Wenn es die hiesigen Vertreter mit dem Rhythmus der vergangenen Jahre ernst nehmen, ist in dieser Saison in der Europa League nicht mit einem deutschen Finalisten zu rechnen. Trotzdem kann sich die Bilanz der Bundesliga im zweitwichtigsten europäischen Wettbewerb sehen lassen: 2022 gewann Eintracht Frankfurt den Pokal gegen die Glasgow Rangers, Bayer Leverkusen 2024 (gegen Atalanta Bergamo) und der SC Freiburg in der vergangenen Spielzeit (gegen Aston Villa) unterlagen erst in den Endspielen. An diesem Mittwoch starten der Werksklub und die TSG Hoffenheim in ihre internationalen Missionen, Leverkusen (20.15 Uhr/RTL) trifft auf NK Celje, die Kraichgauer (18.45 Uhr/Nitro) müssen zu OFI Kreta. Ex-Nationalspieler Patrick Helmes wird die Europa League und die Conference League als Experte für RTL begleiten.

Herr Helmes, Sie schauen als Experte gleich bei Ihrem Ex-Klub Bayer Leverkusen vorbei. Ist das bei Ihnen noch mit Aufregung verbunden?

Patrick Helmes: Mit Aufregung nicht, aber mit Vorfreude, dass es wieder losgeht. Es ist einfach geil, unter der Woche wieder Fußball zu haben. Und speziell für Bayer Leverkusen ist das Spiel gegen NK Celje ein spannendes, weil es für die Entwicklung dieser neu gestalteten Mannschaft wichtig sein wird. Bayer Leverkusen und die Europa League – das ist für mich in dieser Saison ein gutes Match.

Bayer Leverkusen in der Europa League: Helmes freut sich schon auf Besiktas

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Aleix Garcia von Bayer Leverkusen.© Witters | Fischer

Weil die Werkself dort die größte Chance auf einen Titel hat?

Zumindest ist sie höher als in der Champions League (lacht). Bezüglich der Europa League gibt es Parallelen zu der Alonso-Zeit. Wenn ich an das erste Jahr unter Alonso denke, hat Bayer auch in der ungeliebten Europa League gespielt und bis ins Halbfinale gegen AS Rom einen unglaublichen Weg bestritten. Man ist als Mannschaft zusammengewachsen, der Trainer konnte rotieren und viele Spieler ins Spielen bringen. Das war Gold wert für jeden einzelnen Akteur und das Gesamtgefüge. Dadurch wurde das Double möglich.

Und die weiteren Gegner wie Besiktas, Lyon oder Marseille sind auch noch attraktiv.

Zwar spielst du in der Europa League nicht gegen Inter Mailand oder Real Madrid. Ich mag aber gerade, dass du trotzdem namhafte Gegner hast. Allein das Bayer-Spiel gegen Besiktas – das wird eine unglaubliche Stimmung. Oder gegen Marseille – dieses Flair will man wahrnehmen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Europa League bedeutet für mich: coole Vereine, coole Fans und Städte, die den Flughafen nicht direkt in der Stadt haben (lacht).

Sie haben selbst für Bayer Europa League gespielt. Damals war der Wettbewerb noch als Cup der Verlierer verschrien. Das hat sich geändert, oder?

Ich habe kürzlich die Mourinho-Doku bei einem Streaminganbieter gesehen. Was soll ich sagen? Es gibt keinen Verlierer-Cup! Die Einstellung von Mourinho hat Vorbildcharakter. Er ordnet dem Erfolg alles unter. Und als Spieler willst du ohnehin jeden Wettbewerb gewinnen. Sei es der Supercup vor der Saison oder nun die Europa League. Vor allem mit dem neuen Modus. Die große Tabelle – das ist weltklasse. Allein der letzte Spieltag ist so unglaublich spannend. Da geht es hoch und runter – da ein Tor, hier ein Tor. Wenn es nach mir geht, könnten an jedem Spieltag alle Partien zeitgleich angepfiffen werden. Und sehen Sie doch nur auf die Teilnehmer in diesem Jahr: Juventus, AC Mailand, Benfica Lissabon, Leverkusen, Besiktas – das klingt doch großartig.

