Als die Trainer der Regionalliga Bayern zuletzt ihre Favoriten nennen sollten, nahm der TSV 1860 München in der Umfrage eine sehr prominente Position ein. Dabei hatte der aus der 3. Liga abgestürzte Traditionsverein und deutsche Meister von 1966 zu diesem Zeitpunkt noch gar keine richtige Mannschaft zusammen. Dennoch stuften 15 der 19 Übungsleiter die Löwen als Topkandidaten auf den Meistertitel ein. Einige Trainer verwiesen zwar auf die vielen Unwägbarkeiten bei 1860. Darunter war auch der frühere Bundesliga-Profi Matthias Ostrzolek, der einst für den VfL Bochum, FC Augsburg, Hamburger SV sowie für Hannover 96 spielte und seit dieser Saison den SV Wacker Burghausen coacht. Doch obwohl man abwarten müsse, „wie sich da das Drumherum entwickelt“, sei der TSV 1860 „allein schon wegen seines Namens ein Titelkandidat“, befand Ostrzolek, 36. Das entsprach dem überwiegenden Meinungsbild der Trainer.

Aufbruch ins Ungewisse

Am Samstag steht beim Drittliga-Absteiger 1. FC Schweinfurt 05 auch für die Löwen der Start ins Abenteuer Regionalliga an, nachdem sie am vergangenen Wochenende für den ersten Spieltag spielfrei bekommen hatten. Die Karenzwoche diente dazu, ein wettbewerbsfähiges Rudel zusammenzustellen. Denn nach dem Bruch mit Investor Hasan Ismaik am Schwarzen Mittwoch am 3. Juni samt Lizenzentzug und Zwangsabstieg wussten sie bei Sechzig noch vor rund vier Wochen nicht, wie es weitergehen soll. Sie standen ja ohne alles da, sogar ohne ihr Logo mit dem Löwen, das die Löwen auch weiterhin nicht verwenden dürfen. Die Merchandisingrechte hält nach wie vor Ismaik. Der TSV 1860 tritt nun mit einem Wappen der Fußballabteilung von 1919 an. Am Donnerstag wurde zudem eine Münchner Versicherung (Dialog) als Hauptsponsor präsentiert.

Mythos Grünwalder Straße: Die treuesten Löwen-Fans begleiten 1860 München in die Regionalliga. Notfalls auch mit neuem Logo und dem Wunsch nach Freiheit für die Sechziger.
Mythos Grünwalder Straße: Die treuesten Löwen-Fans begleiten 1860 München in die Regionalliga. Notfalls auch mit neuem Logo und dem Wunsch nach Freiheit für die Sechziger.© Imago | Wagner

Zuvor hatte ein Vertrag der neu gegründeten Spielbetriebs-GmbH mit der insolventen KGaA den Neuaufbau ermöglicht. Konkret bedeutet das, dass der e.V. über die Spielbetriebs-GmbH Gebäude, Plätze, Mitarbeiter und auch Spieler von der insolventen KGaA mietet. Erst auf Basis dieses besonderen Konstrukts konnte für die Regionalliga geplant werden. Aufgebaut wurde der Kader mit einem Teil der zweiten Mannschaft, die als U21 zuletzt Meister der fünftklassigen Bayernliga geworden war. Neben einigen Spielern wurde auch Trainer Alper Kayabunar, 40, zur ersten Mannschaft befördert.

Söhne von Klose und Collins dabei

Der gebürtige Münchner darf sich inzwischen über rund ein Dutzend Zugänge freuen, die teils erst in den vergangenen Tagen verpflichtet wurden. Darunter befinden sich auch einige gestandene Ex-Löwen wie Torwart Vitus Eicher, 35, und Mittelfeldspieler Dennis Dressel, 27. Den Weg in die Regionalliga geht auch Angreifer Florian Niederlechner, 35, mit, der einst für den FSV Mainz 05, SC Freiburg, FC Augsburg und für Hertha BSC in der Bundesliga spielte. Miroslav Kloses Sohn Noah, 20, gehört ebenso zum Kader wie Matthew Collins, 21, der Sohn der Musik-Legende Phil Collins. Niederlechners 1860-Sturmpartner der vorigen Saison, der ehemalige deutsche Nationalspieler Kevin Volland, 34, hat seine Karriere dagegen beendet und kickt nun bei seinem Jugendverein FC Thalhofen in der Bezirksliga.

Den Löwen im Herzen, nur nicht auf der Brust: Florian Niederlechner (links) kennen Fans noch aus der Bundesliga.
Den Löwen im Herzen, nur nicht auf der Brust: Florian Niederlechner (links) kennen Fans noch aus der Bundesliga.© dpa | Diettrich

Inzwischen hat sich beim TSV eine Aufbruchstimmung eingestellt, Euphorie inklusive. Am Mittwochnachmittag kamen rund 800 Anhänger zum letzten öffentlichen Training. Über eine von den Fans gestartete Crowdfunding-Aktion wurden bisher rund 340.000 Euro gesammelt. Zudem vermeldete 1860 einen sprunghaften Anstieg der Mitglieder auf die Rekordzahl von 29.000. „Der Löwe zeigt Zähne, und er befreit sich von seinen Fesseln“, sagte Präsident Gernot Mang am Mittwoch im Bayerischen Rundfunk. Ohne den Investor Ismaik namentlich zu nennen, der 2011 eingestiegen war und zu dem es derzeit keinen Kontakt geben soll, befand Mang: „Dieses Konstrukt, was wir 15 Jahre hatten, darf es bei Sechzig nicht mehr geben. Wir müssen jetzt beweisen als Verein, dass wir das können.“

Zielsetzung wäre nicht seriös

Und zwar vor allem, Geld zu verdienen und auf eigenen Beinen zu stehen. Denn das ist die große Frage bei diesem Neustart: Wie tragfähig ist dieser Versuch auf Dauer? Es ist ein Aufbruch ins Ungewisse, zumal auch völlig unklar ist, wie das laufende Insolvenzverfahren ausgeht und ob Ismaik womöglich auf Schadensersatz klagt.

Hasan Ismaik, persona non grata bei 1860 München.
Hasan Ismaik, persona non grata bei 1860 München.© dpa | Hörhager

Kayabunar hat genug damit zu tun, seine neu formierte Mannschaft auf die sportlichen Herausforderungen vorzubereiten. Die Einschätzungen der Trainerkollegen wundern ihn wegen des großen Namens des TSV 1860 nicht. Er teilt sie aber nur insofern, dass er auf die vielen Unwägbarkeiten verweist. Intern habe man „nie über die Meisterschaft gesprochen“, sagte Kayabunar vor dem Auftakt in Schweinfurt. Ein Vergleich mit der Saison 2017/18, als die Löwen zuletzt in der Regionalliga antreten mussten und Meister wurden, verbietet sich seiner Meinung nach schon wegen der völlig anderen Umstände. Bereits in der Umfrage unter allen Trainern ließ Kayabunar wissen: „Unsere Zielsetzung ist noch nicht seriös einzuschätzen.“ Das gilt noch immer.