Neun Länderspiele stehen in der langen Vita von Bernd Leno. Zuletzt gehörte der Stammtorhüter des FC Fulham vor zwei Jahren zum Kreis der Nationalmannschaft – vor der Heim-Europameisterschaft. Heute ist er 34 und blickt aus seiner Premier-League-Perspektive ziemlich entspannt auf Fußball-Deutschland und die Nationalmannschaft. Zumindest vermittelt er diesen Eindruck im Gespräch. Seine Erfahrung könnte bald wieder gefragt sein: Ab der kommenden Saison gilt Leno als möglicher Backup-Kandidat im Tor des FC Bayern – für den Fall, dass Manuel Neuer seine Karriere tatsächlich beendet.
Herr Leno, direkt gefragt: Wen würden Sie sich langfristig als Neuer-Nachfolger im deutschen Tor wünschen?
Bernd Leno: Das ist eine sehr, sehr gute Frage, denn im Moment gibt es keine klare Nummer eins, wie es sie die letzten 15 Jahre mit Manuel gab. Für mich war er der Beste. Meiner Meinung nach kommen aber einige junge, talentierte Jungs nach. Von außen betrachtet würde ich sagen, dass der Torwart vom FC Bayern kommen wird, weil sie derzeit über die besten Torhüter verfügen. Meiner Ansicht nach sollte die Wahl auf Jonas Urbig fallen. Er muss darauf vorbereitet werden, in Zukunft die Nummer eins zu sein. Was ich von ihm sehe, ist sehr beeindruckend. Er ist sehr talentiert, hat hervorragende Reflexe und ist vor allem mutig.

Welche anderen Torhüter können den Sprung nach oben schaffen?
Noah Atubolu ist ebenfalls sehr talentiert. Er ist sehr fokussiert und man sieht, dass er eine Mentalität hat, die man an der Spitze braucht – diesen unbedingten Siegeswillen. Ich denke, er sollte ebenfalls in die Auswahl kommen.
Welche Hoffnungen verbinden Sie mit Jürgen Klopp als Bundestrainer?
Ich muss sagen, ich setze große Hoffnungen in Jürgen, denn er kann die Wende im deutschen Fußball einleiten. Wir brauchen jemanden, der für eine gute Stimmung in der Nationalmannschaft sorgt – einen Trainer, der die Menschen und Fans hinter der Mannschaft vereint. Die Spieler respektieren ihn. Sie schätzen seine Art als Mensch und als Trainer, aber er muss mit jungen Spielern etwas Neues aufbauen. Letztendlich ist es wichtig, den Spielern mehr Freiräume zu lassen und sie nicht wie Roboter zu behandeln.
Auch Per Mertesacker wird zum DFB-Team stoßen und dort als Geschäftsführer Sport fungieren. Sie kennen ihn vom FC Arsenal, unter seiner Ägide hat der Klub Top-Talente wie Bukayo Saka und Reiss Nelson erfolgreich an die Profimannschaft herangeführt.
Als ich bei Arsenal war, hat er wichtige Veränderungen angestoßen und hervorragende Arbeit geleistet. Gemeinsam mit Jürgen kann er die Zukunft des deutschen Fußballs gestalten, auch wenn das nicht von heute auf morgen geschehen wird. Das ist ein Prozess, der einige Jahre in Anspruch nehmen wird. Sie sind genau die richtigen Leute für den DFB.

Der englische Fußball hat sich seit dem deutschen WM-Titel 2014 enorm entwickelt. Hat der DFB den Anschluss verloren?
Die Probleme im deutschen Fußball sind nicht erst gestern entstanden. In den Nachwuchsleistungszentren gibt es schon seit mindestens zehn Jahren Schwierigkeiten. Es ist nicht nur die Bundesliga, die hinter der Premier League zurückgefallen ist – das ist sie definitiv. Das Problem liegt wahrscheinlich in der Trainerausbildung, ich weiß es nicht genau. Alles beginnt in den Akademien, bei der Art und Weise, wie junge Spieler gefördert werden. Man muss den Spielern in Deutschland mehr Freiheit geben, ihre Fähigkeiten zu zeigen. Noch einmal: Man darf die Spieler nicht wie Roboter behandeln, sondern man muss ihnen Freiraum zur Entfaltung lassen.
Dazu kommt die Finanzkraft der Premier League, ein enormer Vorteil gegenüber der Bundesliga.
Das lässt sich immer dann beobachten, wenn ein Spieler in Deutschland eine herausragende Saison spielt: Er wechselt sofort zu einem der großen Vereine in Spanien oder in die Premier League – selbst zu Klubs aus dem Tabellenmittelfeld, weil diese deutlich besser zahlen. Zudem können sie hohe Ablösesummen stemmen. Die meisten Spieler wollen in der Premier League spielen, weil sie weltweit so populär ist.
Glauben Sie, dass die 50+1-Regel den deutschen Fußball ausbremst?
Was die Wahrung der Tradition und die Einbindung der Fans in den Sport angeht, ist der Fußball in Deutschland einzigartig. Es gibt dort eine großartige Tradition und eine gewisse Freiheit in den Stadien. Um auf europäischer Ebene konkurrenzfähig zu bleiben, benötigen deutsche Vereine mehr finanzielle Unterstützung, sollte dies nicht möglich sein, ist womöglich ein Wandel erforderlich.


