Michael Groß, 62, hat einen vollen Terminkalender. Der promovierte Philologe ist Honorarprofessor, Unternehmensberater und Buchautor. Er schlug eine zweite Laufbahn nach seiner sportlichen Karriere ein, die ihm 21 Titelgewinne bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften einbrachte. Vor seinem Aufstieg zur Schwimmlegende wurde der Frankfurter mit 17 Jahren als Juniorsportler des Jahres ausgezeichnet. Ein Preis, den die Sporthilfe an diesem Donnerstag wieder in Köln vergibt.
Herr Groß, Sie wurden 1981 als Juniorsportler geehrt. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Michael Groß: Ziemlich viel. Bei mir hier zu Hause erinnert sehr wenig an Sport und meine Karriere. Hier hängen keine Medaillen mehr. Aber ich habe eine Wand mit den wichtigsten Urkunden. Neben Olympiasiegen und dem ersten Weltrekord hängt dort auch die Urkunde zum Juniorsportler des Jahres.
Warum genau ist sie Ihnen so wichtig?
Diese Ehrung ist der erste Schritt, die erste größere Auszeichnung, die erste bedeutsame Anerkennung in der Karriere. Im Jahr darauf wurde ich direkt Sportler des Jahres. Es ging bei mir steil bergauf.
Der Juniorsportler-Preis ist oft ein Fingerzeig für eine große Karriere. Das galt zum Beispiel auch für Timo Boll oder Magdalena Neuner. Was macht für Sie einen würdigen Juniorsportler aus?
Timo Boll ist da ein schönes Beispiel. Er hat eine ewige Karriere hingelegt. Bei ihm ging es nicht nur darum, dass er sehr gut Tischtennis spielen konnte, sondern auch wie er Tischtennis gespielt hat: mit Respekt vor den Gegnern, als Vorbild für die Jüngeren, durch Leichtigkeit. Das gilt auch für Magdalena Neuner. Es geht um die Art, wie man den Sport betreibt: einerseits sehr engagiert und konsequent, aber eben auch nicht mit Scheuklappen.

Wie lässt sich inmitten des ganzen Leistungsdrucks der Spaß am Sport bewahren?
Wenn man keine Freude daran hat, jeden Tag ins Wasser zu springen, die Tischtennis-Halle oder das Biathlon-Stadion zu betreten, und nicht den Eindruck hat, immer etwas Neues erleben und erreichen zu können, sollte man aufhören. Man sollte nicht Schluss machen, wenn man alles als Leistungssportler erreicht, sondern wenn man alles erlebt hat. Das habe ich auch gemacht.
Sie haben Ihre Karriere bereits mit 26 Jahren beendet.
Das war genau der Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, alles erlebt zu haben. Bei mir war das sogar sehr spektakulär. Wir waren nach der Wiedervereinigung die erste gesamtdeutsche Mannschaft, die bei der Schwimm-WM 1991 angetreten ist. Das waren Zeiten damals, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Nach dem Untergang der DDR hatten die Menschen dort eine neue Freiheit. Das galt auch für die ostdeutschen Sportler. Sie konnten also frei entscheiden, was sie tun und was sie nicht tun. Sie waren selbst davon komplett überrascht. Das war für sie eine riesige Herausforderung von jetzt auf gleich. Freiheit war der größte Wert. Wir sind also als Mannschaft zusammen nach Perth gereist und dort in der Staffel Weltmeister geworden. Das war das absolute Highlight. Ich bin persönlich auf einem extrem hohen Level geschwommen, knapp vorbei an meiner Weltrekordzeit. Es war der perfekte Zeitpunkt aufzuhören.
Haben Sie das Schwimmen danach nicht vermisst?
Nein, überhaupt nicht. Ich hatte so viele andere Projekte. Ich habe meine Promotion begonnen, hatte einen Job in einer Agentur in Frankfurt und habe ein journalistisches Praktikum in Hamburg gemacht. Das war super, das möchte ich nicht missen. Deswegen war das Schwimmen für mich komplett durch.
Würden Sie anderen Sportlern einen dualen Weg empfehlen?
