Julian Nagelsmann sprang auf und ab, ballte die Hand zur Faust und schrie seine ganze Erlösung heraus. So emotional wie nach dem Führungstor zum WM-Auftakt gegen Curaçao hatte man den Bundestrainer seit dem Ausgleich von Florian Wirtz im EM-Viertelflinale gegen Spanien vor zwei Jahren nicht mehr gesehen. Das Signal, das von dem 38-Jährigen ausging: Houston, wir haben kein Problem! Auf den Tag zwei Jahre nach dem 5:1-Sieg zum Auftakt der Heim-EM gegen Schottland erlebte Nagelsmann nun auch seinen ersten großen Moment einer Weltmeisterschaft, als Felix Nmecha die deutsche Nationalmannschaft schon nach fünf Minuten in Führung gebracht hatte.
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Am Ende wurde es das, was alle von der DFB-Auswahl erwartet hatten: ein hoher und ungefährdeter Auftaktsieg. Mit 7:1 (3:1) siegten die Deutschen im NRG-Stadion von Houston. Neben Nmecha (6.) trafen Nico Schlotterbeck (38.), Kai Havertz (45.+5/88.), Jamal Musiala (47.), Nathaniel Brown (68.) und Deniz Undav (78.). Für Deutschland war es der zehnte Länderspielsieg in Folge. Damit bleibt Nagelsmann auf Rekordkurs. „Ich habe mich extrem gefreut für die Mannschaft“, sagte Nagelsmann nach der Partie. „Die beiden letzten WM-Auftaktspiele waren nicht gut. Curaçao hat besser gespielt, als viele erwartet haben. Wir haben viele Newcomer dabei, da musst du erst einmal sieben Tore machen.“
WM 2026: Deutschland startet torreich ins Turnier

Für ein paar Minuten fühlte sich der Bundestrainer allerdings wie in einem falschen Film. Deutschland hatte die Anfangsphase gegen den kleinen Karibikstaat (160.000 Einwohner) nach Belieben dominiert. Es sah phasenweise aus wie in einem Trainingsspiel, als sich Jamal Musiala, Florian Wirtz und Leroy Sané locker durch den Strafraum kombinierten. Doch dann drehten die Curaçao-Fans in Houston plötzlich durch, als der krasse Außenseiter tatsächlich zum Ausgleich traf. „Mit der Aktion, mit dem ersten Schuss aufs Tor, kassierst du den Ausgleich“, so Nagelsmann. „Da musst du dich erst einmal sammeln.“
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Die Deutschen nahmen das Tempo raus, der WM-Neuling wurde mutiger. Bei einem Angriff schlief die gesamte deutsche Hintermannschaft, als der Ex-Bochumer Jürgen Locadia in den Strafraum stieß. Schlotterbeck klärte, aber direkt vor die Füße von Livano Comenencia, der zum Ausgleich traf (21.).

Kapitän Joshua Kimmich hatte den Ball noch unhaltbar für Manuel Neuer abgefälscht. Für den 40-Jährigen war es zwei Jahre nach dem Kopfball von Spaniens Mikel Merino der erste Schuss auf das Tor – und der war direkt drin. Was für ein bitteres Comeback im DFB-Team.

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Die Curaçao-Fans flippten dagegen aus. Die auf vier Blöcke aufgeteilten Fans aus der Karibik feierten in ihrem WM-Spiel der Geschichte in jedem Fall eine riesige Party. 72.000 Zuschauer passen in die Arena. Einige Plätze blieben angesichts der horrenden Eintritsspreise leer.
Zum Heulen war dagegen dem Bundestrainer zumute. Manuel Neuer hatte vor dem Spiel sogar noch vor der Curaçao-Offensive gewarnt. „Sie können uns überraschen. Wir müssen konzentriert sein und brauchen eine gute Restverteidigung“, sagte der Torhüter vor der Partie. Hinterher war der Torhüter erleichtert: „Ich habe auf diesen Tag gewartet – es hat sich gut angefühlt, mit der Mannschaft auf dem Platz zu stehen.“ Gefühlt habe er sich „eigentlich wie immer, denn das ist es, was ich seit 20 Jahren mache“. Daher konnte er auch genau einschätzen, dass der Schuss zum 1:1 „leider eine andere Flugkurve angenommen hat, sodass die Distanz zu kurz war, um zu reagieren.“