RTL-Experte Helmes sieht Leverkusen lange nicht auf Augenhöhe mit dem FC Bayern

Trotzdem tut sich Leverkusen immer noch schwer, das Stadion in solchen Partien vollzubekommen. Verständlich?

In den letzten Jahren sind die Zuschauerzahlen stark gestiegen. Wenn jetzt gegen Celje nur 25.000 Zuschauer kommen, kann ich das aber nachvollziehen. Der Gegner ist in dem Fall eher unattraktiv, das Wetter ist nicht mehr so gut – und dann gibt es das Spiel auch noch bei RTL (lacht). Aber ernsthaft: Mittlerweile gibt’s auch eine krasse Verbindung in der Stadt zu dem Verein. Wenngleich die Identifikationsfiguren weg sind und sie diese bislang nicht ersetzen konnten. Sie haben einen Weg eingeschlagen, der anders ist. Sie spielen auf der Doppel-Sechs mit Aleix Garcia und Equi Fernández. Ich glaube nicht, dass es für ganz oben reicht. Dann haben sie Robert Andrich als Kapitän abgesetzt und ihn öffentlich demontiert. Edmond Tapsoba ist nun Kapitän. Er ist in der Kabine vielleicht ein Wortführer, aber nicht auf dem Platz. Mir fehlt ein Anführer auf dem Platz. Und die Parallelen zur letzten Saison sind auch da: Sie starten wieder durchschnittlich.

TSG Hoffenheim v Borussia Dortmund - Bundesliga 2026/27
Hoffenheims Torhüter Oliver Baumann feiert seine Parade.© Getty | Maleterova

Also ist Bayer auf dem Holzweg?

Sie wollen wieder tollen Fußball spielen, das wollten sie letztes Jahr aber auch. Solange du gewinnst, ist alles immer gut und schön. Auch die Thematik mit Robert Andrich stört dann nur bedingt. Aber wehe, die Phase kommt, in der es nicht gut läuft. Dann werden diese Spielertypen wie Andrich wieder gefordert, die man im Vorfeld der Saison demontiert hat. Der Blick auf Leverkusen hat sich insgesamt verändert, nachdem Simon Rolfes und Fernando Carro die Ziele verändert haben. Carro sagte kürzlich noch, dass man bis 2028 eine Mannschaft gestalten will, die die Bayern attackieren soll. Wenn ich die Bayern gerade sehe, muss ich sagen, ist das sehr ambitioniert.

2026 ist aber auch noch nicht 2028.

Das stimmt. Sie haben spannende Spieler hinzugeholt, aus meiner Sicht ist der Kader aber noch nicht ausgeglichen genug, um nachhaltig etwas aufzubauen. Es fehlt immer noch ein Tah-Ersatz; sie haben weiterhin keinen Frimpong-Ersatz, der mit seinem Tempo den Unterschied macht. Sie haben keinen Sechser wie Xhaka, der die Mannschaft führt und das Tempo vorgibt. Der Kreativspieler vom Level eines Florian Wirtz fehlt. Maza hat großes Potenzial, wird aber niemals das Wirtz-Level erreichen. Neben Schick gibt es keinen echten Neuner. Alfonso Moreira trägt zwar die Nummer, weicht aber ständig auf den Flügel aus. Eine Nummer auf dem Rücken verpflichtet auch. Das ist zumindest meine Meinung.

Kritisch? Realistisch! Als RTL-Experte ist von Helmes Klartext zu erwarten

Das klingt sehr kritisch.

Realistisch. Ich kann mich mit vielen Dingen identifizieren, die bei Bayer Leverkusen passiert sind. Aber mit dieser Mannschaft habe ich bei allem Potenzial noch keine Verbindung aufgebaut. Sie haben sich noch nicht gefunden, ich erkenne die Idee des Trainers noch nicht. Sie sind nicht auf Spannung. Ein Fernandez ist seit anderthalb Jahren da, kam aus Saudi-Arabien zurück – das funktioniert nicht. Nicht mit dieser ekligen Art, die es auf der Sechs braucht. Der Abgang von Exequiel Palacios schmerzt. Er hätte die nötige Mentalität gehabt. Auch den Umgang mit Andrich verstehe ich nicht. In der letzten Saison musste er in die Dreierkette rücken, wodurch ihm die Weltklasse im zentralen Mittelfeld die WM-Teilnahme genommen wurde. Wenn du auf die Qualität nicht setzt, okay. Aber du brauchst auch Typen in einer Mannschaft, die Stabilität geben. Die sehe ich nicht.

