Jonathan Burkardt (25) und Nathaniel Brown (22) lassen sich nach XXL-Trainingseinheit in Wolfsburg, einer Dusche und verdientem Mittagessen lässig in die Sessel fallen. Im edlen DFB-Quartier in Wolfsburg geben die beiden Nationalspieler von Eintracht Frankfurt vor dem WM-Qualifikationsspiel am Freitag in Luxemburg (20.45 Uhr/RTL) ein seltenes Doppel-Interview.
Herr Burkardt, Sie gehören mit einem Topspeed von 34,75 Stundenkilometern zu den schnellen Bundesligaprofis. Aber der junge Mann hier neben Ihnen ist noch einen Stundenkilometer schneller.
Burkardt: So schnell war ich? Da wurde ich wohl noch ein bisschen geschubst (lacht). Wie schnell ist Nene genau?
35,78 Spitzengeschwindigkeit!
Brown: Stimmt. Das war neulich in Heidenheim. Ich habe direkt nachgeschaut (grinst).
Burkardt: Man kommt an Nene nur ganz schwierig vorbei. Ich bin sehr froh, dass ich ihn in meinem Team habe. Die gegnerischen Außenstürmer tun sich sehr schwer gegen ihn, weil er im eins gegen eins ein brutal guter Verteidiger ist.
Dabei ist er ja gar kein so großer Brocken.
Burkardt: Ja, aber sowohl seine Geschwindigkeit als auch seine Zweikampftechnik und die Technik am Ball sind ein sehr seltenes Paket.
DFB-Elf: Jonathan Burkardt und Nathaniel Brown kennen sich von Eintracht Frankfurt
Wie schafft es Jonathan Burkardt, aus halben Chancen ganze Tore zu machen?
Brown: Eine sehr gute Frage, die ich mir auch schon gestellt habe. Wir haben bei der Eintracht ja zuletzt nicht ganz so viele Chancen kreiert und Jonny hat trotzdem seine Tore gemacht. Er macht das überragend, kürzlich gegen St. Pauli zum Beispiel.
Als er eine weite Flanke mit der Brust annimmt, sich den Pauli-Verteidiger Wahl vom Hals hält und eiskalt vollendet?
Brown: Ja, aus solchen Situationen machen wenige ein Tor.

Sie spielen beide bei Eintracht Frankfurt und in der Nationalmannschaft. Lernt man sich so noch besser kennen?
Burkardt: Das verbindet natürlich, wir nehmen die gemeinsame Erfahrung aus dem Verein mit in die Nationalmannschaft und andersherum.
Sind Sie gemeinsam zum DFB-Team angereist, nachdem Sie Sonntagabend noch gespielt haben und haben sich auf der Fahrt unterhalten?
Brown: Wir sind zusammen Zug gefahren. Aber wir hatten leider keine Plätze nebeneinander. Wir hatten es nicht selbst gebucht (lacht).
Burkardt: Aber beim letzten Mal war es anders. Da haben wir auf der Fahrt nach Herzogenaurach die ganze Zeit geredet. Kochi (Robin Koch, d. Red.) war auch dabei. Ich hoffe, dass er das nächste Mal auch wieder mitkommen darf.
DFB-Elf: Was Jonathan Burkardt und Nathaniel Brown übereinander denken.
Was ist Jonny Burkardt für ein Typ?
Brown: Sehr bodenständig, sehr nett, versteht sich mit jedem. Sich mit ihm nicht zu verstehen, muss eine Kunst sein.
Was mögen Sie an Nene Brown, Herr Burkardt?
Burkardt: Er ist echt gechillt, locker und freundlich. Und in den richtigen Momenten dann auch fokussiert auf dem Platz.

