Es mag wie eine Floskel klingen, ist aber dennoch oftmals korrekt: Schritt für Schritt geht es nach vorne, aber der letzte ist dann doch der schwerste. Mit Blick auf die kommende Saison steht das Radsportteam Red-Bull-Bora-Hansgrohe an einem Wendepunkt seiner noch jungen, aber ambitionierten Geschichte. Der Einstieg des belgischen Starfahrers Remco Evenepoel ist dabei weit mehr als ein spektakulärer Transfer. Der 25-Jährige ist das Aushängeschild eines klar definierten Großprojekts, dessen Ziel offen ausgesprochen wird: der Gesamtsieg bei der Tour de France.

Neue Roglic-Rolle bei Red-Bull-Bora-Hansgrohe

Denn abgesehen von dem größten Erfolg im Jahreskalender des Radsports hat das Team unter Teamchef Ralph Denk seit dem WorldTour-Aufstieg 2017 alles erreicht. Erst einzelne Etappensiege bei den Grand Tours, dann folgte ein Erfolg bei einem Monument (Paris-Roubaix) sowie Gesamtsiege beim Giro d‘Italia und der Vuelta.

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Evenepoel ist dabei nicht der erste Fahrer, der das deutsche Team mehr ins Rampenlicht rücken soll. Bei Sprinter- und Klassikerkönig Peter Sagan ging die Rechnung von 2017 bis 2021 größtenteils auf, ehe dieser seine Form verlor.

Peter Sagan brachte erstmals Glanz ins Team von Ralph Denk – und auch sportlichen Erfolg, der die Marke stärkte.
Peter Sagan brachte erstmals Glanz ins Team von Ralph Denk – und auch sportlichen Erfolg, der die Marke stärkte. © AFP | Christophe Petit Tesson

Bei Primoz Roglic hingegen nur bedingt. Denn der 36-Jährige trat vor zwei Jahren sein Projekt bei Bora an, um endlich den Sieg bei der Tour de France zu holen. Für das Team, aber vor allen Dingen auch für ihn persönlich.

Doch daran scheiterte der Slowene. Sein Tour-de-France-Trauma von 2020, als er im entscheidenden Zeitfahren von Tadej Pogacar düpiert wurde, bleibt auf ewig. Nun soll der einstige Skispringer erneut die Vuelta für sich entscheiden und sich damit zum alleinigen Rekordhalter aufschwingen. Auch ein großes Ziel. Doch in der ersten Reihe steht der Routinier fortan nicht mehr.

Evenepoel als strategischer Gamechanger

Evenepoel hingegen verändert die Statik des Teams fundamental. Sportlich bringt er ein Profil mit, das für die moderne Tour entscheidend ist: überragendes Zeitfahren, aggressive Rennanlage, mentale Präsenz. Für Denk ist er genau jener Fahrer, den man nicht „aufbauen“ muss, sondern um den man ein System herum konzipiert. Denk verfolgt seit Jahren das Ziel, aus einem sehr guten WorldTour-Team ein echtes Tour-Gewinnerteam zu formen. Mit dem dreimaligen Zeitfahrweltmeister bekommt diese Vision erstmals ein Gesicht, das international sofort als Titelkandidat wahrgenommen wird.

Gleichzeitig zwingt Evenepoel das Team zu einem nächsten Schritt in der Professionalisierung: Material, Performance-Abteilung, Rennvorbereitung und Kaderzuschnitt werden kompromisslos auf die drei Wochen im Juli ausgerichtet. Das ist ein qualitativer Sprung – weg von „Etappensiegen plus Top-5“, hin zu Alles-oder-nichts. Zudem ist der Belgier einer der absoluten Top-Stars der Szene – ganz nach den Vorstellungen von Red Bull. Wenngleich klar festzustellen ist: Bis dato konnte der Belgier im Hochgebirge nie mit dem großen Triumphator Tadej Pogacar mithalten. Auch Jonas Vingegaard scheint dort noch zu stark zu sein. Deswegen muss der Doppel-Olympiasieger mit Blick auf sein großes Ziel im Frühjahr seine Kräfte und Trainingspläne anders ausrichten.

Die Lipowitz-Zukunft bei Bora

Für die deutsche Tour-Hoffnung Florian Lipowitz ist die neue Konstellation ambivalent – und gerade deshalb hochspannend. Einerseits rückt er nominell aus dem alleinigen Rampenlicht: Die mediale und strategische Führungsrolle gehört klar Evenepoel. Andererseits eröffnet sich für Lipowitz eine einmalige Entwicklungsumgebung. Statt früh zum Alleinkapitän erklärt zu werden, kann er sich auf höchstem Niveau ohne maximalen Erwartungsdruck weiterentwickeln.

Florian Lipowitz
Sorgte für Furore bei der vergangenen Tour de France: Florian Lipowitz. © AFP | Anne-Christine Poujoulat

Sportlich bedeutet das: Lipowitz wird nicht entmachtet, sondern aufgewertet. Als zweiter Fahrer für die Gesamtwertung oder als taktische Option entsteht eine Konstellation, die dem Team im Rennen Flexibilität gibt. Angriffe aus der Distanz, Reaktionsmöglichkeiten auf Rivalen, Absicherung bei Schwächephasen – vieles ist dadurch möglich.

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Für Lipowitz selbst ist es die Chance, zu lernen, wie ein echter Tour-Favorit arbeitet, denkt und sich über drei Wochen bewegt. Langfristig kann genau das der entscheidende Baustein für seine eigene Rolle als Rundfahrtsleader sein. Zudem wurde im Hochgebirge im vergangenen Jahr beim Drittplatzierten deutlich, dass er dort wohl noch mehr Reserven hat als das neue Aushängeschild Evenepoel.  

Ich bin explosiver, Florian muss ins Laufen kommen wie ein Diesel.

Remco Evenepoel,, Bora-Profi, über seinen Team-Kollegen

„Ich bin explosiver, Florian muss ins Laufen kommen wie ein Diesel. Wir sind gegensätzliche Pole und das kann zusammen richtig gut funktionieren“, umriss Evenepoel selbst die Aufgabenverteilung der beiden Aushängeschilder des deutschen Teams für die Tour de France.

Media Day Team Red Bull-Bora-hansgrohe
Der Architekt: Red Bull-Bora-hansgrohe Manager Ralph Denk.© DPA | Clara Margais

Aus Sicht von Ralph Denk ist der Weg nun klar abgesteckt. Der Teamchef hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihn Etappensiege allein nicht zufriedenstellen. Mit Evenepoel setzt er erstmals auf einen Fahrer, der nicht erklären muss, warum er gewinnen kann, sondern nur noch, wie. Gleichzeitig wahrt Denk mit Lipowitz und weiteren Talenten wie dem 21 Jahre alten italienischen Rundfahrer Giulio Pellizzari die Zukunftsfähigkeit des Projekts.

Die kommende Saison ist damit eine Bewährungsprobe: sportlich, strukturell und kulturell. Gelingt es, Evenepoel optimal einzubetten und Lipowitz als Co-Leader wachsen zu lassen, rückt das große Ziel näher als je zuvor. Red-Bull-Bora-Hansgrohe ist weiterhin ein Herausforderer – aber das Team ist angekommen im Kreis derer, die die Tour de France ernsthaft gewinnen wollen. Wenngleich Tadej Pogacar nach den vergangenen Jahren immer der absolute Topfavorit bleibt.