Es war nicht mehr an Dramatik zu überbieten, dieses Elfmeterschießen zwischen Deutschland und Paraguay um den Einzug ins WM-Achtelfinale. Manuel Neuer hielt einmal, doch das sollte nicht reichen. Jonathan Tah schoss den sechsten deutschen Versuch auf die Tribüne, während Jose Canale für Paraguay im Anschluss verwandelte.

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Die DFB-Elf scheiterte damit in der ersten K.-o.-Runde von Foxborough, es war das nächste große Versagen bei einer WM. Kai Havertz und Nick Woltemade scheiterten an Paraguays Keeper Orlando Gill. Dass Joshua Kimmich, Jamal Musiala und Nadiem Amiri ihre Elfmeter verwandelten, half nicht. 4:5 nach Elfmeterschießen – Deutschland verabschiedete sich aus der WM. Die reguläre Spielzeit endete nach Toren von Julio Enciso (42.) und Havertz (54.) mit 1:1 (0:1). Die hektische Verlängerung blieb torlos.

„Gerade im Moment gibt es nicht viel zu sagen, mir fehlen auch ein bisschen die Worte“, sagte ein enttäuschter Havertz nach dem Spiel. „Wir haben uns viel vorgenommen dieses Jahr. Und jetzt wieder zu enttäuschen, ist natürlich kein schönes Gefühl.“ Der Arsenal-Profi sagte, dass sich die Deutschen an die eigene Nase fassen müssen: „Der Bundestrainer ist ausgeschlossen.“

Von einem Rücktritt wollte Nagelsmann auch nichts wissen. Der gebürtige Landsberger hat noch einen Vertrag bis zur Europameisterschaft 2028. „Ich stehe zur Verfügung, wenn der DFB das nicht möchte, muss er es sagen“, sagte Nagelsmann. „Ich bin kein Mensch, der wegläuft.“

Für ihn war es eine Rückkehr an den Ort, an dem für ihn die Mission als Bundestrainer begann. Im Oktober 2023 leitete Nagelsmann auf dem Trainingsgelände von MLS-Klub New England Revolution, zwölf Gehminuten entfernt vom Boston Stadium, seine erste Einheit. Nagelsmanns Anstellung als Bundestrainer war nach qualvollen Monaten unter Hansi Flick von viel Zuversicht begleitet worden. Der damals 36-Jährige verkörperte Aufbruchstimmung, die der kriselnde Verband rund acht Monate vor Start der Heim-EM dringend benötigte.

Nun war Nagelsmann in den Bostoner Vorort Foxborough gekommen, um sein erstes K.-o.-Spiel bei einer WM zu gewinnen. Seit dem Titelgewinn 2014 ist die Nationalelf nicht mehr in die heiße Phase eines Weltturniers eingezogen. Nach dem 1:2-Dämpfer gegen Ecuador veränderte Nagelsmann seine Startelf auf zwei Positionen. Nathaniel Brown und Deniz Undav kamen für David Raum und Jamal Musiala.

DFB-Elf kämpft um zweite Bälle

Der Bundestrainer hatte den Kampf um zweite Bälle als Schlüsselmomente ausgemacht und erwartete daher von seiner Mannschaft, dass sie gegen die „südamerikanische Mentalität“ dagegenhält. Eine „Drecksack-Mentalität“ forderte er ein. Die Südamerika-Qualifikation beendete Paraguay als Sechster – mit den zweitwenigsten Gegentoren (10, geteilt mit Argentinien) hinter Ecuador (5).

Allein aufgrund dieser Statistik ließ sich erahnen, was die 63.945 Zuschauerinnen und Zuschauer im Boston Stadium zu erwarten hatten. Deutschland musste mit viel Ballbesitz das Spiel machen, die Paraguayer standen mit ihren Ketten tief am eigenen Sechzehner. Der deutsche Plan sah vor, die Partie mit Florian Wirtz und Leroy Sané in die Breite zu ziehen, um dann mit Steckpässen auf Undav oder Kai Havertz in Abschlusspositionen zu kommen. An der Ausführung mangelte es erheblich. Kaum einmal kam die Nationalelf bis zur Grundlinie, spielte im Zentrum hanebüchene Fehlpässe. Und erlebten dann das absolute Horrorszenario.

