Es gibt Fußballabende, an denen ein Spieler wirklich alle Rollen übernimmt, die ein Drama-Drehbuch hergibt. Folarin Balogun war am Mittwochabend im Levi‘s Stadium von Santa Clara erst der Mann, der zu früh jubelte. Dann der Mann, der traf. Dann der Mann, der nach einem fragwürdigen Foul vom Platz musste. Und am Ende der Mann, der beim nächsten Spiel, dem wichtigsten einer amerikanischen Nationalmannschaft seit Ewigkeiten, zum Zuschauen verdammt ist.

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Vor diesem Spannungsbogen verblasst fast das Wesentliche: Die USA haben Bosnien-Herzegowina 2:0 geschlagen und damit zum ersten Mal seit 2002 wieder ein K.o.-Rundenspiel bei einer Weltmeisterschaft gewonnen. Bei einer Heim-WM ist das ein historischer Durchbruch. Aber es war ein nervöses, kantiges Spiel, in dem die Amerikaner zeigen mussten, ob der von Trainer Mauricio Pochettino permanent beschworene Zusammenhalt mehr ist als Turnierprosa. Vorweg: Er war es.
Im Achtelfinale gegen Belgien
Balogun hatte kurz vor seinem 25. Geburtstag den Abend früh auf seine Seite gezogen. Allein, sein Tor wurde ihm wegen Abseits aberkannt. Kurz vor der Pause sprang dem in Monaco unter Vertrag stehenden Stürmer der Ball in den Lauf. Er nahm ihn mit, schoss flach vorbei an Nikola Vasilj, 1:0, diesmal regelgerecht. Schon sein drittes Tor in diesem Turnier; Marktwertsteigerung erheblich. Dass gerade Balogun nach 64 Minuten vom Feld musste, veränderte mehr als nur die Statik dieses Spiels. Er und der bosnisch-herzegowinische Verteidiger Tarik Muharemović kämpften um den Ball, Balogun kam zu Fall, seine Stollen trafen den Gegner an Knöchel und Wade. Absicht oder Unfall? Brutales Einsteigen oder die unglückliche Mechanik zweier Körper? Schiedsrichter Raphael Claus ließ zunächst laufen, dann schaltete sich der Videoassistent (VAR) ein. Als Claus vom Monitor zurückkam, zeigte er Rot. Das Stadion buhte aus zehntausenden Kehlen.

Mauricio Pochettino war nicht allein, als er nach dem Abpfiff zu Protokoll gab: „Das war nie eine Rote Karte. Nie gab es die Absicht, auf den Spieler zu treten.“ Mark Clattenburg, Ex-Schiedsrichter der englischen Premier League und heute Fox-News-Zuträger, meinte, die Szene hätte gar nicht erst an den VAR weitergeleitet werden dürfen. Über Balogun, der konsterniert in die Kabine schlich, sagte sein Coach: „Er ist sehr, sehr traurig. Aber er ist auch glücklich, weil wir uns qualifiziert haben.“ So spricht man über einen Unterschiedsspieler, den man nicht verlieren will und nun doch verliert. Gegen Belgien am 6. Juli im Achtelfinale wird Balogun nach den Statuten fehlen; Einspruch und nachträgliche Korrektur unmöglich.
Für die USA ist das keine Beiläufigkeit. Er ist ihr gefährlichster Angreifer, kreiert Tiefe, öffnet Räume, bindet mehrere Verteidiger. Pochettino wird ersetzen müssen, was man nur bedingt ersetzen kann: mit Haji Wright (Coventry City), Ricardo Pepi (PSV Eindhoven) oder einer Verschiebung Christian Pulisics. „Wir wissen, dass wir ein Team aus 26 Spielern sind, nicht nur aus einem“, beteuert Verteidiger Chris Richards. Der Satz ist richtig. Aber er macht die gerissene Lücke nicht kleiner. Dass die USA diese Lücke füllen müssen, verdanken sie Malik Tillman. Der Mittelfeldspieler trat in der 82. Minute mit aufgerissenem Schuh und blutigen Zehen zum Freistoß an. „Ich habe davon geträumt, vielleicht einen Freistoß zu schießen und damit ein Tor zu erzielen“, sagte Tillman später. Er zirkelte den Ball über die Mauer, der Torhüter kam noch dran, aber nicht genug. 2:0. Kollektive Erleichterung, nicht Ekstase, war der Ton dieses Tores.
„Wir haben in der Halbzeitpause miteinander gesprochen“, berichtete Pochettino. „Das war der Moment, um allen zu zeigen – und uns selbst zu beweisen –, dass es nicht nur leere Worte sind, wenn wir sagen, dass wir eine Familie sind.“ Man kann solche Sätze als Trainerlyrik abtun. An diesem Abend aber funktionierten sie. Die Heimmannschaft geriet nicht aus der Spur. Sie verteidigten über 30 Minuten zu zehnt.
Stich in Trumps Herz
Balogun blieb der Schattenriss des Abends. Weil er eine amerikanische Geschichte erzählt, die größer ist als Fußball. Geboren in New York als Sohn nigerianischer Eltern, aufgewachsen in London, ausgebildet bei Arsenal, Profi in Europa: Balogun hätte für England spielen können, auch Nigeria war möglich. 2023 entschied er sich für die USA. „Ich bin sehr stolz, Amerikaner zu sein und Amerika zu vertreten.“
In einem anderen Klima wäre das ein harmloser Satz aus der Nationalmannschaftsfolklore. In Donald Trumps Amerika hat er besonderes Gewicht. 2001 besuchte Baloguns Mutter, die damals im siebten Monat schwanger war, Verwandte in New York. Die Fluggesellschaft untersagte ihr aus Sorge um das ungeborene Leben den Rückflug nach London. Nur darum kam Folarin in den USA zur Welt, ist somit Amerikaner durch Geburtsrecht. Jenes in der Verfassung zementierte Prinzip, das Präsident Donald Trump politisch schleifen wollte. Was just am Tag zuvor, Zufälle gibt’s, der Oberste Gerichtshof in Washington vereitelt hatte.
Wiederhole: Der Stürmer, dem Trumps Amerika am liebsten die Zugehörigkeit nachträglich aberkennen würde, schießt das Land in die nächste Runde. Sein Land. Eine historische Pointe, die man nicht erfinden kann.





