999 seinen ersten Triathlon überhaupt bestritten hatte. „Damals hatte ich gar keine Ahnung, wohin mich dieser Weg überall noch bringen wird“, sagte Lange damals in seinem Video auf Instagram. Inzwischen ist der Kanal für seine 295.000 Follower mit Beiträgen aus Hawaii befüllt. Dabei lächelt er oft. Weil es der letzte Höllenritt ist?