Sicherlich allen olympischen Sportlern, also denen außerhalb der klassischen Profi-Sportarten. Aber auch Fußballklubs sind im Nachwuchsbereich bemüht, dass Spielerinnen und Spieler ihr Abitur machen, auch wenn sie auf dem Profi-Weg sind. Im Sport kann immer etwas dazwischenkommen, eine Verletzung beispielsweise. Das Abitur ist die Eintrittskarte, damit kommt man weiter. In den olympischen Sportarten gibt es ganz wenige Athletinnen oder Athleten, die mit ihrem Sport allein den Lebensunterhalt bestreiten können, wenn man Bundeswehr, Zoll oder Polizei mal ausklammert. Die duale Karriere ist absolut notwendig und wird auch von der Sporthilfe massiv gefördert. Ich sitze dort auch noch in der Jury für den deutschen Sport-Stipendiaten des Jahres. Die Schwierigkeit ist bei uns ein altes Thema: die Parallelität des Systems. Insbesondere in den USA sind Sport, Schule und Studium stark miteinander vernetzt. Die Abläufe sind alle integriert. Die Sporthilfe koordiniert die duale Karriere, damit das einigermaßen reibungslos funktioniert. Auch die deutsche Olympia-Bewerbung kann die Aufmerksamkeit noch einmal auf dieses Thema lenken.
Wie kann Deutschland ansonsten von der Olympia-Bewerbung profitieren?
Es gibt verschiedene Herausforderungen, über die man diskutieren kann. Aber grundsätzlich ist das Thema Olympia, auch die Breite der olympischen Bewegung, hervorragend geeignet, um es in die Grundschulen zu tragen. Mein Sport ist das beste Beispiel: nämlich allein durch das Thema Schwimmenlernen. Früher, als ich jung war, konnte jeder schwimmen, der in die Grundschule kam. Das war gesetzt. Wie sich die Zahlen in den vergangenen Jahren entwickelt haben, ist katastrophal. Immer weniger Kinder können schwimmen.
Woran liegt das?
Es gibt verschiedene Ursachen. Ein Faktor ist, wie viel Wasserfläche eine Kommune anbietet. In Frankfurt wird jetzt sehr viel getan. Es werden neue Bäder gebaut, zwei wurden jetzt eröffnet, nächstes Jahr folgt noch eins. Frankfurt ist aber auch relativ reich. Meine ehemalige Stadt Offenbach hat hingegen nur noch ein Schwimmbad, die anderen beiden wurden geschlossen. Auch Eltern spielen natürlich eine Rolle. Mit einer Olympia-Bewerbung oder gar als Olympia-Ausrichter hat man für das Thema eine ganz andere Aufmerksamkeit. Mit einem solchen Leuchtturmprojekt lässt sich viel kommunizieren, weil sich junge Menschen mit Sport beschäftigen.
Das Schwimmen im Leistungsbereich erlebt in Deutschland einen großen Aufschwung mit Athleten wie Florian Wellbrock, Lukas Märtens oder Johannes Liebmann.
Das wäre jetzt nur der Magdeburger Cluster. Es gibt aber auch eine Anna Elendt, die Weltmeisterin geworden ist und für Frankfurt startet. Sie schwimmt Kurzstrecke, was mit Blick auf die Olympischen Spiele 2028 immer wichtiger wird. Los Angeles hat zum ersten Mal alle 50-Meter-Disziplinen im Programm: Brust, Rücken, Schmetterling und Freistil. Es ist wichtig, dass Schwimmen als olympische Kernsportart in Deutschland wieder Medaillenpotenzial besitzt.
Was würden Sie heute einer Schwimmerin oder einem Schwimmer mit 17 Jahren im Leistungsbereich raten?
Ich würde raten, dranzubleiben. Wenn man es mit 17 schon in die Jugend-Nationalmannschaft geschafft hat, wäre es aus persönlichem Interesse spannend zu erfahren, wie weit man kommt. Das dauert im Schwimmen nicht zehn Jahre, sondern eher zwei oder drei. Es gibt halt bestimmte Zeiten im Leben, in denen man nur bestimmte Sachen machen kann. Leistungsschwimmer kann man nicht mit 40 sein. Das passt nicht. Man sollte sich hinterher nur nicht ärgern. Ich kenne einige bei Ehemaligentreffen, die nach drei Jahren erkannt haben, dass es nicht weiterging, aber trotzdem schöne Erlebnisse hatten. Für sie ist es rückblickend völlig okay, im B-Kader gewesen zu sein. Nicht jeder kann Olympiasieger werden. Unabhängig vom Schwimmen bekommt man durch den Sport unheimlich viel Lebenserfahrung. Es geht darum, mit Niederlagen und Frust umgehen zu können, sich auch mal durchzuboxen. Man lernt im Sport sehr viel fürs Leben.