Curaçao traute sich jetzt noch mehr und hatte weitere Offensivaktionen. Nagelsmann nutzte dagegen die erste Trinkpause im klimatisierten Stadion, um seine irritierte Mannschaft neu zu justieren und einzustellen. Diese hätte es angesichts von 20 Grad in der gekühlten Arena mit geschlossenem Dach eigentlich gar nicht gebraucht, gehören aber zum festen Fifa-Programm bei dieser WM.
So spielten sie
Deutschland - Curaçao 7:1 (3:1)
Deutschland: Neuer - Kimmich (83. Anton), Tah (73. Rüdiger), Schlotterbeck, Brown (73. Raum) - Nmecha (73. Goretzka), Pavlovic - Sané, Musiala (64. Undav), Wirtz - Havertz
Curaçao: Room - Floranus, Bazoer, Obispo, Fonville - Comenencia, L. Bacuna - Hansen (46. Antonisse), Chong (83. Kastaneer), J. Bacuna - Locadia (65. Margaritha)
Tore: 1:0 Nmecha (6.), 1:1 Comenencia (21.), 2:1 Schlotterbeck (38.), 3:1 Havertz, 45.+5, Foulelfmeter), 4:1 Musiala (47.), 5:1 Brown (68.), 6:1 Undav (78.), 7:1 Havertz (88.)
Schiedsrichter: Jayed (Marokko)
Zuschauer: 68.021
Für Nagelsmann war die Trinkpause Gold wert. Curaçao nahm sie dagegen den Flow. Bei den Deutschen stimmte es jetzt wieder. Schlotterbeck entspannte Nagelsmann und die gesamte Nation mit dem 2:1. Sein perfekt getimter Kopfball nach einer Ecke von Nathaniel Brown brachte Deutschand wieder in die Spur (38.).
Kurios: Eigentlich hatte Havertz die Ecke zuvor kurz ausgeführt, wurde aber zurückgepfiffen, weil der Ball nicht auf der Linie lag. Die Wiederholung übernahm dann Frankfurts Brown in seinem ersten WM-Spiel der Karriere. „Nene ist ein großes Talent, das uns viel Freude bereiten wird“, sagte Nagelsmann vor dem Spiel über Browns Nominierung für die Startelf.
Im NRG-Stadion lief wie bei der Heim-WM der deutsche Torsong Major Tom von Peter Schilling. Und auch in der deutschen Mannschaft war die Anspannung jetzt völlig losgelöst. Noch vor der Halbzeit traf Havertz per Elfmeter zum 3:2 (45.+5). Zuvor war BVB-Star Nmacha gefoult worden. 16:4 lautete in der Pause das Torschussverhältnis.

Deutschland blieb auch nach der Halbzeit auf dem Gaspedal. Nun durfte auch Musiala über sein erstes WM-Tor jubeln, als er nach einem tiefen Pass seines Münchner Vereinskollegen Kimmich zum 4:1 traf (47.). Aif der Tribüne dürften auch Jürgen Klopp und Thomas Müller anerkennend geklatscht haben. Die beiden neuen Experten von Magenta TV hatten vor dem Spiel vorgeschlagen, Musiala zunächst auf der Bank zu lassen und damit eine große Diskussion ausgelöst. Nagelsmann sagte vor dem Spiel zur Klopp-Debatte, der zudem mit einem Spruch über die Zukunft des Bundestrainer für Wirbel gesorgt hatte: „Mein Job ist es, die Mannschaft jetzt gut einzustellen, dass wir auch nach der WM gute Spiele machen können.“

Im ersten Spiel der WM lief es bei Nagelsmann nun nach Plan. Die Gegenwehr der tapferen Mannschaft aus Curaçao war in der zweiten Halbzeit gebrochen. Jetzt durfte fast jeder mal treffen. Brown (68.) und der eingewechselte Deniz Undav (78.) feierten zwie Premieren. Für Bown war es das erste Länderspieltor, für Undav der erste Treffer bei einem großen Turnier. Den Schlusspunkt setzte erneut Havertz, der gemeinsam mit Nmecha Mann des Spiels aus deutscher Sicht war: „Ein sehr besonderer Moment für mich“, sagte der Dortmunder. „Ich bin sehr glücklich für unsere Mannschaft. So ein 7:1 kann man gut mitnehmen.“
Und Nagelsmann? Der konnte nun in seinem schwarz-weiß gestreiften T-Shirt ganz gelassen zuschauen, wie seine Spieler Selbstvertrauen für die nächsten Spiele sammelte. Das wird die DFB-Auswahl in jedem Fall brauchen in den beiden Gruppenspielen gegen die Elfenbeinküste und Ecuador.