Wo kann er noch nachlegen? Ein bisschen breiter werden vielleicht?
Burkardt: Ja, da haben Sie einen Punkt. Nene, du könntest noch einen Tick stabiler in Luftzweikämpfen werden, finde ich.
Sie, Herr Brown, haben früher in einem Fitnessstudio gearbeitet. Sind zu viele Muskeln überhaupt gut auf Ihrer Position?
Brown: Ich glaube schon, dass ich noch ein, zwei stärkere Muskeln mehr gebrauchen könnte. Gerade für Duelle in der Luft. Da hat Jonny schon recht. Aber nicht übertreiben: Man muss auch schön geschmeidig bleiben.
DFB-Elf: Jonathan Burkardt und Nathaniel Brown über die Ziele gegen Luxemburg und die Slowakei
Sie haben US-amerikanische Wurzeln und könnten auch für die USA spielen, dem Mitausrichter der WM 2026. Die Regeln sind inzwischen hochkompliziert. Gäbe es für Sie theoretisch überhaupt noch ein Zurück, nachdem Sie vor einem Monat für Deutschland in der WM-Qualifikation debütiert haben?
Brown: Ich bin schon über 21. Damit ist klar, dass ich für Deutschland spiele. Für mich stellt sich die Frage ohnehin nicht. Die US-Mannschaft ist kein Thema für mich.
Sind Sie schon öfter im Heimatland Ihres Vaters gewesen?
Brown: Ich war einmal als kleines Kind da und zweimal mit der Eintracht. Aber ich bin in Deutschland aufgewachsen. Deswegen ist klar, für welches Land mein Herz schlägt.
Was erwarten Sie vom DFB-Team für die beiden WM-Qualifikationsspiele gegen Luxemburg und die Slowakei?
Burkardt: Zwei Siege, ganz klar: Die Qualifikation für die Weltmeisterschaft, das bedeutendste Turnier, das es gibt.
Brown: Wir wissen, dass das zwei ganz wichtige Spiele sind.
DFB-Team: Jonathan Burkardt und Nathaniel Brown loben die Stimmung
David Raum hat diese Woche berichtet, dass im aktuellen Kader ein besonders guter Zusammenhalt herrscht. Können Sie das dementieren?
Burkardt: Nee, das kann ich nicht dementieren.
Raum hat also nicht übertrieben?
Burkardt: Er übertreibt nicht. Wir haben hier ja eine gewisse Fluktuation in der Nationalmannschaft, das liegt in der Natur der Sache. Bei jedem Lehrgang gibt es ein paar Neuankömmlinge. In der Spitze der Struktur sind Leute wie David Raum, Joshua Kimmich, Leon Goretzka, die die Jungs dann an die Hand nehmen. Es ist wirklich eine sehr angenehme Atmosphäre momentan.
Brown: Viele kennen sich ja auch schon aus der U21. Wir verstehen uns alle gut.

Ist bei der Nationalmannschaft alles noch perfekter organisiert als im Verein?
Burkardt: Ich würde sagen, es ist genauso perfekt wie bei der Eintracht. Beides top! Hier schauen halt noch viel mehr Leute auf einen. Daran muss man sich erst gewöhnen.
DFB-Elf: Jonathan Burkardt über die Kommunikation von Julian Nagelsmann
Schlafen Sie im Verein eigentlich bei Auswärtsreisen auch in Einzelzimmern wie beim DFB oder mit einem Mitspieler gemeinsam?
Brown: Bei der Eintracht haben wir auch Einzelzimmer. Aber vorher, in der zweiten Liga, beim 1. FC Nürnberg hatten wir Doppelzimmer. Da war ich meistens mit Can Uzun zusammen.
Julian Nagelsmann pflegt eine sehr direkte Kommunikation. Er kritisiert Spieler auch mal öffentlich, nachdem er ihnen zuvor im persönlichen Gespräch gesagt hat, was er erwartet. Auch Sie, Herr Burkardt, hat es im September schon mal getroffen. Waren Sie deshalb schon mal beleidigt?
Ich kriege gar nicht mit, was in den Medien steht. Und ehrlich gesagt: Direkt beleidigt zu sein, wäre nicht besonders clever. Außerdem hatte er ja auch mit mir gesprochen und mir mitgeteilt, dass ich zu dem Zeitpunkt bei der Eintracht noch ein bisschen brauchte, um richtig anzukommen. Das hat sich total mit meinem Gefühl gedeckt. Deswegen passte das für mich. Ich mag es ohnehin, wenn mir jemand offen und ehrlich sagt, was Sache ist.

