Für Patrick Ittrich ging der Donnerstagmorgen richtig gut los. „Patrick, heute ist es endlich so weit“, begann Moderatorin Laura Hoffmann den „Breakfast Club“, in dem der ehemalige Schiedsrichter während der Fußball-WM für den Streaming-Sender MagentaTV täglich ab 7 Uhr morgens die Spiele aus der Nacht analysiert.

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Für den 47-Jährigen gab es an diesem Morgen ein besonderes Getränk: Filterkaffee. Zum Konzept der Sendung gehört es, dass neben der Expertenrunde ein Barista an einer Siebträgermaschine hantiert und den Gästen alle erdenklichen Kaffee-Kreationen serviert – nur eben keinen herkömmlichen Filterkaffee. Das änderte sich am 22. Tag der WM, als der Mitarbeiter mit einer eigenen Ittrich-Kanne ins Studio kam.

Hamburger Schiedsrichter Patrick Ittrich analysiert die WM

Der gebürtige Hamburger, der seine eigene Karriere an der Pfeife in diesem Sommer nach 18 Jahren im Profibereich beendet hatte, ist als einziger Schiedsrichter-Experte des Senders bei der XXL-WM ein gefragter Mann. „Ich habe nie frei“, sagt er scherzhaft, aber doch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit. Wann immer es eine strittige Entscheidung gibt, wird der Ex-Profi eingeschaltet und muss deshalb immer verfügbar sein.

Natürlich war seine Meinung auch nach dem deutschen Ausscheiden gegen Paraguay gefragt, als der marokkanische Schiedsrichter Jalal Jayed in der Verlängerung einen Treffer von Jonathan Tah aberkannt hatte. Laut Ittrich eine „klare Fehlentscheidung“.

Schiedsrichterchef Collina verteidigt aberkanntes Deutschlandtor

Fifa-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina hingegen verteidigte die Entscheidung. Den Referees sei empfohlen worden, besonderes Augenmerk auf bestimmte Situationen zu legen, die „im Zusammenhang mit den taktischen Vorgehensweisen einzelner Mannschaften auftreten können“, schreibt Collina in einem Beitrag für den Weltverband.

Ein Beispiel dafür seien Situationen, „wenn angreifende Spieler versuchen, verteidigende Spieler an ihrer Bewegung zu hindern“. Wenn ein angreifender Spieler kein Interesse am Ball habe „und sich – selbst nur geringfügig – bewusst mit der klaren Absicht bewegt, die Laufbewegung eines Gegenspielers zu behindern und ihn dadurch am Verteidigen zu hindern, sollten die Schiedsrichter und – falls erforderlich – auch der VAR die Situation sorgfältig analysieren und eingreifen“.

„Das finde ich nicht okay“: Ittrich kritisiert Collina

Für Ittrich eine nachvollziehbare Vorgabe – mit einer Einschränkung: „Ich habe kein Problem damit, wenn man gewisse Leitlinien vor dem Turnier vorgibt, aber das muss man dann auch kommunizieren. Und das war hier definitiv nicht der Fall. Das wirkt wie eine erfundene Erklärung“, sagt er. „Wenn es so ist, dass Collina genau das gesagt hat, dann ist es nachvollziehbar. Aber so was im Nachhinein zu kommunizieren, ist schwierig nachzuvollziehen. Das finde ich auch nicht okay.“

Insgesamt bewertet er die Leistung der Unparteiischen bei diesem Turnier aber positiv, genauso wie einige der vielen kleineren Regeländerungen, die ab der kommenden Saison auch in der Bundesliga umgesetzt werden sollen. „Die Zeitbegrenzung bei Auswechselungen und die einminütige Pause für behandelte Spieler sehe ich positiv“, sagt Ittrich. „Das Simulieren muss aufhören. Wenn ich signalisiere: Steh auf, sonst bist du eine Minute raus, und die Spieler das begreifen und weiterspielen, finde ich das gut.“

Ittrich ist gegen die Einführung einer Nettospielzeit

Kritisch sieht er hingegen die Zeitbegrenzung bei Einwürfen. Die Aktion darf nicht länger als acht Sekunden dauern, die letzten fünf werden vom Schiedsrichter heruntergezählt. „Wenn das alle begriffen haben, geht es schneller. Aber wenn die Zeit heruntergelaufen ist, bekommt der Gegner einen Einwurf, dann dauert es wieder erst einmal länger.“

Die neuen Regeln hätten zu mehr Nettospielzeit und mehr Fairplay führen sollen. Bezüglich der Nettospielzeit sei aber noch nicht klar, ob der Effekt überhaupt eintrete. Von einer generellen Nettospielzeit im Fußball, wie es etwa im Eishockey, Handball und Basketball der Fall ist, hält der TV-Experte allerdings wenig.

Fußball-Regeln: Ittrich warnt vor zu vielen Veränderungen

„Ich hoffe nicht, dass das kommt, und verstehe auch nicht, warum immer alle darauf pochen“, sagt er. „Wenn wir am Fußball immer wieder ohne Ende herumschrauben, verändern wir eines Tages die Grundart des Spiels. Ich bin kein Freund davon.“

Ähnliches gelte auch für die bei der WM eingeführte „Hydration Break“, eine als Trinkpause getarnte Werbeunterbrechung. „Das hat einen totalen Einfluss auf das Spiel, es ist eigentlich eher eine taktische Pause, in der die Trainer noch Anweisungen geben können“, sagt Ittrich. Die Deutsche Fußball Liga teilte bereits mit, dass über Trinkpausen weiterhin „situativ“ entschieden werde. Für Ittrich käme in der „Hydration Break“ vermutlich ohnehin nur ein Getränk infrage: Filterkaffee.