Ist das nur eine Momentaufnahme in einem Titelrennen der Formel 1, das schon als entschieden galt – oder eine Trendwende? Nach sechs sieglosen Rennen meldet sich George Russell im Duell der Silberpfeile um die Krone der Königsklasse mit einem Start-Ziel-Sieg in Aserbaidschan zurück. WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli wurde nach verpatztem Qualifying nur Fünfter, führt insgesamt aber immer noch mit komfortablen 66 Punkten Vorsprung.

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Das interne Kräftemessen spitzt sich zu. Zwischen Jäger und Gejagtem kommt es schon am Sonntag in Malaysia zur nächsten mentalen Auseinandersetzung. Crunch Time nennen es die Briten, und Russell mit seiner Erfahrung aus acht Rennjahren, ein paar davon an der Seite von Champion Lewis Hamilton, weiß aus Erfahrung, dass es dabei nicht nur auf den Schub des Autos ankommt, sondern auch auf das persönliche Momentum.
Der 28-Jährige verpackt die Verunsicherung des italienischen Gegners geschickt in das vergiftete Kompliment, dass der entscheidende Fehler, den Kimi Antonelli mit einem Crash in der ersten Qualifikationsrunde gemacht hatte, dessen erster überhaupt in diesem Jahr gewesen sei. Was natürlich auch heißen sollte, dass auch einer, der auf dem Weg dazu ist, jüngster Weltmeister der Formel 1 zu werden, nicht unfehlbar ist. Wichtig für Russell ist nicht nur der Sieg in einem durch zwei Safety-Car-Phasen durcheinandergewürfelten Rennen, den er trotz eines Turbolochs mit der Winzigkeit von 0,196 Sekunden vor Max Verstappen über die Ziellinie gebracht hat. Entscheidend ist, dass der Brite tatsächlich Herr über seine Selbstzweifel geworden zu sein scheint: „Noch nie in meiner Karriere war ich so dominant wie an diesem Wochenende.“
George Russell ist die Hoffnung der britischen Formel-1-Fans – nach dem nächsten Desaster für Lewis Hamilton
Ein Befreiungsschlag, den sein Renningenieur Marcus Dudley angesichts des von zwischenzeitlich zehn Sekunden auf ein paar Zehntel geschrumpften Vorsprungs nach der Zieldurchfahrt mit trockenem britischem Humor kommentierte: „Heute musstest du dir dein Geld wirklich verdienen.“ Kein Zweifel, Russell ist zurück, und damit die Hoffnung der Renn-Nation England, nachdem sich Lewis Hamilton nach einer weiteren indiskutablen Leistung von Ferrari als Sechster hinter Antonelli wohl endgültig aus dem Titelrennen verabschiedet hat. Auch Titelverteidiger Lando Norris, der mit seinem McLaren von der Strecke gekegelt wurde, ist realistisch gesehen raus. Zumal Mercedes an diesem Sonntag, wenn in Malaysia das zu Saisonbeginn ausgefallene Rennen von Bahrain nachgeholt wird, das langersehnte technische Upgrade für den Silberpfeil bringt. Das dürfte auch das interne Duell noch einmal befeuern.

Es geht um die nötige Souveränität. Mit seiner dritten Podiumsplatzierung in den vier Rennen nach der Sommerpause ist George Russell eine Trendwende gelungen, zumindest eine persönliche. Das kostet er in den Interviews nach dem achten Sieg seiner Karriere auch entsprechend aus: „Ich fühle mich im Auto endlich wieder mehr wie ich selbst.“ Russell gehört zu jenen Fahrern, die sich mit dem Energiemanagement und der nötigen Anpassung des eigenen Stils an das halb-elektrische Fahren besonders schwergetan haben. Dazu kam mehr persönliches und technisches Pech als bei Antonelli. Plötzlich fiel der Mann, der sich schon als neue Number One beim britisch-deutschen Werksrennstall gesehen hatte, durch häufiges Lamentieren über Boxenfunk auf.
Spitzenreiter Kimi Antonelli erlebte ein Desaster
Doch George Russell hat nach sechs sieglosen Rennen offenbar das nötige Selbstvertrauen generiert: „Ich bin sehr stolz auf die Widerstandsfähigkeit, die ich mit meinen Ingenieuren in den schwierigen Phasen dieses Jahres bewiesen habe. Ich habe auch in den harten Momenten nie das Vertrauen in mich selbst verloren. Jetzt fühlt sich vieles wieder intuitiver an.“ Genau jene Lässigkeit, mit der bislang stets Antonelli glänzen konnte, von Teamchef Toto Wolff und der Öffentlichkeit als Kronprinz anerkannt. Russell, der vormalige Ziehsohn, muss das wehgetan haben. Er versucht jetzt, aus der Rolle des Underdogs Kapital zu schlagen: „Natürlich lastet auf Kimi mehr Druck als auf mir.“

WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli wirkt nach einem für seine Verhältnisse desaströsen Rennwochenende geschlagen, aber nicht entmutigt. Er weiß, dass er sich die Resilienz, die George Russell an den Tag gelegt hat, aneignen muss. Die 51 Runden auf dem schnellen und gefährlichen Stadtkurs stellten die Geduld des 20-Jährigen bei seinem Weg zurück nach vorn mehr als einmal auf die Probe: „Es hat sich so angefühlt, als ob ich immer einen Schritt hinterherhinken würde. Meine mentale Einstellung war vielleicht auch nicht ganz optimal. Deshalb konnte es nur um Schadensbegrenzung gehen, nicht um Attacke. Ich muss jetzt sicherstellen, dass ich mich beim nächsten Rennen wieder auf meinem richtigen Niveau befinde.“




