Immer wieder griff sich Julian Weber an eine Stelle neben seinem rechten Ohr. Er knetete sie so sehr, dass schon eine Rötung zu sehen war. „Mein Kiefer tut echt weh, ich habe so viel rumgeschrien“, gestand der neue Europameister im Speerwurf und konnte trotzdem lachen. Im Finale bei der Leichtathletik-EM in Birmingham hatte der Mainzer sich auf dem Silberrang liegend im letzten Versuch fulminant die Goldmedaille vor dem Stuttgarter Nick Thumm gesichert. Auf 90,40 Meter warf er seinen Speer und schrie ihm dabei so laut hinterher, dass dieser schlicht Angst vor der Landung gehabt haben muss. „Das musste einfach raus“, sagte Weber. „So viel hat sich über die Monate angestaut.“
Weber genießt „das geilste Feeling“
Wahrscheinlich sogar über Jahre. Lange haftete ihm ein Fluch, ein Makel an. Trotz bärenstarker Vorleistungen hatte Weber als Favorit zu oft knapp die Medaille oder gar den Sieg verpasst. Mal war er angeschlagen angereist, mal erlebte ein Konkurrent einen Sahnetag. Nur bei der EM 2022 in München hatte bei seinem Sieg mal alles gepasst.
Wie ein Tiger im Käfig

Auch im Alexander Stadium sah es so aus, als würde wieder jemand kurz vor Ende des Wettkampfes noch an ihm vorbeiziehen, einer aus dem eigenen Lager. Der 21 Jahre alte Thumm hatte sich mit persönlicher Bestweite von 83,76 Metern vor Weber geschoben. Eine Situation, auf die der Favorit oft keine Antwort gefunden hat. Doch nun gelang ihm der perfekte Konter. „Das ist auf jeden Fall der Wurf, wo mir am meisten ein Stein vom Herzen gefallen ist“, sagte er. „Das war schon so mit das geilste Feeling.“ Mit weit ausgebreiteten Armen posierte er vor der Tribüne und sog den lauten Jubel auf. „Meine komplette Familie, meine Eltern sind hier, meine Verlobte ist hier. Ich wollte einfach auch ihnen diesen Moment geben“, sagte der Wahlberliner später und kämpfte mit den Tränen. So viel bedeutete ihm dieser Sieg.
Schwere Vorbereitung: Wie ein Tiger im Käfig
Vor allem nach einer schwierigen Saison mit Beschwerden an der Schulter und der Achillessehne. Lange konnte Weber kein Wurftraining machen. Wie ein Tiger im Käfig habe er sich gefühlt, erzählte er vor der EM. „Ich habe so viel darauf hingearbeitet, es war echt schwer, die schwerste Vorbereitung, die ich je hatte.“
Auch interessant
Doch nun hat er den Knoten gelöst. Und wenn man einmal weiß, wie etwas geht, wiederholt man es vielleicht: Webers nächste Ziele sind die WM 2027 in Peking und Olympia 2028 in Los Angeles. „Absolut“, sagte er. Dieses Ende seines Fluchs beflügle ihn.