Und dennoch sagen Sie, dass diese Mannschaft großes Potenzial besitzt.

SC Paderborn 07 v Sport-Club Freiburg - Bundesliga 2026/27
Julian Schuster, Trainer des SC Freiburg.© Getty | Koepsel

Das stimmt auch. Es sind hochspannende Spieler, die als Mannschaft zusammenwachsen können – wenn sie die Zeit mit ihrem neuen Trainer bekommen. Sie müssen es hinbekommen, eine Struktur zu schaffen. Das hat letztes Jahr nicht funktioniert, das haben sie bis jetzt auch nicht geschafft. Die Konstanz entscheidet, wo Bayer Leverkusen hinsteuert. Sie wollen und müssen finanziell gesehen in die Champions League. Aber die Konkurrenz in der Liga ist größer geworden, bei allem Leverkusener Potenzial. SC Freiburg, FC Augsburg, die TSG Hoffenheim – und die üblichen Verdächtigen. Um selbst eine Rolle zu spielen, braucht es Stabilität. Die fehlt Bayer Leverkusen noch, so ehrlich muss man sein.

Zumal Sie als Experte bei RTL auch den Finger in die Wunde legen dürfen.

Ich bin immer treu in dem, was ich tue. Was es zu sagen gibt, sage ich auch. Ich bin selbst Fußballlehrer, habe dadurch noch einmal einen anderen Blick auf das Geschehen und möchte Zusammenhänge vermitteln.

RTL-Experte Helmes: „Vor Hoffenheim macht sich niemand in die Hose“

RTL-Experte Patrick Helmes.
RTL-Experte Patrick Helmes.© RTL | HO

Wie fällt dieser Blick auf die TSG Hoffenheim aus?

Ich bewundere Christian Ilzer, der im ersten halben Jahr schon mehrfach gefühlt entlassen war und dort richtig gute Arbeit leistet. Die TSG war letzte Saison eine Überraschungsmannschaft in der Liga und kann es nun in der Europa League werden. Gegen den VfB Stuttgart hat sie gezeigt, was sie zu leisten imstande ist. Und sie haben einen Vorteil in der Europa League: Vor ihnen macht sich niemand in die Hose. Diese Underdog-Rolle wird ihnen guttun. Sie sind unangenehm zu bespielen, bringen hohe Intensität auf den Platz. Mit ihrer Spielart werden sie etwas unterschätzt. Diese Mannschaft hat Top-fünf-Qualität in Deutschland.

Also trauen Sie beiden Klubs viel zu?

Ja. Ich traue beiden den großen Wurf zu in dieser Spielzeit. Realistisch betrachtet sehe ich Hoffenheim im Viertelfinale, Bayer Leverkusen im Halbfinale. Als Bundesliga müssen wir uns vor keiner Liga in Europa verstecken, das hat die letzte Saison verdeutlicht. Speziell Hoffenheim hat das Potenzial, vielen Mannschaften in der Europa League weh zu tun.

Gleiches gilt sicherlich auch für den aktuellen Bundesliga-Tabellenführer SC Freiburg, der am 15. Oktober bei der AS Monaco in die Conference League startet, oder?

Was Freiburg unter Julian Schuster bislang erreicht hat, ist fast unmenschlich. Nachdem Christian Streich gegangen ist, dachte jeder, dass die Lichter ausgehen. Julian Schuster hat in den vorgegebenen Strukturen einfach weitergemacht. Freiburg hat es geschafft, den Generationenübergang sanft zu gestalten. Zudem haben sie sich punktuell verstärkt. Philipp Treu ist mittlerweile ein Kandidat für die Nationalmannschaft. Niklas Beste, Yuito Suzuki, Yannik Engelhardt – das sind geile Transfers gewesen. Die DNA des Sportclubs ist klar. Den kleinen SC Freiburg gibt es schon lange nicht mehr. Auch das Stadion macht da viel aus – ich freue mich schon auf einen Einsatz als Experte dort vor Ort.