Auf einigen Bildern lächelt Marcus Ehning tatsächlich. „Das vergesse ich hier und da schon mal“, sagt der Springreiter aus Borken. Und lächelt. Kurz.
Wir sind in Löhne. Im Rahmen der Hausmesse von Nolte Küchen hat sich im Raum „Georg“ eine illustre Runde an Pferdeleuten zusammengefunden. Und mittendrin Marcus Ehning mit seiner Familie. Es ist ein besonderer Abend für einen der großen Stilisten im Parcours: Sein Bildband wird vorgestellt.
Marcus Ehning: Bildband entsteht aus spontaner Idee
Wer Ehning auf einem Turnier beobachtet, weiß, was er meint mit dem Lächeln. Wenn der 52-Jährige seinen Plan gefasst hat, verschwindet er gewissermaßen darin. „Wenn ich auf dem Turnier meinen Plan habe und wirklich in meinem Tunnel bin, dann mache ich auch so ein bisschen mein Ding“, sagt er. Für Vanessa von Zitzewitz machte das die Arbeit nicht unbedingt leichter. Zweieinhalb Jahre lang hat die Fotografin Ehning begleitet. Nun liegt das Ergebnis in Form eines opulenten Bildbands auf einem Sideboard.

Bildband „Marcus Ehning“
Das Buch „Marcus Ehning“ ist erschienen im Klartext-Verlag, der wie diese Redaktion zur FUNKE Mediengruppe gehört. Auf 256 Seiten finden sich hochwertige Fotografien von Vanessa von Zitzewitz. Das Buch kostet 129 Euro.
Die Idee dazu entstand zufällig. Von Zitzewitz lernte Ehning bei einem Lehrgang in Frankreich kennen. Ihr großes Idol. Und dann fiel sie auch noch vom Pferd – ausgerechnet vor seinen Füßen. „Mensch, du machst mich ganz nervös“, habe Ehning damals zu ihr gesagt. Sie antwortete: „Du machst mich nervös! Ich habe das Gefühl, ich mache hier gerade meinen Führerschein mit Michael Schumacher.“ Am nächsten Tag fragte sie, ob sie ihn fotografieren dürfe. Das entstandene Foto fand sie „saugut“. Also nahm sie ihren Mut zusammen und fragte, ob sie nicht gemeinsam ein Buch machen wollten. Mit einem Nein hatte sie fest gerechnet. Ehning antwortete knapp: „Ja, warum nicht?“
Von Zitzewitz wollte keinen Katalog großer Erfolge produzieren. Olympisches Mannschaftsgold, zahlreiche WM- und EM-Medaillen, drei Siege im Weltcupfinale: Stoff dafür gäbe es genug.
Der Bildband aber soll zeigen, was außerhalb des Parcours passiert: wie Ehning mit seinen Pferden arbeitet, sie vorbereitet und mit ihnen umgeht – auf Turnieren und zu Hause. Dort, bei den Pferden, sehe man, „wie Marcus wirklich ist“. Zu Hause betreibt Ehning mit seiner Familie in Borken einen Zucht- und Turnierstall.

Das macht den Bildband auch deshalb interessant, weil bei Ehning vieles gerade durch seine Unauffälligkeit auffällt. Im Sattel ist Ehning ein Stilist. Sein Reiten wirkt oft unspektakulär; wie schnell er tatsächlich ist, zeigt eher die Uhr. Wenig sichtbare Einwirkung, gleichmäßiger Rhythmus, selten Hektik. Auch in der Ausbildung setzt er auf Fairness, Timing und darauf, das Pferd auf seiner Seite zu haben. Und Verlässlichkeit spielt offenbar nicht nur im Umgang mit Pferden eine Rolle.
Weltmeisterschaft 2026 wird zum Sommermärchen
Dass das Buch ausgerechnet in Löhne vorgestellt wurde, passt auch biografisch. Seit 20 Jahren verbindet Ehning eine Partnerschaft mit der Familie Nolte. Sie begann mit der Stute Lords Classic, die fortan Noltes Küchengirl hieß. Mit ihr gewann Ehning 2006 den Großen Preis von Aachen. Wenige Monate später folgte am selben Ort einer der bittersten Momente seiner Karriere: Bei der WM verweigerte Küchengirl an der Briefmarken-Mauer. Ehning nahm den Fehler auf sich und räumte zwei Jahrzehnte später ein, damals selbst zu viel gewollt zu haben.

Und dann die Weltmeisterschaft 2026. Mit Coolio war Ehning zunächst nur als Reserve vorgesehen. Nach dem Ausfall von André Thieme rückte das Paar ins Team. Bundestrainer Otto Becker schickte seinen erfahrensten Reiter als Ersten von 145 Startern in den Auftaktparcours. Begeistert war Ehning zunächst nicht: „Erst war ich sauer auf Otto.“ Danach blieben Ehning und Coolio im gesamten Mannschaftswettbewerb ohne Abwurf. Deutschland gewann Gold und Otto Becker sagte: „Marcus hat uns alle mitgezogen.“ Ehning selbst nennt diese WM ein „Sommermärchen“.
Neues Magazin
Karolin Leszinski, die Autorin dieses Textes, ist Chefredakteurin von PADDOCK, dem neusten Magazin der FUNKE Mediengruppe. Die Redaktion schreibt über Pferde, Menschen – und ihre besondere Verbindung. Die aktuelle Ausgabe ist im Zeitschriftenhandel erhältlich.

Zurück in Löhne spricht Maren Schmitt-Nolte über 20 gemeinsame Jahre und über Eigenschaften, die beide Seiten verbänden: Bodenständigkeit, Fleiß und das Streben danach, immer besser zu werden. Auch andere Menschen in diesem Raum begleiten Ehning seit Jahrzehnten, darunter seine langjährige Mäzenin Judith Gölkel und Julia Becker, Verlegerin und Herausgeberin des Buches, die ihn den Großteil ihres Lebens kennt. „Marcus zeichnet aus, dass er die Menschen, die ihm nahestehen, wirklich mitnimmt auf seiner Reise“, sagt sie.

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Im Spitzensport, in dem Besitzer wechseln und Pferde verkauft werden, ist diese Beständigkeit keineswegs selbstverständlich. Die Bilder berühren Marcus Ehning jedenfalls mehr, als es zunächst den Anschein hat. Beim Durchblättern sei „schon ein tränendes Auge dabei“, sagt er.

Julia Becker nennt das Buch eine „Hommage an eine Legende“. Es sei etwas, mit dem Ehning irgendwann seinen Enkelkindern zeigen könne, wer er war. Noch allerdings ist die Vergangenheitsform verfrüht. Wenige Tage nach der Buchpräsentation trat Ehning mit Coolio beim Nationenpreisfinale in Barcelona an. Als einziger Reiter aus dem deutschen Aachener WM-Quartett hatte er dort wieder sein Gold-Pferd dabei. In beiden Umläufen blieb das Paar fehlerfrei. Deutschland gewann nach einem Stechen gegen Brasilien auch den traditionellen Abschluss der europäischen Freiluftsaison. Der Bildband lädt zum Zurückschauen ein. Marcus Ehning reitet weiter. Und lächelt ab und zu auch mal.




