Sie hat Silber bei den Paralympics gewonnen, ist mehrfache Weltmeisterin und hat diverse EM-Titel gehamstert. Aber das Wasser? Das ist trotzdem nicht Elena Krawzows Element. Die Para-Schwimmerin ist gut in dem, was sie tut. Sehr gut sogar, so gut wie kaum eine andere. Eigentlich kaum zu glauben, wenn man Sätze wie diese hört: „Ich freu mich eigentlich über jeden Tag, an dem ich nicht ins Wasser muss.“

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Der 27-Jährigen wurde von ihrem Coach schon „ein Wassergefühl wie ein Traktor“ bescheinigt. „Mein Trainer sagt immer, du musst das Wasser spüren, du musst das Wasser greifen“, erzählt die Berlinerin in der neuen Folge „Helden der Hauptstadt“, dem Podcast des Olympiastützpunktes Berlin und der Berliner Morgenpost. „Ich hab keine Ahnung, wie man Wasser greift.“

Die Berlinerin hat noch eine Rest-Sehfähigkeit von zwei Prozent

Dafür weiß Krawzow, wie man auch ohne die große Leidenschaft für das nasse Element erfolgreich ist. Zu den Paralympics nach Tokio (24. August bis 5. September) fährt die sehbehinderte Athletin des PSC Berlin als Favoritin auf die Goldmedaille. 100 Meter Brust ist ihre Paradestrecke, und Paralympics-Gold „ist die einzige Medaille, die mir fehlt“, sagt sie.

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Allerdings steht noch nicht fest, in welcher Startklasse die gebürtige Kasachin auf den Startblock steigt. Eigentlich zählt sie mit ihrer Erb-Krankheit Morbus Stargardt und einer Rest-Sehfähigkeit von zwei Prozent zur Startklasse S13. Vor Kurzem aber wurde sie in einer „chaotischen Klassifizierung“ in Klasse S12 verlegt, zusammen mit Athleten, die deutlich mehr sehen können als sie selbst.

Die gesamte Folge mit Elena Krawzow hören Sie hier.

„Deshalb versuchen wir das wieder umzukehren“, erklärt Krawzow. Sie weiß aber noch nicht, wann eine neue Klassifizierung stattfindet. Dass die Verlegung jetzt, kurz vor den Paralympics kommt, ist ärgerlich. Und ein wenig merkwürdig, wenn man bedenkt, dass Krawzow erst im vergangenen Jahr ihren letzten Schub hatte und seitdem noch weniger sieht, als zu der Zeit, in der sie dauerhaft in Klasse S12 unterwegs war.

Para-Sport hat große Probleme mit Klassifizierungsbetrug

Die Klassifizierungen im Para-Sport sind aber sowieso ein Thema für sich. Die Berlinerin kann da so einige Geschichten erzählen. Von Athleten, die sich ihre amputierten Gliedmaßen noch kürzer schneiden lassen, um in andere Klassen zu rutschen, von angeblich blinden Schwimmern, die sich mit gekauften Attesten klassifizieren lassen und zu Hause munter Autofahren.

„Bei uns gibt es viele, die mogeln“, erzählt Krawzow, „das ist ein ganz großes Problem bei uns. Da tauchen dann plötzlich Leute auf, die man noch nie gesehen hat und die dann alles dominieren.“ Deswegen weiß sie auch gar nicht so genau, mit wem sie es in Tokio zu tun bekommt. Bei den Paralympics 2016 in Rio konnte sie ihre Konkurrenz auch erst im Becken sondieren.

2019 wurde Elena Krawzow zu Berlins Sportlerin des Jahres gewählt.
2019 wurde Elena Krawzow zu Berlins Sportlerin des Jahres gewählt.© picture alliance/dpa | Jörg Carstensen

Allerdings hatte sich die Silbermedaillen-Gewinnerin von London 2012 gar nicht so sehr mit ihren Gegnerinnen beschäftigt. Schließlich war sie selbst die große Favoritin, alle hatten Gold von ihr erwartet, inklusive sie selbst. „Dann war ich irgendwann so verbissen, hab es einfach nicht geschafft, meine Leistung ins Wasser zu bringen“, erzählt Krawzow. „Und als ich dann angekommen bin und gemerkt habe, dass ich gar nichts gewonnen hab, war das ein Schlag ins Gesicht.“

Die Pubertät war keine einfache Zeit für die Berlinerin

Es war der Moment, an dem die damals 22-Jährige lernen musste, wie es sich anfühlt zu verlieren. „Ich hab bis Rio 2016 keine Niederlage erlebt, vielleicht mal Silber oder Bronze geholt, aber nie keine Medaille“, sagt Berlins Sportlerin des Jahres 2019. Mittlerweile blickt sie gestärkt auf die Tage von Rio zurück, ist an dieser ersten, so bitteren Niederlage gewachsen.

An Selbstbewusstsein hat es ihr eh nie gemangelt. Als Tochter von Spätaussiedlern kam sie 2005 aus Kasachstan über Russland nach Deutschland. Musste nicht nur mit ihrer Sehbehinderung klarkommen, sondern auch ihren Platz in der so fremden Gesellschaft finden. „Ich habe mich gefühlt, als würde ich nicht dazugehören, als wäre ich nicht normal“, erzählt Krawzow. „Der Sport hat mir dann irgendwann die Kraft gegeben, stärker und selbstbewusster zu sein, hat mir geholfen, dass ich mich selbst akzeptiere.“

Ihr Familie meidet das Thema Playboy

So richtig gelungen ist ihr das aber erst mit Anfang 20. Und im vergangenen Jahr, als sie sich als erste Para-Athletin für den Playboy ablichten ließ. „Für mich war die Botschaft wichtig. Dass auch ein Mensch, der nicht ganz den Normen der Gesellschaft entspricht, so etwas schaffen kann“, erzählt Krawzow. Ihre Eltern wussten nichts davon und meiden das Thema auch bis heute lieber.

Verstehen kann die Sportlerin das nicht. „Ich hab mich gefühlt wie eine Königin, ich hab mich keinen Moment belästigt gefühlt“, erzählt sie. „Das sind keine obszönen Bilder, das sind schöne, sinnliche Fotos. Ich hatte da überhaupt kein Schamgefühl.“ Manche davon hat sie auf ihrem Instagram-Account gepostet. Dort, wo man viele andere Fotos von ihr findet. Denn scheu ist Elena Krawzow nur im Wasser.

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