Trotz ihrer Torwartmisere haben sie sich beim FC Bayern nicht bei Sepp Maier, Raimond Aumann oder Oliver Kahn erkundigt, ob sie noch einmal ihre alten Handschuhe überziehen können, jedenfalls nicht ernsthaft. Weil derzeit auch einige Feldspieler ausfallen, wäre es ohnehin sinnvoller gewesen, Michael Tarnat zu fragen, der sich ja einst als Multitalent erwiesen hatte. Als Linksverteidiger und im Mittelfeld konnte er ebenso spielen wie als Torwart. 1999 sprang er in der Bundesligapartie bei Eintracht Frankfurt zwischen den Pfosten ein. Stammkeeper Kahn hatte sich damals eine Gehirnerschütterung zugezogen. Der eingewechselte Ersatztorwart Bernd Dreher musste nach nur acht Minuten mit einem Kreuzbandriss wieder raus. Also ging der Feldspieler Tarnat ins Tor und zeigte sogar eine Parade. Die Bayern drehten ein 0:1 zum 2:1-Sieg.

Ein beruhigender Vorsprung

Ganz so turbulent wird es wohl nicht zugehen, wenn der FC Bayern an diesem Mittwoch (21 Uhr/DAZN) Atalanta Bergamo zum Rückspiel im Achtelfinale der Champions League mit dem beruhigenden 6:1-Vorsprung aus der ersten Verabredung empfängt. Schon beim Training am Montag zeichnete sich ab, dass Jonas Urbig nach seiner Gehirnerschütterung aus dem Hinspiel vor acht Tagen wohl wieder zur Verfügung stehen dürfte. Am Dienstag bestätigte Trainer Vincent Kompany, dass Urbig voraussichtlich spielen werde. Das Profidebüt des 16 Jahre alten Leonard Prescott wird demnach also wahrscheinlich vertagt. Das Talent soll aber wie im Hinspiel auf der Bank sitzen. Als dritter Keeper dürfte Jannis Bärtl, 19, im Kader stehen. Ausgestanden ist die Torwartmisere ja noch nicht, wenngleich auch die Nummer eins, Manuel Neuer, nach seinem erneuten Faserriss wieder trainiert, aber noch nicht wieder im Kader stehen wird. Noch länger ausfallen werden die Nummer drei, Sven Ulreich, nach seinem Muskelbündelriss und die Nummer vier, Leon Klanac, wegen einer Oberschenkel-Blessur.

Die Torwartmisere überdeckt, dass Trainer Vincent Kompany bei seinen Feldspielern derzeit ebenfalls immer wieder zu Umbauten gezwungen ist, auch jetzt gegen Bergamo. Joshua Kimmich und Michael Olise hatten sich im Hinspiel bei Atalanta mit Zeitspiel ihre jeweils dritte gelbe Karte und damit eine Sperre fürs Rückspiel eingehandelt. Zudem stehen Alphonso Davies nach seiner Zerrung aus dem Hinspiel, Hiroki Ito wegen eines Faserriss und Jamal Musiala nicht zur Verfügung. Beim Offensivspieler schmerzt erneut sein linkes Sprunggelenk, das im Zuge seines Wadenbeinbruch im vergangenen Sommer verletzt worden war.

Wohl wieder fit: Bayern-Torwart Jonas Urbig.
Wohl wieder fit: Bayern-Torwart Jonas Urbig.© Getty | Luzzani

Keine Einsatzminuten sammeln können zudem die verletzten Talente Wisdom Mike, Cassiano Kiala und David Santos Daiber. Und die nächsten Ausfälle stehen schon fest: Luis Díaz bleibt nach seiner gelb-roten Karte in Leverkusen für das Ligaspiel am Samstag gegen Union gesperrt, das DFB-Sportgericht wies den Einspruch des FC Bayern als „unbegründet“ zurück. Auch Jonathan Tah wird gegen die Berliner wegen einer Gelbsperre fehlen, ebenso Nicolas Jackson, der in Leverkusen Rot gesehen hatte und für zwei Ligaspiele gesperrt wurde.

Wichtig für das Binnenklima

Die vielen Ausfälle wirken ungünstig, könnten sich aber für die entscheidende Saisonphase als hilfreich erweisen. „Ich bin ziemlich entspannt“, hatte Kompany zuletzt bereits wegen einiger Absenzen gesagt. Er verwies auf „einige Jungs, die schon hoffen: Okay, jetzt habe ich meinen Moment.“ Das gilt nun für Minjae Kim, Tom Bischof, Leon Goretzka, Lennart Karl oder Serge Gnabry. Zugleich können eher unscheinbare, aber sehr verlässliche Arbeiter wie Konrad Laimer und Josip Stanisic ihren oft unterschätzten Wert für die Mannschaft zeigen, ebenso Kimmichs Vertreter Aleksandar Pavlovic, der wie ein gleichmäßig tickendes Metronom den Takt vorgibt. Sie alle dürfen sich nun wichtig und gebraucht fühlen, was das Binnenklima und den Zusammenhalt im Team stärken sollte. Vielspieler wie Kimmich, Olise und Tah können sich derweil erholen, ehe es im April und Mai um die Titel in Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League geht.

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Es gäbe also schlechtere Zeitpunkte für eine angespannte Personallage und die dadurch nötigen Rochaden. Und in der größten Not könnte auch Harry Kane im Tor aushelfen. Für Tottenham hatte der Stürmer 2014 beim 5:1 gegen Tripolis in den Schlussminuten schon einmal die Handschuhe übergezogen, nachdem Torwart Hugo Lloris wegen einer Notbremse Rot gesehen hatte und alle Wechsel ausgeschöpft waren. Den folgenden Freistoß konnte Kane allerdings nicht parieren. Ganz so talentiert wie Tarnat scheint er als Torwart nicht zu sein. Aber Kane ist ja auch Engländer.E