Agit Kabayel hatte sich für ein Hemd mit Längsstreifen entschieden. Sie sollen ja schmal machen. In diesem Fall aber ist das unmöglich. Agit Kabayel ist Schwergewichtsboxer, WBC‑Weltmeister. Schmal sein gehört nicht zu seinem Job. Anders als Anstarren. Staredown nennt sich das in seinem Geschäft. Die Kontrahenten stehen sich gegenüber und schauen sich finster an. Wegschauen verboten. Am Dienstag stand Agit Kabayel dem Albaner Nelson Hysa in einer Location mit Kronleuchter, direkt an den Rheinterrassen in Düsseldorf, gegenüber. Kein Zwinkern, kein Zucken. Der erste deutsche Schwergewichtsweltmeister seit Max Schmeling ist bereit, erstmals seinen WM-Titel zu verteidigen.

In der Düsseldorfer Merkur-Spiel-Arena geht es für Agit Kabayel am 28. November um die Titelverteidigung.
In der Düsseldorfer Merkur-Spiel-Arena geht es für Agit Kabayel am 28. November um die Titelverteidigung.© FFS | Blossey

Wenn er am 28. November gegen den 42 Jahre alten Hysa in den Ring steigt, sind es auf den Tag genau elf Jahre seit dem letzten WM-Kampf im Schwergewicht in Deutschland. 2015 hatte sich in der Düsseldorfer Arena ein arg gezeichneter Wladimir Klitschko, der von den Deutschen so verehrte ukrainische Star-Boxer, dem Briten Tyson Fury nach Punkten geschlagen geben müssen. Der Anfang vom Ende der Klitschko-Ära (Vitali, der Ältere der beiden, hatte seine Karriere schon beendet) und der des Box-Booms in Deutschland. Agit Kabayel war damals, das erzählte er am Dienstag, als Fan im Stadion. Jetzt will er an gleicher Stelle, an der Klitschko scheiterte, „Geschichte schreiben“, ihr aber ein anderes Ende verpassen. Ein Stadion-Kampf sei schon als Kind sein Traum gewesen, verriet der Deutsch-Kurde. Der wird nun wahr. Und er prophezeite: „Wenn die albanischen, kurdischen und deutschen Fans aufeinandertreffen, wird es laut. Ich freue mich riesig darauf.“ Übertragen wird der Kampf von Streaminganbieter DAZN.

13.000 Fans bei Kampf in Oberhausen

Der 34 Jahre alte Bochumer erlebte bisher ein rasantes Jahr: Im Januar verteidigte er in Oberhausen vor 13.000 Fans und einer ekstatischen Stimmung seine Position als WBC-Interimsweltmeister. Im Juni wurde ihm der Titel offiziell zugesprochen, nachdem der ukrainische Superstar Oleksandr Usyk seine WM-Gürtel niedergelegt hatte, statt sich mit Kabayel im Ring zu messen. Fast 100 Jahre nach Schmeling schrieb Kabayel deutsche Sportgeschichte. Er ist zudem der erste Schwergewichtsweltmeister mit kurdischen Wurzeln. Sein Credo: deutsche Disziplin, kurdische Power. Dafür wird er von seiner extrem treuen Fanschaft verehrt und gefeiert. Kaum war der Vorverkauf für seine Titelverteidigung in Düsseldorf geöffnet, meldete der britische Veranstalter Queensberry bereits nach wenigen Tagen rund 30.000 verkaufte von 40.000 möglichen Tickets. Agit Kabayel hat das deutsche Boxen wiederbelebt.

Agit Kabayel
Jubelt vor 13.000 Zuschauern: Agit Kabayel mit dem WM-Gürtel nach seinem siegreichen Kampf in Oberhausen.© Bernd Thissen/dpa | Bernd Thissen

Seit dem offiziellen Karriereende von Wladimir Klitschko 2017 loderten immer wieder vielversprechende Talenteflämmchen in Deutschland auf, doch keinem gelang es, das Feuer der Begeisterung wieder so zu entzünden. Boxen geriet im Land von Schmeling und Henry Maske zu einem Nischensport. Agit Kabayel aber fand hier seine Bestimmung.

Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen in Wattenscheid erlebte er auch schwierige Zeiten. Doch durch das Boxen fand er seinen Weg, Sinn und Perspektive. Mit Talent und Fleiß kämpfte er sich nach oben. Aber auch in seiner Karriere gab es Dämpfer: geplatzte Kämpfe, Stillstand während der Corona-Pandemie, dazu das Gefühl, von Sportdeutschland nicht richtig anerkannt zu werden. „Bei uns ging es immer auf und ab, wie in einer Achterbahn“, sagte Kabayel. „Aber wir haben immer das Beste daraus gemacht.“

Ein bisschen Trashtalk vor dem Kampf

Mittlerweile stehen 27 Profikämpfe, 27 Siege, 19 durch K.o. in seiner Vita. Er ist ein Vorbild für eine junge Generation – auch, weil er trotz hoher Einnahmen bodenständig und authentisch geblieben ist. Er ist kein Lautsprecher, kein Trash-Talker – er regelt die Dinge im Ring. Doch ein bisschen Show gehört zum Box-Business dazu. „Bad Blood“, böses Blut, ist das Motto, das seine Promoter dem Kampf gegen den ebenfalls ungeschlagenen Nelson Hysa verpasst haben. Denn ein kleines Hin und Her hatte es doch gegeben – auch in Sozialen Medien. Kabayel werde sich „alles merken und daraus extra Energie für den Kampf ziehen – um auf den Knockout zu gehen“. Er gesteht Hysa den Punkt zu: „Nelson ist der bessere Trash-Talker, aber am 28. November werden wir sehen, wer der bessere Boxer ist.“

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Der Gegner: Nelson Hysa aus Albanien.© Getty Images | Richard Pelham

Der Albaner hat natürlich kein Interesse, es ihm leicht zu machen. Er will der erste Schwergewichtsweltmeister seines Landes werden, und er hat eine ähnlich intensive Fangemeinde hinter sich wie Kabayel. Dem wiederum ist wichtig, dass es nicht zu hitzig wird. Er formuliert einen Appell: „Lasst uns gemeinsam zeigen, wie zwei Kulturen zusammenhalten. Wir sind nicht nur Gäste in Deutschland, wir sind auch ein Teil von Deutschland und entsprechend sollten wir uns auch benehmen. Er und ich klären das im Ring – und alles andere ist unwichtig.“ Gesprochen wie ein Champion.