Diego Maradona war, um es freundlich auszudrücken, schockiert. „Ein super Typ, aber er kann noch nicht einmal den Verkehr regeln. Wie können wir ihm die Nationalmannschaft überlassen, sind wir denn alle verrückt geworden?“ Das war die Meinung Gottes, als der argentinische Fußballverband im Herbst 2018 Lionel Scaloni als neuen Nationaltrainer vorstellte.

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Scaloni hatte den Posten zwar schon im August des Jahres übernommen, als sein Vorgänger Jorge Sampaoli nach Argentiniens Aus im WM-Achtelfinale zurückgetreten war. Aber er war eigentlich nur als Interimslösung für zwei Länderspiele eingeplant. Doch nun sollte „dieser Junge“, wie Maradona Scaloni bezeichnete, tatsächlich die Nationalmannschaft bis zur Südamerika-Meisterschaft, der Copa América, 2019 trainieren? Für Argentiniens Fußball-Ikone ein Unding. Vor allem, da Scaloni keine Erfahrung als Trainer hatte und es laut Maradona andere, weitaus bessere Optionen gab. César Luis Menotti zum Beispiel, den Weltmeister-Trainer von 1978. Oder Gerardo Martino, mit dem Maradona in den Neunzigern bei Newell's Old Boys in Argentinien zusammengespielt hatte.
Samstag gegen die Schweiz
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Seitdem ist viel passiert. Maradona lebt seit November 2020 nicht mehr, Menotti starb auch schon vor gut zwei Jahren. Argentinien aber wurde 2022 Weltmeister, gewann zudem 2021 und 2024 jeweils die Copa América. All dies hat natürlich sehr viel mit Kapitän und Überfußballer Lionel Messi zu tun, aber eben auch mit Lionel Sebastián Scaloni. Der ist knapp acht Jahre nach seinem Amtsantritt immer noch Argentiniens Nationaltrainer. Aus dem einst angedachten Intermezzo ist längst eine erfolgreiche Langzeitlösung geworden. Scaloni wird am Samstag (21 Uhr deutscher Zeit/MagentaTV) im WM-Viertelfinale gegen die Schweiz zum 102. Mal als Coach an der Seitenlinie stehen, zudem kann er es Italien (1934 und 1938) und Brasilien (1958 und 1962) nachmachen und den Titel mit Argentinien verteidigen.

Länger im Amt – und erfolgreicher in der Anzahl der Titel – waren weder Menotti, noch Carlos Bilardo, der Argentinien 1986 zum WM-Triumph gecoacht hatte, und schon gar nicht Maradona, sondern nur Guillermo Stabile. Der Torschützenkönig der ersten Weltmeisterschaft 1930 in Uruguay hatte von 1939 bis 1958 in 127 Länderspielen die Verantwortung und in dieser Zeit sechsmal die Copa América gewonnen. Nach Scalonis 100. Länderspiel, einem mühseligen 3:2-Sieg nach Verlängerung im WM-Sechzehntelfinale gegen Kap Verde, war vom neuesten Meilenstein in der goldenen Ära der Albiceleste die Rede. Was ihm diese Zahl bedeute, wurde Scaloni gefragt. „Darüber habe ich mir, offen gesagt, noch keine Gedanken gemacht“, antwortete er. Aber es sei auf jeden Fall „eine gewaltige Zahl, vor allem in diesem Trikot“.
Bedacht, besonnen, bescheiden
Scaloni weiß, welche Rolle der Fußball in Argentinien spielt. Dass er dort mehr ist als nur Sport. Mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung oder auch mehr als ein Beruf. Der einstige Rechtsverteidiger hat selbst erlebt, was es bedeutet, das Nationaltrikot zu tragen. 1997 wurde Scaloni mit Argentinien U20-Weltmeister. 2006 gehörte er zum Kader für die WM in Deutschland, saß, zusammen mit dem damals 19 Jahre alten Messi, auf der Bank, als das Turnier für sein Team im Berliner Olympiastadion mit dem Viertelfinal-Elfmeterschießen gegen Deutschland endete. Ob Sieg oder Niederlage, Freude oder Frust, gute oder schlechte Partie: Scaloni sieht immer zuerst den Menschen und dann den Fußballer. Argentiniens größte Stärke ist nicht Lionel Messi, sondern Lionel Scalonis Humanität. „Wir sind keine Fußballspieler, sondern Menschen, die Fußball spielen“, hebt Rodrigo De Paul einen von Scalonis Leitsätzen hervor. „Wenn du weißt“, ergänzt der Mittelfeldspieler, „dass da ein Trainer ist, der deine vielen persönlichen Probleme, deine Träume und Freude versteht, fühlst du dich gleich viel wohler.“
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Scaloni ist als Trainer so, wie er einst auch als Spieler, vor allem bei Deportivo La Coruña, war: bedacht, besonnen, bescheiden und trotzdem erfolgreich. Er ist ehrlich, aber höflich. In einem Land, das bei jedem Offensivpass in Strafraumnähe und jedem Ballkontakt von Messi reflexartig in Ekstase gerät, drückt der 48 Jahre alte Nationaltrainer nicht noch zusätzlich auf das Gaspedal, sondern sucht eher die Bremse. Als Enzo Fernández in der Nachspielzeit des Achtelfinals gegen Ägypten das 3:2 köpfte und somit eine Drei-Tore-Aufholjagd der Südamerikaner krönte, rannte Scaloni nicht jubelnd die Seitenlinie entlang, sondern hielt sich ungläubig beide Hände vor Nase und Mund. Wenig später entschuldigte er sich im Live-Interview auf dem Rasen dafür, dass er nichts sagen könne, weil alles für ihn „so emotional“ sei und ihm die Tränen kamen.
101 Länderspiele, 74 Siege

Für Scaloni war es im 101. Länderspiel der 74. Sieg. Argentinien hat mit ihm an der Seitenlinie nur neunmal verloren. Und Messi hat seine Torjäger-Qualitäten entdeckt, weil Scaloni ihm vorn alle Freiheiten gewährt und andere hinter dem 39 Jahre alten Zauberfuß davon überzeugt hat, die Defensivarbeit für ihn zu übernehmen. Unter Scaloni hat Messi in 76 Spielen 60 Tore geschossen, acht davon bei der aktuellen WM. In der Zeit vor ihm, als die Nationaltrainer unter anderem Maradona und Martino hießen, waren es in 128 Partien 65 Treffer gewesen.
Noch einmal zu Diego Maradona: Auf dessen Worte nach seiner Verpflichtung als Nationaltrainer angesprochen, meinte Scaloni einst, dass die Kritik „total normal“ gewesen sei. „Ich hatte zwar eine Trainer-Ausbildung, aber keine Erfahrung, das war die Realität“, so Scaloni. Maradona sei immer jemand gewesen, der mit seiner Meinung nicht zurückgehalten habe. Und deshalb, betont Scaloni, sei ihm damals klar geworden: „Ich musste beweisen, dass ich es drauf habe.“






