Erst vergangene Woche hat sich Joey Veerman noch einmal Rat am Telefon geholt. Am anderen Ende der Leitung: Peter Bosz. Der wollte wissen, wie sich sein ehemaliger Mittelfeldspieler von der PSV Eindhoven in den ersten Tagen bei Borussia Dortmund eingelebt hat. „Er sagte mir, es sei ein wunderbarer, großer Klub“, berichtete Veerman. Bosz selbst kennt den BVB gut. In der Saison 2017/18 wagte der Verein das Experiment mit dem Niederländer. „Sein Start war gut, mit vielen Toren“, weiß auch Veerman. Über alles, was danach kam, hüllt man besser den Mantel des Schweigens.
Der Harakiri-Ansatz von Bosz mit einer ultrahohen Abwehrreihe ging nicht einmal eine Hinrunde lang gut. Peter Stöger schob die Kette erst einmal viele Meter nach hinten. Der Österreicher wusste: Chaos ist im Fußball nur hilfreich, wenn man es beim Gegner stiftet. Sonst führt es dazu, dass die eigene Mannschaft schon bei einem Luftstößchen wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Veerman, der mit Bosz sehr erfolgreich in Eindhoven gearbeitet hat, soll beim BVB nun der Klebstoff für dieses Kartenhaus sein.
Erst nach einer Stunde kam die BVB-Wende
Wie das funktionieren kann, zeigte die zweite Halbzeit am Samstagnachmittag bei der TSG Hoffenheim. Veerman habe das Dortmunder Spiel „normalisiert“, sagte Niko Kovac. „Bis dahin“, stellte der Trainer besorgt fest, „haben wir jeden Ball weggegeben.“ Daher deutete vieles auf die erste Saisonniederlage hin. Leon Avdullahu (45.) und Tim Lemperle (54.) hatten die TSG mit 2:0 in Führung gebracht. Dann übernahm der zur Pause eingewechselte Veerman das Kommando. Serhou Guirassy (61.) und Fabio Silva (66.) trafen zum Ausgleich. Hoffenheims Albian Hajdari fälschte schließlich eine Hereingabe von Ethan Nwaneri unglücklich ins eigene Tor ab (87.) – und der BVB gewann tatsächlich noch mit 3:2.

So mancher glaubte schon, höhere Fußballmächte hätten ihre Finger im Spiel gehabt. Vielleicht war es ein bisschen so. Die entscheidenden Gründe aber waren irdischer Natur: Guirassys Schlüsselmomente, etwa der feine Assist für Silva, der Schwung des eingewechselten Portugiesen, Nwaneris lohnenswerter Laufweg vor dem 3:2 – und Veermans Organisation des Spiels.
Warum der BVB Veerman geholt hat
„Ich glaube, heute hat man gesehen, dass er in einer hektischen Phase sehr viel Ruhe reingebracht hat – mit seiner fußballerischen Klasse und seiner Erfahrung“, lobte Sportdirektor Ole Book. „Das hat uns heute sehr gutgetan. Grundsätzlich ist er jemand, der wahnsinnige Pass- und Ballsicherheit besitzt, viele Laufwege der Offensivspieler sieht und sie einsetzen kann. Das sind Gründe, warum wir ihn geholt haben.“ Man sei überzeugt davon, dass er athletischere Mitspieler wie Felix Nmecha oder Jobe Bellingham ergänzen könne, so Book.

Veerman verteilt die Bälle aus einer tiefen Position. „Den Ball in den eigenen Reihen halten“ – so beschreibt er seinen Spielstil. Damit hat der Dortmunder Kader große Schwierigkeiten, sobald der Gegner aggressiv im Mittelfeld presst. Es ist ein wiederkehrendes Phänomen, das Veerman beheben soll. In solchen Situationen waren – das haben die vergangene Champions-League-Saison und die Spiele gegen die besseren Bundesligisten gezeigt – viele Profis schnell mit sich selbst beschäftigt. Es fehlte ein Spieler wie Veerman, der unbeirrt seinen Stiefel herunterspielt und den anderen Orientierung bietet. Die Verantwortlichen hätten ihm in den Gesprächen vermittelt, dass die Mannschaft den Spielaufbau künftig häufiger von hinten heraus gestalten wolle. „Ich will nach freien Spielern suchen, wenn ich den Ball habe. Kurze Bälle, lange Bälle – ich versuche, alles zu machen“, sagte Veerman am Samstag. Sein Vorbild sei der einstige italienische Fußballregisseur Andrea Pirlo.
Veerman drängt in die BVB-Startelf
Zur Wahrheit gehört aber auch: Ein Sprinter wird Veerman nicht mehr. Und als zweikampfstarker Abräumer im Mittelfeld taugt er ebenfalls nicht. Im Dortmunder Spielsystem mit drei Innenverteidigern sollten sich diese Defizite jedoch ausgleichen lassen – sonst hätte der BVB wohl kaum 22 Millionen Euro nach Eindhoven überwiesen.
Veerman jedenfalls strotzt vor Ambitionen. „Zunächst liegt mein Fokus darauf, in die Startelf zu kommen“, kündigte der 27-Jährige selbstbewusst an. Vielleicht gelingt ihm das schon am Dienstag in der Champions League gegen den FC Villarreal (21 Uhr/Prime). Nur: Wer muss dann raus? Felix Nmecha ist Kovacs Schlüsselspieler im Zentrum, lief in Hoffenheim seinen Ansprüchen jedoch meilenweit hinterher. Seine Auswechslung zur Pause sprach Bände. Jobe Bellingham steigerte sich an der Seite von Veerman – wie alle Dortmunder in der zweiten Halbzeit. Auch das ist bereits ein Veerman-Faktor.



