Den Schulterschluss mit den angereisten Tifosi hätten Italiens Fußballer im Stade de France zu Paris beinahe übersprungen. Nach dem 1:1 gegen Frankreich am dritten Spieltag der Nations-League-Gruppe 1 klatschten sich die Azzurri gegenseitig ab – und marschierten dann zunächst schnurstracks in Richtung Katakomben. Erst im letzten Moment wandte sich das Team um Kapitän Gianluigi Donnarumma den knapp 2000 Fans im Gästeblock zu.

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Fast schien es so, als hätte sich die Nazionale daran erinnern müssen, dass sie sich den Gang vor die Kurve redlich verdient hatte. Zugegeben: Sieben Tage vorher wäre er tatsächlich undenkbar gewesen. Mit dem Abpfiff zur 0:2-Heimniederlage beim Nations-League-Auftakt gegen Belgien hatte ein gellendes Pfeifkonzert im Stadio Olimpico von Rom eingesetzt. Moralische Unterstützung für den Neustart nach der dritten verpassten WM in Folge? Fehlanzeige.
Die Enttäuschung über den defensiv fahrlässigen und offensiv harmlosen Auftritt gegen die „Rode Duivels“ hatte überwogen – so sehr, dass selbst Italiens Trainer-Rückkehrer Roberto Mancini Verständnis gezeigt hatte: „Die Fans dürfen nach so einem Spiel enttäuscht sein und pfeifen.“ Doch nach dem nicht unverdienten Remis gegen eine spielerisch übermächtige „Équipe Tricolore“, dem ein überraschender 4:1-Kantersieg gegen eine Türkei im Krisenmodus vorausgegangen war, war der 61-Jährige schwer damit beschäftigt, die sichtbar schnellen Fortschritte realistisch einzuordnen.
Italien mit bärenstarken Talenten
„Wir würden uns alle wünschen, dass es schneller gehen würde“, konterte Mancini die Nachfrage eines Reporters: „Es wird ein Weg sein, auf dem es schöne und weniger schöne Momente geben wird.“ Die Stimmung rund um die Squadra Azzurra ist viel zu wankelmütig. Kaum jemand weiß das besser als Mancini, der schon einmal einen sportlichen Neustart der Azzurri vorangebracht hat – und aktuell dafür gelobt wird, bärenstarke Talente wie Rechtsverteidiger Michael Kayode (22 Jahre/Brentford) oder Stürmer Pio Esposito (21 Jahre/Inter) von Beginn an zu bringen.

Im Mai 2018 hatte Mancini den vierfachen Weltmeister, der erstmals nach 60 Jahren die Qualifikation zu einer WM verpasst hatte, zum ersten Mal übernommen – mit der Ansage, um EM- und WM-Titel spielen zu wollen. Es folgten der EM-Triumph im Corona-Sommer 2021, 37 Spiele ohne Niederlage und zwei dritte Plätze in der Nations League, aber auch das erneute Scheitern in den WM-Play-offs 2022 – gegen Nordmazedonien. Im Sommer 2023 trat Mancini nach Unstimmigkeiten mit dem damaligen Verbandschef Gabriele Gravina zurück. Nur wenige Tage später heuerte er als Nationaltrainer in Saudi-Arabien an. Ein Schritt, der ihm bis heute negativ anhaftet, auch wenn er schnell und mehrfach Reue bekannte.
Für Italien ging es in der Zeit nach Mancini rapide bergab. Bei der EM 2024 in Deutschland präsentierte sich der Titelverteidiger taktisch überfordert und emotional ausgelaugt. Das Aus für Luciano Spalletti, der Mancinis Nachfolge als hochgelobter Meistertrainer der SSC Neapel angetreten hatte, war nach einem 0:3 im ersten Qualifikationsspiel zur WM 2026 gegen Norwegen fix. Gennaro Gattuso konnte den erneuten Gang in die WM-Play-offs nicht abwenden. Dort war diesmal nach Elfmeterschießen gegen Bosnien-Herzegowina Endstation.
Der überfällige Wechsel an der Verbandsspitze brachte Mancini zurück ins Amt. Für Gravina kam Giovanni Malagò, der seit 2023 in den olympischen Gremien des Landes gute Arbeit geleistet hat – und schon vor seiner Wahl im Juni als Befürworter des früheren Offensiv-Genies von Sampdoria Genua galt. Doch das Machtwort des Präsidenten pro Mancini sorgte für einen Bruch zwischen Malagò und Italiens neuer Technischen Direktion. Die Milan-Ikonen Paolo Maldini und Leonardo, die Malagò mit der Aufgabe betraut hatte, den Calcio von Grund auf zu reformieren, traten im Juli nach nur 16 Tagen im Amt zurück.
Im italienischen Verband herrscht Ungemach
Maldinis Acht-Jahres-Plan war damit hinüber. Einen konkreten neuen Plan gibt es nicht. Zumal im Verband weiter Ungemach herrscht. Am Dienstag wird im Nationalrat des Nationalen Olympischen Komitees (CONI) darüber abgestimmt, ob Malagòs Wahl zum Präsident des Fußballverbands (FIGC) überhaupt rechtens war. Es geht – sehr vereinfacht gesagt – um einen Formfehler: Der langjährige CONI-Boss Malagò war zum Zeitpunkt der Wahl noch nicht als FIGC-Mitglied registriert.
Im günstigsten Fall bleiben von dieser Debatte nur die Erinnerung an Chaos durch politische Pedanterie und der Rücktritt von Diana Bianchedi als Delegationschefin der Nationalmannschaft. Der früheren Florett-Olympiasiegerin, die als CONI-Vizepräsidentin und Mitglied des Exekutivkomitees über Malagòs Verbleib abstimmen darf, hatte zuletzt unter anderem Italiens Sportminister Andrea Abodi einen Interessenskonflikt vorgeworfen, was Bianchedi nicht auf sich sitzen ließ. Die 56-Jährige hatte erst im Sommer Torwartlegende Gianluigi Buffon beerbt. Ist Malagò nach Dienstag wieder Geschichte, liegen die Pläne für eine Neustrukturierung des Calcio genauso brach wie die Co-Organisation der EM 2032.
Roberto Mancini will und muss den Neustart der Nazionale ungeachtet davon fortführen. Gegen die punktlose Türkei ist ein Sieg an diesem Montag (20.45 Uhr) in Bologna nun fast schon Pflicht – Erfolg verpflichtet. Aber immerhin: Die Tifosi glauben an die „Auferstehung der Azzurri“, von dem die Tageszeitung „La Repubblica“ schon nach dem Hinspiel gegen die Türkei wieder gesprochen hatte.




