Es gibt sie, diese ausgeglichenen, aber leistungsorientierten Verhältnisse zwischen Lehrer und Schüler. „Es ist ein gemeinsames Lernen und Wachsen“, sagt Michael Jung. Er lobt die Aufgeschlossenheit des Lernenden, „er wird nach wie vor immer besser“. Was eine im höchsten Maße zufriedenstellende Entwicklung ist, denn: „Ich merke, dass er dazulernen will.“
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Im Klassenzimmer-Alltag hiesiger Schulen sind solche Schilderungen vermutlich seltener geworden. Aber Michael Jung ist ja auch kein Pädagoge, der Kinder und Jugendliche aufs Leben vorbereitet. Der 44-Jährige ist ein facettenreicher Reiter. Einer, der in der Vielseitigkeit an den Start geht, also in der Dressur, im Geländeritt und im Springen. Mehr anspruchsvolle Abwechslung geht nicht im olympischen Pferdesport. Michael Jungs Beschreibungen eingangs gelten daher auch vier-, nicht zweibeinigen Eleven. Genauer gesagt: Chipmunk, seinem Hannoveraner. Der Wallach steht vor der wohl letzten großen Reifeprüfung. Die dunkelbraune Schönheit ist schließlich schon 18 Jahre alt, die Weltmeisterschaft in Aachen dürfte ihr letzter Auftritt auf der großen Bühne sein. Aber gäbe es für das finale größte Championat eine bessere Bühne als die Soers?

Letzte große Bühne
„Aachen plus WM ist das i-Tüpfelchen“, sagt Michael Jung. Ob Chipmunk danach verstärkt die Schwarzwaldkoppeln daheim auf dem Reiterhof in Horb am Neckar genießen wird, verrät er nicht. Aber eine Prognose für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles ließe sich der viermalige Olympiasieger vermutlich auch nicht so leicht im Championships-Village entlocken, wo Jung nun vor seiner ersten Teilprüfung steht. Den Rücken durchgedrückt, erzählt er gefasst und souverän vom Wettkampf. Die Freude auf den Geländeritt, die Königsdisziplin, steigt von Tag zu Tag: „Die Strecke und die Böden sehen fantastisch aus. Ich habe hier das erste Mal seit einigen Monaten wieder grünes Gras gesehen.“ Am Donnerstag leisteten Libussa Lübbeke mit Caramia und Malin Hansen-Hotopp auf Carlitos Quidditch bereits die Vorarbeit für eine neuerliche Mannschaftsmedaille (Platz drei hinter Neuseeland und , an diesem Freitag (ab 9.30 Uhr) geht es mit Julia Krajewski samt Nickel sowie Michael Jung und Chipmunk weiter. Christoph Wahler wäre auf D’Accord Ersatz.
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Der Aura eines tief in sich ruhenden Mannes kann sich niemand entziehen. „Wir gehen mit lauter Champions an den Start“, sagt Rodolphe Scherer. Der Franzose, eigentlich auf die Vorbereitung der Reiter im Gelände spezialisiert, vertritt in Aachen den Bundestrainer Klaus Thomsen, der die WM wegen eines eigenen Reitunfalls verpasst. Aber Michael Jung werfe zum Abschluss des deutschen Quintetts noch einmal „die meiste Erfahrung und mit Chipmunk eines der besten Pferde der Welt“ in die Waagschale. Mit einem Lächeln nimmt der Gelobte die Worte auf. In den Anfängen seiner 2005 ins Seniorenlager verlegten Reitsportkarriere war er vielleicht noch derjenige, der den Erfolg brauchte. Heute gilt eher: Er ist Jung und will das Gold.

Abschied von Sam
Michael Jung kommt aus einer Pferdesportfamilie, lernte bei seinem Vater Joachim, der in der Dressur und im Springen bis zur Klasse S an den Start gegangen war, im wahrsten Sinne des Wortes die Vielseitigkeit dieses Sports. Es ist erstaunlich, über so einen langen Zeitraum erfolgreich zu sein. Noch dazu im Wesentlichen mit nur zwei Pferden, mit denen Jung mehr Fortsetzungen seiner eigenen Erfolgsstory als Joanne K. Rowling Teil der Harry-Potter-Saga geschrieben hat: Sam und Chipmunk.
Sam war ein außergewöhnlicher Vierbeiner, 2010 trug er Jung zu dessen erstem WM-Titel, 2012 in London und 2016 in Rio dreimal zu olympischem Gold. Gleichzeitig alle drei großen Titel hielt außer ihnen weder davor noch danach ein Vielseitigkeits-Duo. Im Frühjahr starb Sam im Alter von 26 Jahren. Jung sprach davon, seinen „besten Freund“ verloren zu haben, mit dem er „alle Meilensteine Seite an Seite“ erreicht habe, den es jahrelang glücklich gemacht habe, „dich auf der Weide grasen zu sehen“.
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Eine ähnlich konzentrierte und elegante Gelassenheit von Reiter und Pferd demonstriert Michael Jung mit Chipmunk; seit 2019 sein Top-Pferd, nachdem er ein Jahr nach Sams Eintritt in den sportlichen Ruhestand mit Racona überbrückt hatte. „Das Schöne ist, dass er im Detail noch immer Dinge verbessern will.“ Chippi, wie Jung ihn ruft, sende den Wunsch nach Verbesserungen. In der Technik, bei der Muskulatur. Jungs eigene Sitzposition verrate seinem „unwahrscheinlich dynamischen“ Tier wertvolle Informationen, die es aufnimmt und verarbeitet. Chipmunks Ohren funktionieren zudem wie feine Antennen, an die der Reiter seine Nachrichten sendet. „Ich merke, dass er noch cleverer wird, noch mehr die Situationen einzuschätzen weiß.“
Aus Fehlern wachsen

Diese Feinheiten einer Entwicklung entstehen auch durch Rückschläge, die selbst mehrmalige Olympiasieger, Welt- und Europameister erleben. In Tokio half Teamkollegin Julia Krajewski, die als erste Frau olympisches Einzelgold gewann, über Jungs Enttäuschung wegen Platz acht infolge eines Geländepatzers hinweg. Vor vier Jahren, bei der WM im italienischen Pratoni del Vivaro, lag Jung sowohl fürs Team als auch für sich auf Goldkurs, als zwei Abwürfe im abschließenden Springen genau einer zu viel waren. Das Team gewann Gold, Jung wurde Fünfter. Das wurme ihn noch heute, aber „durch Missgeschicke weiß man Erfolge mehr zu schätzen“.
Nichts würde dem Lehrer Michael Jung mehr gefallen, als wenn Chipmunk seine Reitschule mit zwei ersten Plätzen verlassen würde.