Sie standen in der Schlussphase gemeinsam gegen Luxemburg auf dem Feld. Wir wissen, sich selbst einzuschätzen, ist tückisch, aber wie ist Ihre Perspektive in der Nationalmannschaft?
Brown: Ich will einfach Gas geben, zeigen, was ich kann und mich nicht verstecken. Aber klar: Ich weiß, dass ich ein paar Konkurrenten habe.
Burkardt: Bei mir ist es ähnlich. Ich möchte ein paar Minuten sammeln und mich präsentieren. Erstmal aber bin ich in der Herausforderer-Rolle und versuche, im Training mitanzuschieben.
DFB-Elf: So bringt der Lehrgang Jonathan Burkardt und Nathaniel Brown weiter
Sind es Kleinigkeiten, die entscheiden, wer spielt und wer nicht?
Burkardt: Am Ende muss das der Trainer entscheiden. Wir wollen zeigen, dass wir bereit sind.
Kann man denn in der Kürze der Zeit etwas mitnehmen, sich weiter verbessern?
Brown: Auf jeden Fall, weil das Niveau hier so hoch ist. Wenn ich neben Jonathan Tah oder Nico Schlotterbeck verteidige, dann kann ich viel lernen. Zum Beispiel im Luftzweikampf und in der Defensivarbeit.
Und Sie, Herr Burkardt?
Burkardt: Jeder Lehrgang bringt einen weiter. Ich kann hier eine Menge mitnehmen, denn etwa bei der Positionierung sind andere Aspekte gefordert als im Verein. Der Stürmer kommt beispielsweise häufiger mal im Halbraum entgegen. Dort kann ich mich verbessern, indem ich das Spiel mit nach vorne trage, statt nur derjenige zu sein, der vorne abschließt. Zuletzt haben wir das in der Videoanalyse intensiv besprochen. Ich bin wirklich dankbar für jeden Input.
Was auch daran liegt, dass sich das Stürmerspiel in den vergangenen Jahren so verändert hat?
Burkardt: Ja, das stimmt. Als Stürmer bist du inzwischen der erste Verteidiger und gibst beim Anlaufen den Takt vor. Da muss die Intensität stimmen. Wenn man sich die Top-Stürmer der Welt anschaut: Die kommen viel entgegen, verlagern das Spiel, damit sie vorne wieder in Szene gesetzt werden können.
DFB-Elf: Was sich Jonathan Burkardt von Harry Kane abschauen will
Also jemand wie Harry Kane, der inzwischen ja fast ein verkappter Spielmacher ist?
Burkardt: Von ihm kann man sich viel abschauen. Er steht dafür wie kaum ein anderer, weil er Wege mit nach hinten macht und der Mannschaft so in der Defensive ein gutes Gefühl gibt. Und durch das tiefe Fallenlassen, schafft er eine Menge Räume.
Der Bundestrainer will in diesem Lehrgang direktes Spiel nach vorne und schnelle Abschlüsse sehen. Was bedeutet das für Sie?
Burkardt: Öfter direkt spielen, schneller zum Tor zu kommen – aber ich denke, das ist eher eine Sache, die den gesamten Verbund betrifft. Wir müssen als Mannschaft wissen, worauf es im letzten Spieldrittel ankommt und dort mehr kreieren.

One-Touch-Fußball - lässt sich der denn überhaupt innerhalb von ein paar Trainingstagen einstudieren?
Brown: Uns bleibt nichts anderes übrig, denn anders als im Verein haben wir nicht so viele Einheiten zusammen. Wir als Spieler sind da gefordert, in kurzer Zeit mehr aufzunehmen und umzusetzen.
Am Nachbartisch hier sitzt Carsten Ramelow, der sich gerade Nick Woltemade vorgestellt hat. Der kannte ihn gar nicht, Ramelow war Vize-Weltmeister 2002, weit vor Ihrer Zeit. Vorhin haben wir Rudi Völler im Hotel getroffen. Musste er Ihnen nach Ihrer ersten Nominierung auch erklären, wer er ist?
Brown: Er war mir natürlich ein Begriff. Ich habe ihn als sehr nette, entspannte Person kennengelernt. Mit ihm kann man sich sehr gut unterhalten.
DFB-Elf: Rudi Völler als Mentor für die Nationalspieler
Aus seiner Karriere als Stürmer kann er aber wahrscheinlich eher Ihnen, Herr Burkardt, Tipps geben.
Burkardt: Da muss ich Ihnen widersprechen. Ich bin mir ganz sicher, dass er auch Nene wichtige Hinweise geben kann, weil er so viel Erfahrung auf höchstem Niveau gesammelt und viele Turniere gespielt hat. Ich kann nur jedem ans Herz legen, genau hinzuhören und alles aufzuschnappen, was er sagt. Man merkt, dass er eine tolle Persönlichkeit ist und viel ausstrahlt.
Rudi Völler ist einer der großen Mittelstürmer des deutschen Fußballs. Nach ihm kamen Miroslav Klose und Mario Gomez. Viele Fans haben eine gewisse Sehnsucht nach dem nächsten echten Neuner. Können Sie das verstehen oder ist diese ganze Debatte nicht überhöht?
Burkardt: Gute Frage. Für mich zählt nur, dass der Stürmer der Mannschaft hilft, völlig egal, welche Körpergröße er hat. Das hängt dann sicherlich auch vom Spielstil ab. Nick ist zwar zwei Meter groß, aber nicht der klassische Neuner. Ich wohl eher, aber ich bin nur 1,80 Meter groß.
So wie Rudi Völler.
Burkardt: (lacht) Es wäre sehr schön, wenn ich auf das Niveau käme.
Positionswechsel, Herr Brown, Sie haben als Linksverteidiger die meisten Ballkontakte und im Gegensatz zu Jonathan Burkardt keine Abwehrkanten im Rücken und dazu noch das gesamte Spielfeld vor sich. Ihr Job ist der einfachere, oder?
Burkardt: Sein Job ist auf jeden Fall leichter!
(beide lachen)
Brown: Wir haben darüber tatsächlich gerade gesprochen. Offensiv ist es leichter, finde ich, weil man durch die vielen Ballkontakte besser fühlen kann, ob man im Spiel ist. Und defensiv? Ja, das ist wahrscheinlich schwieriger, wenn plötzlich Weltklasse-Angreifer auf einen zulaufen und man sie im Duell stellen muss.



