Sie sind einer der erfolgreichsten Ballsportvereine in Europa: die Wasserfreunde Spandau 04. Mit ihren vielen Titeln haben insbesondere die Wasserballer national und international über viele Jahre für Furore gesorgt. Nach personellen Umbrüchen verpasste das Männerteam nun jedoch das Erreichen des Viertelfinals in der Champions League. Was das für die Mannschaft bedeutet, welche Ziele die Nationalmannschaft im Olympia-Jahr anstreben muss und wie wichtig die Erfolge der Wasserfreundinnen sind, darüber spricht Klub-Präsident und Ex-Bundestrainer Hagen Stamm (63) im Morgenpost-Interview.

Herr Stamm, wie groß ist die Enttäuschung nach dem Aus in der Königsklasse?

Hagen Stamm: Nun, es ist schon erwartungsgemäß ausgefallen, wir sind in einer sehr starken Gruppe in der Hauptrunde Dritter geworden. Mit einer neu zusammengesetzten Mannschaft, vielen Ausfällen durch Verletzungen oder Krankheit und einem neuen Trainer. Wir müssen schon in Bestbesetzung spielen, um Teams wie zuletzt Vouliagmeni international schlagen zu können. Aber wir haben in Athen Moral gezeigt, am Ende haben die Breite der Bank und die Kraft nicht mehr gereicht.

International sind die Wasserfreunde trotz des Ausscheidens in der Königsklasse weiter vertreten, nach der langen EM- und WM-Pause im Januar und Februar geht es ab März im Euro Cup weiter, für Spandau gleich mit dem Achtelfinale.

Hierfür haben wir jetzt das klare Ziel formuliert, das Final Four zu erreichen. Aber auch dort spielen viele gute Mannschaften, Europa ist gesät mit 30 Top-Teams, die alle auf einem ähnlich hohen Niveau sind.

Stichwort neuer Trainer, die Wasserfreunde haben Mitte November den bisherigen Trainer Athanasios Kechagias überraschend freigestellt, der Serbe Vladimir Markovic übernahm am Beckenrand. Wie kam es so früh in der Saison zu dem Personalwechsel?

Wir mussten in der Vereinsspitze reagieren. Peter Röhle und ich sind beide seit 50 Jahren im Verein, haben dort gespielt und dem Klub so viel zu verdanken. Somit haben wir da auch eine Generationsverpflichtung. Wir konnten und können nicht dabei zusehen, wie uns jemand die Zukunft des Vereins gefährdet. Daher die Freistellung. Mehr kann und darf ich dazu nicht sagen.

Mitten in der Saison einen neuen Trainer zu verpflichten, ist sicher eine große Herausforderung.

In der Tat sind ja fast alle Coaches in festen Arbeitsverhältnissen. Aber es gibt schon auch viele Trainer, die gern nach Spandau kommen würden, weil sie Berlin toll finden und die erfolgreiche Historie der Wasserfreunde kennen. Wir sind immer noch unter den Top Drei der europäisch erfolgreichsten Vereine mit vier Champions-League-Siegen. Von daher sind wir eine gute Adresse für Trainer. Vladimir Markovic ist der Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft, ist in Berlin stationiert, um mit dem hiesigen Nachwuchs zu arbeiten. Wir haben beim Verband gefragt, ob wir ihn bis zum Ende der Saison ausleihen können. Das war ein großes Glück. Auch weil er viele Akteure kennt und im Gegensatz zu seinem Vorgänger Kechagias selbst auch guter Wasserballspieler gewesen ist. Damit bringt er eine große Erfahrung als Spieler mit, das verschafft einem Respekt in der Mannschaft.

Vor der deutschen Nationalmannschaft stehen hohe Hürden. Bei der EM im Januar muss sie Achter oder Neunter werden, um sich für die WM im Februar zu qualifizieren. Bei der WM würde es dann heißen, einen der drei noch verbliebenen Olympia-Startplätze zu ergattern. Dafür könnte der achte Platz reichen.

Ich bin gespannt, was Bundestrainer Milos Sekulic machen und zu welchen Erfolgen er die Mannschaft führen wird. Er ist ja de facto mein Nachfolger. Es wird sehr schwer, aber man sollte jede Chance nutzen, so habe ich immer agiert, zur Not eben auch mal in einem K.o.-Spiel ein Wunder schaffen. Und es wäre tatsächlich eine herausragende Leistung, wenn sich die deutsche Mannschaft für die WM qualifizieren und darüber hinaus sogar noch das Olympia-Ticket buchen würde. Rein mathematisch ist es möglich.

Hat denn die Nationalmannschaft überhaupt die Qualität, sich für Olympia zu qualifizieren?

Sie können es schaffen, aber es ist angesichts der Leistungsdichte in Europa schwieriger, bei der EM unter die Top Acht zu kommen, als bei Olympischen Spielen Zehnter zu werden. Wasserball ist in Europa einfach sehr stark, es kann sehr gut sein, dass die ersten Achtplatzierten von Olympia 2024 in Paris alle aus Europa kommen. Aber fest steht auch: Für den großen Traum von Olympischen Spielen betreiben wir die Sportart ja auch.

Sie war fünfmal bei Olympia dabei. Dreimal als Spieler, zweimal als Trainer.

Deshalb weiß ich: Es ist das absolute Highlight eines jeden Wasserballers. Eben weil wir sonst nicht so im Rampenlicht stehen und dort die Möglichkeit haben, im großen Konzert der anderen Sportarten. Von daher muss Deutschland zur EM mit der stärksten Mannschaft hinfahren, um dann das Wunder zu schaffen. Aber man muss auch daran glauben und nicht vorher schon aufgeben.

Wie meinen Sie das?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir schon aufhören an etwas zu glauben, ohne es versucht zu haben. Weil man sich vorher schon sagt: Wir haben doch eh keine Chance mit der jungen Mannschaft. Das ist im Sport die völlig falsche Herangehensweise. Wichtig ist für EM und hoffentlich auch die WM, dass der jungen deutschen Nationalmannschaft Selbstvertrauen eingehaucht wird, damit sie an sich glaubt und alles versucht. Ich träume weiterhin vom Olympia-Ticket.

Ein Traum, nämlich der, im Frauen-Wasserball die Nummer eins in Deutschland zu sein, haben die Wasserfreunde geschafft. Sie haben vor vier Jahren das Projekt mit dem Wasserfreundinnen gestartet. Mit großem Erfolg.

Wir sind seitdem immer deutsche Meisterinnen geworden. Das erfüllt uns mit Stolz. Der Frauensport verdient wesentlich mehr Förderung, mehr Sponsoren und mehr Hilfe in der Stadt. Wir glauben an Frauen-Wasserball und sehen uns hier als Lokomotive in Deutschland. Das wollen wir auch in Zukunft weiter bleiben.