Der „letzte Tanz“ begann, als das Rennen vorbei war. Hand in Hand und mit schwenkenden Nationalflaggen absolvierten Franziska Preuß und Dorothea Wierer noch einmal einen Zieleinlauf – in gemächlichem Tempo und fröhlich winkend, statt verbissen um jede Sekunde kämpfend. Die 9000 Fans auf der Stadiontribüne feierten zwei der prägendsten Biathletinnen der vergangenen 15 Jahre mit stehenden Ovationen. „Grazie“ und „Danke“ stand auf zahlreichen Schildern. Die begeisterten Zuschauer hielten selbst gebastelte Porträts ihrer Lieblinge und rote Herzen in die Luft. Als Whitney Houstons „One Moment in Time“ aus den Lautsprechern erklang, konnte Preuß ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Eigentlich wollte ich nicht mehr weinen. Aber als ich meine Familie gesehen habe, war es zu spät“, sagte die Oberbayerin. 15 Personen aus ihrem engsten Umfeld bereiteten ihr nach dem 12,5-Kilometer-Massenstart einen emotionalen Empfang. Unter ihnen waren ihre Eltern Elisabeth und Georg sowie ihr Freund Simon Schempp. Als sie gemeinsam mit ihrer langjährigen Konkurrentin zum letzten Mal die Ziellinie überquerte, standen die deutsche und die italienische Mannschaft Spalier und spendeten Applaus.
Für Dorothea Wierer schließt sich ein Kreis
Während Preuß im Antholzer Flockenwirbel von ihren Liebsten geherzt wurde, fiel die Party für Lokalmatadorin Wierer noch größer aus. Dutzende Familienmitglieder, Freunde und Wegbegleiter waren gekommen, um der Südtirolerin die Ehre zu erweisen. Die 35-Jährige wuchs als drittes von fünf Kindern im Antholzer Tal auf. Im Alter von zehn Jahren versuchte sie sich im nahegelegenen Stadion erstmals beim Biathlon. Am Samstag schloss sich nach 25 Jahren ihr sportlicher Kreis: „Vor meinen Leuten in meiner Heimat meine letzten Rennen zu bestreiten, noch dazu bei Olympischen Spielen: Besser hätte ich nicht aufhören können“, sagte die viermalige Weltmeisterin.

Platz 28 beim letzten Auftritt nahm Preuß gelassen
Nach ihrer Ehrenrunde mit Wierer verpasste ihr Preuß eine Sektdusche. Anschließend nahm die Deutsche einen kräftigen Schluck aus der Flasche und schaute gedankenverloren ins Publikum: „Ich wollte bewusst noch einmal alles aufsaugen. Es war mir egal, was dabei herauskam. Dieses letzte Rennen wollte ich nur genießen“, sagte die 31-Jährige. Entsprechend gelassen nahm sie ihren 28. Platz im Massenstart-Feld der 30 besten Skijägerinnen. „Bei Olympia die Karriere zu beenden, ist etwas Spezielles. Gemeinsam mit Doro war es ein super Abschluss.“
Eigentlich wollte sich Preuß in Antholz ihren Traum von einer olympischen Einzelmedaille erfüllen. Doch auch im letzten Wettbewerb dieser Spiele verbaute sie sich alle Chancen am Schießstand. Bereits im ersten Anschlag leistete sie sich eine Strafrunde. Spätestens mit ihrem zweiten Fehler beim zweiten Schießen waren die Podestplätze außer Reichweite. Als ihr bei der ersten Stehendeinlage vier weitere Fehlschüsse unterliefen, ließ sie das Rennen locker ausklingen. Zumindest der letzte Schuss ihrer Karriere ging ins Schwarze.

Emotionale Worte von Lou Jeanmonnot
Schon vor dem Startschuss hatten sich zahlreiche Weggefährten in den sozialen Medien von Deutschlands Sportlerin des Jahres 2025 verabschiedet. Die Französin Lou Jeanmonnot, mit der sich Preuß in der vergangenen Saison einen packenden Zweikampf um den Gesamtweltcup geliefert hatte, schrieb: „Wir werden dich vermissen. Ich habe jedes Duell mit dir genossen, sogar die schwierigen.“ Damit erinnerte sie an das dramatische Finale am Osloer Holmenkollen, bei dem sie in der letzten Kurve gestürzt war und später von der Deutschen getröstet wurde: „Danke, dass du in jeder Situation eine Königin warst.“
Passenderweise wurde Preuß nach dem tränenreichen Finale eine Krone aufgesetzt. Diese behielt die bescheidene Athletin zwar nicht lange auf. Doch das musste sie auch gar nicht, um ihren Stellenwert zu unterstreichen. Teamkollege Philipp Horn meinte voller Anerkennung: „Ich weiß gar nicht, ob ihr das bewusst ist: Aber Franzi ist eine der größten Legenden, die wir in den letzten Jahrzehnten im Biathlon hatten.“
Vanessa Voigt kämpft lange um eine Medaille
In den Abschiedszeremonien ging der überraschende Sieg von Oceane Michelon beinahe unter. Die 23-Jährige setzte zum Abschluss der olympischen Biathlon-Wettbewerbe die französischen Festspiele fort. Trotz zweier Strafrunden setzte sie sich vor ihrer Landsfrau Julia Simon und Tereza Vobornikova aus Tschechien durch. Es waren bereits das sechste Gold und die Medaillen Nummer 12 und 13 für Frankreich in Antholz.

Am dichtesten an einer weiteren deutschen Medaille war Vanessa Voigt. Sie konnte bis zum letzten Schuss auf Edelmetall hoffen. Dann unterlief ihr der einzige Patzer, und sie wurde mit einem Rückstand von 36 Sekunden Siebente. „Da war ich in Gedanken schon auf der Strecke“, ärgerte sie sich über den Lapsus.


