Im Hause Semechin gibt es Zuwachs. Vier Bären stehen schon auf der Dachterrasse, zwei goldene und zwei silberne. „Die gucken sich Berlin an, sind geschützt und müssen nicht frieren“, erzählt Elena Semechin. In den nächsten Tagen darf die Schwimmerin einen weiteren goldenen Bären dazustellen. Die 30-Jährige ist zu Berlins Sportlerin des Jahres gewählt worden.

„Ich bin sehr stolz und dankbar, dass Berlin mir das noch einmal gegönnt hat“, sagt Semechin, die sich vor Basketballerin Satou Sabally und Samantha Eckert (zweimal Silber bei den Special Olympics im Tennis) durchsetzte. „Das war für mich auch noch einmal eine Bestätigung, eine Belohnung nach den Strapazen der letzten Zeit. Auch wenn ich schon einige Bären hatte, ist es diesmal irgendwie besonders.“

WM-Titel nur sechs Monate nach Chemotherapie

Weil sie sich und der Welt gezeigt hat, dass sie trotz 13 Zyklen Chemotherapie und Bestrahlung noch eine Leistung bringen kann, mit der niemand mithalten kann. Im August schwamm die Berlinerin, die mit sieben Jahren an Morbus Stargardt erkrankte und seitdem mit einer stark eingeschränkten Sehfähigkeit lebt, bei der Para-Weltmeisterschaft in Manchester zu Gold über 100 Meter Brust.

„Das war eine totale Überraschung, das kam total unerwartet“, erinnert sich die Paralympics-Siegerin, die erst sechs Monate zuvor ihre letzte Chemo bekam. „Ich war nur ein bisschen langsamer als in Tokio, nicht weit weg von meiner Bestzeit.“ Und das obwohl sie zusammen mit ihren Mann und Trainer Phillip Semechin das Training anpassen musste.

Psychische Herausforderung im Training

Die harte Chemotherapie, die sich an die Diagnose Hirntumor und eine schwierige Operation Ende 2021 anschloss, machte Ausdauereinheiten so gut wie unmöglich. Auch ihre Regenerationsfähigkeiten haben gelitten. „Es fällt mir extrem schwer, die Belastung wegzustecken“, erzäht Semechin. „Manchmal ist es auch psychisch schwierig, das alles durchzuhalten. Was mich richtig nervt, ist der Vergleich. Ich weiß, was ich früher leisten konnte. Das macht mich manchmal mental richtig fertig.“

Doch ihre positive Art, ihr Optimismus, den sie über die langen harten Monate nie verloren hat, half ihr auch jetzt. Und soll sie bis zu den Paralympischen Spielen nach Paris im kommenden Sommer tragen. Deshalb musste Semechin auch schweren Herzens auf die große Gala am Sonnabend im Estrel verzichten. Sie ist in Rotterdam, beim ersten Langbahnwettkampf der Saison, wo sie am Sonntag über ihre Paradestrecke die Chance auf die Norm für Paris hat.

Semechin will in Paris noch schneller schwimmen als vor dem Krebs

„Meine Challenge ist, die Goldmedaille zu verteidigen“, sagt Semechin selbstbewusst. „Ich möchte aber als ganz persönliche Herausforderung auch sehen, ob ich meine Leistungen von vor dem Krebs toppen kann.“

Sportlich hat die gebürtige Kasachin also noch Ambitionen, ans Aufhören denkt sie nicht. Trotzdem hat Elena Semechin schon vorgesorgt. Die Leistungssportlerin hat ihre eigene Sport- und Marktingagentur gegründet, vermarktet sich ab dem 1. Januar 2024 selbst.

„Ich weiß nicht, wie lange ich noch schwimmen kann“, sagt Semechin. „Und solange ich noch interessant bin, noch Leistungen bringe, möchte ich die Zeit nutzen, um ein Business aufzubauen, das ich auch nach der Karriere machen kann.“ Aber erst soll vielleicht noch der eine oder andere Bär auf die Dachterrasse ziehen.