WM 2026 - Deutschland - Paraguay
Auf einmal taucht Julio Enciso auf und schockiert die deutsche Mannschaft mit dem Führungstreffer – Manuel Neuer schaut dem Ball nur hinterher.© dpa | Weller

Die offensiv limitierten Südamerikaner erarbeiteten sich einen Eckball, den Manuel Neuer weit weg faustete. Dann aber begann die Fehlerkette. Wirtz ging nicht entschlossen zum Ball, Brown ließ sich auf der linken Seite abkochen, Aleksandar Pavlovic drehte sich bei der Flanke von Matias Galarza weg und die gesamte Abwehr stand nur daneben, als der 1,73 Meter kleine Enciso mutterseelenallein zur 1:0-Führung einköpfte (42.). Ein heftiger Schock für die DFB-Elf.

Nagelsmann bringt Goretzka und Musiala

Nagelsmann sprintete mit dem Pausenpfiff von Schiedsrichter Jalal Jayed über den Rasen in die Kabine, um eine der schwächsten Halbzeiten in seiner Bundestrainer-Zeit aufzuarbeiten und das WM-Aus abzuwenden. Welche Möglichkeiten blieben ihm noch?

An Musialas Kreativität dachte man zuerst, doch der erste Wechsel war ein anderer. Leon Goretzka kam zu Beginn der zweiten Halbzeit für Felix Nmecha. Besser sah das deutsche Angriffsspiel wegen vieler Ungenauigkeiten nicht aus. Stattdessen fing sich die DFB-Elf durch einen verunglückten Rückpass von Kimmich auf Neuer fast das zweite Gegentor (50.).

WM 2026 - Deutschland - Paraguay
Die Erlösung: Kai Havertz (hinten links) jubelt mit Aleksandar Pavlovic, Florian Wirtz und Nathaniel Brown über das 1:1.© Jan Woitas/dpa | Jan Woitas

Viel gesprochen wurde zuvor über die fehlende Form der Unterschiedsspieler wie Wirtz und Havertz, die auch gegen Paraguay zunächst einen miesen Tag erwischten – doch dann zuschlugen. Wirtz flankte, Havertz fälschte den Ball mit dem Hinterkopf zum 1:1-Ausgleich ab (54.). Plötzlich war die deutsche Mannschaft zurück, ein Debakel erst einmal abgewendet. Nun sollte der Sieg her, am besten in regulärer Spielzeit.

Doppelchance für DFB-Elf zum 2:1

Also brachte Nagelsmann Bayern-Star Musiala für den im Anlaufverhalten schwachen und ansonsten abgetauchten Undav (63.). Wirtz war bemüht, das Spiel an sich zu ziehen. In der 78. Minute flankte er erneut auf Havertz, doch der scheiterte aus kurzer Distanz an Torwart Orlando Gill. Das hätte das 2:1 sein müssen. Genauso wie Goretzkas Kopfball, den der eingewechselte Waldemar Anton kurz vor Paraguays Tor unfreiwillig aufhielt.

Germany v Paraguay: Round Of 32 - FIFA World Cup 2026
Zählte nicht: Das Kopfballtor von Jonathan Tah.© Getty | Traynor

Dann ging es in die Verlängerung. Deutschland spielte den Ball wie im Handball um den Strafraum herum. Die Probleme, zum Abschluss zu kommen, blieben. Gefährlich waren bloß Wirtz-Flanken. Und die Ecke von Brown auf Jonathan Tah, mit der sich die DFB-Elf ins Achtelfinale zitterte – so schien es, doch nach VAR-Eingriff wurde das vermeintliche 2:1 zurückgenommen, da Anton Paraguays Torwart behinderte (104.). Die Deutschen reklamierten, weil das recht wenig war. Es half nichts. Kurz vor Schluss köpfte Anton in Gills Arme (119.). Es folgte der Elfmeter-Krimi.