Julian Nagelsmann saß neben seinem neuen Co-Trainer Benjamin Hübner und schaute genervt auf die Videobilder auf seinem Laptop. Der Bundestrainer dürfte ziemlich irritiert gewesen sein von den Szenen, die er sich schon nach der ersten Halbzeit gegen die Slowakei noch einmal anschauen musste.
Auch interessant
Die deutsche Nationalmannschaft hatte am Donnerstagabend in Bratislava die schlechteste Halbzeit seiner bisherigen Amtszeit abgeliefert. Das Problem: Die zweite Halbzeit wurde nicht besser. Die DFB-Auswahl verlor zum Auftakt der WM-Qualifikation in der Slowakei völlig überraschend mit 0:2 (0:1) und warf mit dem Auftritt viele Fragen auf.
Dritte Niederlage in Folge für Nagelsmann
Es war ein krachender Fehlstart in das WM-Jahr, das für Nagelsmann eigentlich mit dem WM-Titel enden soll. In Bratislava zeigte die DFB-Auswahl vor 20.013 Zuschauern mit Nachdruck, dass sie im kommenden Sommer nur zu den Außenseitern des Turniers zählen wird – sofern sie sich überhaupt qualifiziert.

Donnerstag
Eiszeit – der Eisbären-Newsletter
Jeden Donnerstag alles Wichtige von den Eisbären Berlin – Highlights, News und spannende Einblicke.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Nagelsmann wirkte nach dem Spiel im Interview bei der ARD angefasst. „Es sollte bei jedem ankommen, dass wir so nicht zur WM fahren“, sagte Nagelsmann. Viel zu anfällig präsentierte sich die Mannschaft, obwohl ihr Trainer gehofft hatte, mit seinen Veränderungen das Team wieder zu stabilisieren. „Ich habe keine Mannschaft gesehen“, sagte ARD-Experte Bastian Schweinsteiger über den deutschen Auftritt.
Nagelsmann hatte nach zwei Niederlagen in der Nations League einige Umstellungen vorgenommen. Er ließ Leon Goretzka und Angelo Stiller zusammen mit Kapitän Joshua Kimmich in der Zentrale spielen, um variabler zu sein.
Die Variabilität war im Spielaufbau früh zu erkennen. Kimmich und Stiller kippten im Dreieraufbau immer wieder zurück, während die Außenverteidiger Maximilian Mittelstädt und Debütant Nnamdi Collins entweder ins Zentrum zogen oder das Spiel extrem breit machten. Nach vorne ging aber nicht viel. Stattdessen gab es viele Ballverluste.
Ziel der DFB-Auswahl völlig verfehlt
Das große Ziel des Bundestrainers war es zum Start der WM-Qualifikation, weniger Torchancen zuzulassen als zuletzt in der Nations League gegen Frankreich (0:2) und Portugal (1:2). Doch schon nach zwei Minuten tauchten gleich zwei Slowaken frei vor dem deutschen Tor auf, verpassten aber jeweils die scharfe Hereingabe von Ondrej Duda.
Nach 21 Minuten scheiterte Leo Sauer frei vor Oliver Baumann, drei Minuten später gleich noch mal. Dazwischen traf Duda per Ecke den Pfosten (22.). Mittelstädt und Rüdiger hatten die ersten Halbchancen für Deutschland (24.), doch richtig gefährlich wurde es nur auf der anderen Seite, als Rüdiger sich völlig verschätzte und Sauer erneut freie Bahn hatte. Jonathan Tah rettete (27.). Die Führung für die Slowakei wäre zu diesem Zeitpunkt bereits hochverdient gewesen.

Diese fiel dann kurz vor der Halbzeit. Zum wiederholten Male ließ sich die DFB-Elf von den Slowaken auskontern. Der lustlos wirkende Florian Wirtz verlor den Ball, dann sahen Tah und Rüdiger gegen Vorbereiter David Strelec und Torschütze David Hancko ganz alt aus (42.). „Das hat nichts mit Verteidigen zu tun“, schimpfte Schweinsteiger in der Halbzeit.
Deutschland enttäuschte vor allem durch seine fehlende Haltung zum Spiel, die Kapitän Kimmich noch gefordert hatte. „Wenn wir so auftreten wie heute, wird es nichts mit der Qualifikation“, sagte Kimmich nach dem Spiel und schimpfte: „Es ist eine Sache der Einstellung.“
Während die Slowaken wie aufgeputscht über den Platz liefen, versteckten sich die lethargischen Deutschen. Beispielhaft war auch die vergebene Kopfballchance von Woltemade, dem bei seinem Abschluss die Überzeugung fehlte (31.).
Zweifel an der Qualität Deutschlands wachsen
Nagelsmann hatte angekündigt, „dominant zu sein“ und „keine Zweifel“ aufkommen zu lassen. Nach diesem Abend sind die Zweifel allerdings extrem gewachsen, dass Deutschland in dieser Konstellation bei der WM 2026 weit kommen wird. „In der Realität sind wir noch nicht. Wir haben noch ein paar Stufen zu gehen“, sagte Weltmeister Schweinsteiger schon vor dem Spiel über das von Nagelsmann ausgerufene WM-Titel-Ziel.
Der Bundestrainer hätte in der Pause viele Möglichkeiten gehabt, zu wechseln. Doch lediglich David Raum kam für Collins. Raum war dann direkt beteiligt am 0:2, als er nach einem langen Ball das Kopfballduell verlor. Anschließend wurde der indisponierte Rüdiger von Strelec ausgetanzt, der sehenswert mit links in den Winkel traf (55.).
Deutschland ohne Reaktion
Die Reaktion der Deutschen? Es gab keine. Kurz nach dem Seitenwechsel hatte der lange Zeit unsichtbare Goretzka die große Ausgleichschance, scheiterte aber am slowakischen Torwart Martin Dubravka (48.).
Nagelsmann brachte den Mainzer Nadiem Amiri für den blassen Stiller und den Dortmunder Karim Adeyemi für den enttäuschenden Serge Gnabry. Doch es blieb am Ende beim verdienten 2:0 für die Slowakei. Nagelsmann wählte nach dem Spiel klare Worte: „Bei der Emotionalität war uns der Gegner meilenweit überlegen. Wenn wir das nicht hinkriegen, dann können wir das Buch zumachen.“
Für Nagelsmann war es die dritte Niederlage und das vierte sieglose Spiel in Folge. Das gab es in seiner Amtszeit noch nie. Am Sonntag (20.45 Uhr) geht es für Deutschland in Köln gegen Nordirland vor allem um eines: Wiedergutmachung.






