In dem großen Raum hinter der Glasscheibe des Gillette Stadium von Boston brach Gelächter aus, als der marokkanische Schiedsrichter Jalal Jayed auch die Verlängerung abgepfiffen hatte. „Dann mal los, Mr. Aura“, hatte ein deutscher Reporter durch den Raum gerufen, in dem rund 100 Journalisten wie die Hühner auf der Stange saßen und vom WM-Spiel zwischen Deutschland und Paraguay berichteten.

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Gemeint war natürlich Manuel Neuer, die personifizierte Aura der Torwartwelt, dessen Moment nun gekommen war. Bei einer der Pressekonferenzen, die im DFB-Quartier in Winston-Salem an der Wake Forest University in einem Hörsaal stattfanden, wurde Neuer von einem Journalisten gefragt, was es denn eigentlich mit dieser Aura auf sich habe, von der alle immer sprechen würden. Neuers Antwort: „Das müssen Sie doch beantworten, ich bin ja gerade in den Raum gekommen.“
Neuer-Drama auch für die Reporter
Zwei Wochen später hing an der Aura von Neuer im Elfmeterschießen von Foxborough das Drei-Wochen-Schicksal von 150 deutschen Medienvertretern, die das DFB-Team bei der WM begleitet hatten und ihren flexiblen Rückflug mehrheitlich für den Tag nach dem WM-Finale am 19. Juli reserviert hatten. Das Turnier wird doch nicht gleich vorbei sein, oder etwa doch?
Wenige Minuten nach dem Aura-Spruch des Reporters wurde es in der sogenannten Pressbox still. Man hörte nur noch schnaufende Journalisten und das hektische Tippen auf den Tastaturen, denn Neuers Aura hatte nicht ausgereicht, um den WM-Außenseiter Paraguay zu bezwingen. Mit dem verwandelten Schuss von Jose Canale endete auch meine vierwöchige WM-Reise so abrupt wie ein Zug, der keine Bremse hat und plötzlich gegen eine Mauer prallt.

Statt der Weiterflüge über Winston-Salem zum Achtelfinale nach Philadelphia am 4. Juli, dem US-amerikanischen Nationalfeiertag, ging es keine 24 Stunden später mit Lufthansa-Flug LH421 zurück nach Frankfurt. Der vierwöchige Film, der mit dem Abflug nach Chicago am 2. Juni begann, war mit einem Schuss vorbei. Und ich fragte mich an meinem Laptop schon während der Verlängerung: Was passiert hier eigentlich gerade?
Als Deutschland es nicht geschafft hatte, Paraguay nach 90 Minuuten zu besiegen, fluchten im Teams-Chat die Kollegen der WAZ, die auch unsere WM-Seiten im Abendblatt produzieren und ebenfalls nicht mit einer Verlängerung geplant hatten, sondern mit einem schnellen Senden der Artikel an die Druckerei noch möglichst viele Ausgaben am Morgen erreichen wollten. „Bitte schickt den Spielbericht schon fünf bis zehn Minuten vor Abpfiff“, lautete der Auftrag der Blattmacher in Essen. Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte diese Bitte leider nicht gelesen.
Hektische Momente in der Pressbox
Viele Reporter in der Pressbox denken an ihre Hotelbuchung in Winston-Salem. Im Gegensatz zu mir. Gebrandmarkt durch sechs verpasste Aufstiege, die ich als HSV-Reporter miterlebt habe, weiß ich zu gut, dass man mit einer frühzeitigen Planung von Aufstiegsbüchern oder eben auch einer Hotel- und Flugbuchung trotz eines sicher geglaubten Sieges immer zurückhaltend sein sollte.
Es folgt ein echter Nervenkrimi. Neuer (oder seine Aura?) pariert den zweiten Matchball von Paraguay. Der deutsche Turnier- (und Reporter) Traum lebt wieder. Zumindest für eine Minute. Dann läuft Tah an und schießt seinen Elfmeter Richtung New York. Dorthin kehren wir nun nicht wieder zurück. Neben mir an den Laptops stornieren viele Reporter nach dem ersten Tippen ihrer Drama-Schlagzeilen hektisch ihre Unterkünfte für die Zeit bis zum geplanten Frankreich-Spiel.
Auch ich muss wenige Minuten später nach dem Ende meiner letzten deutschen WM-Einzelkritik mein Hotel in Philadelphia canceln, während ich parallel auf der PK den Bundestrainer nach den Gründen für die fehlende Qualität im deutschen Fußball frage. Ein wirrer Film, der plötzlich eine unerwartete Wendung genommen hat.
Teure Hotelpreise bei der WM
Ein kleiner persönlicher Erfolg in diesem Planungsdrama: 500 Euro habe ich meinem Verlag mit meinem Nicht-Klick gespart, als ich auch nach dem kurzzeitigen (und eigentlich regulären) 2:1 von Tah in der 105. Minute der Nachspielzeit noch nicht auf „Buchung bestätigen“ gedrückt hatte. Den Tab mit der offenen Buchung kann ich schließlich endgültig wegklicken.
500 Euro reichten in Boston während der WM zwar nur für zwei Nächte in einem gewöhnlichen Hotelzimmer. Aber die Schlafzeit war ohnehin äußerst gering, was nicht nur an der Arbeit und der Zeitverschiebung, sondern auch am leckeren IPA in den USA lag. Schließlich bedeutet eine WM als Reporter auch Land, Leute und lokales Bier kennenzulernen. Auch an mein letztes IPA in Amerika denke ich, als wir das Boston Stadium verlassen.

Zugegeben, die Stadien in den USA, in denen sonst hauptsächlich American Football gespielt wird, sind schon cool, wenngleich das Gucken in der Pressbox das Stadionvergnügen mildert. Dass ich das Philadelphia Stadium mit einem Spiel gegen die Superstars Kylian Mbappe und Michael Olise nicht mehr erleben konnte, nehme ich der deutschen Mannschaft trotzdem persönlich.
Aber dafür darf ich dank Kai Havertz, Nick Woltemade, Tah und der nicht mehr ganz so großen Aura von Neuer an diesem Donnerstag den dritten Geburtstag meines Sohnes feiern. Damit war nicht zu rechnen. In diesem Sinne: Vielen Dank, Herr Nagelsmann...





