Nach dem hart erkämpften 2:0 im Halbfinale gegen Marokko will Frankreich dann wie schon 2018 im Achtelfinale alle Titel-Hoffnungen von Messi beenden und ein historisches Kunststück bejubeln: Les Bleus könnten als erstes Team seit Brasilien 1962 erfolgreich ihren WM-Titel verteidigen. Argentinien hofft hingegen auf seinen dritten WM-Titel. Am Sonntag wird das große Finale um 16 Uhr angepfiffen. Wir analysieren das Duell.

Manuel Baum, ehemaliger Bundestrainer beim FC Augsburg und Schalke 04, erklärt in seiner WM-Spielanalyse "Tiefenlauf", worauf es für beide Teams ankommen wird und wagt eine Prognose. Der 43-jährige Baum ist während der WM 2022 für Magenta TV als Analyst und Kommentator aktiv. Magenta TV zeigt alle WM-Spiele live, 16 davon exklusiv.

Manuel Baum ist bei der WM 2022 in Katar als Experte für Magenta TV im Einsatz.
Manuel Baum ist bei der WM 2022 in Katar als Experte für Magenta TV im Einsatz.© AFP

Argentinien in der Analyse von Manuel Baum

Argentinien war beim 3:0 gegen Kroatien die taktisch bessere Mannschaft. Im 4-4-2 gegen den Ball haben sie im Mittelfeldpressing das Spiel der Kroaten durchs Zentrum weitestgehend unterbinden können. Wenn Kroatien meist über links durchkam, verteidigten die Argentinier sehr konsequent die Box. Die durchschnittliche Schussdistanz von Kroatien betrug sehr weite 24,1 Meter und Argentinien ließ nur zwei Schüsse auf das eigene Tor zu. Ballgewinne versuchte Argentinien im Pressing auf den ungefährlicheren Flügeln zu erzwingen, wobei sie bei Ballgewinnen ihren Schwerpunkt auf die Ballsicherung legten und nicht in risikoreiche schnelle Konter gingen.

Lionel Messi feiert den Einzug in das WM-Finale. Dort geht es für Argentinien gegen Frankreich.
Lionel Messi feiert den Einzug in das WM-Finale. Dort geht es für Argentinien gegen Frankreich.© Getty

In Ballbesitz im 4-3-3 bauten sie die meisten Angriffe durch das Zentrum über Paredes, Fernández und De Paul auf, die sich häufig in die Linie zwischen Innenverteidiger und Außenverteidiger fallen ließen und dabei die Außenverteidiger sehr hochgeschoben haben. Profitiert haben die Argentinier von einem Stellungsfehler der Kroaten, aus dem das 1:0 durch Elfmeter von Messi resultierte. Die Vorentscheidung fiel durch einen Umschaltmoment nach Ecke Kroatiens, den Alvarez nach einem schnellen Konter kurz vor der Pause zum 2:0 abschloss. Ab der 61. Minute stellte Coach Solari auf 5-3-2 um und erzeugte noch mehr Kompaktheit im Zentrum. Auffällig ist die Effizienz der Argentinier in der Nutzung ihrer Chancen besonders im Strafraum (83%), was auch beim 3:0 durch Alvarez deutlich wurde. Zusammenfassend: guter Torwart, absolute defensive Kompaktheit im Zentrum, kaum Umschaltspiel, Ballsicherung im Vordergrund, Messi in Topform.

Frankreich in der Analyse von Manuel Baum

Die Franzosen setzten sich in einem packenden Duell gegen Marokko durch. Dabei half ein frühes Tor in der 5. Minute durch den aufgerückten Hernandez, der eine Abwehrschwäche Marokkos ausnutzen konnte. Trainer Deschamps spielte im gewohnten 4-2-3-1, bot aber mit Fofana einen weiteren eher defensiveren Mittelfeldspieler vor der Abwehr auf. Die Franzosen agierten noch passiver als in den vorigen Spielen und kamen auf eine reine Ballbesitzzeit von 22 Minuten im gesamten Spiel und auch nur in kurze Ballbesitzphasen, in denen sie Umschaltmomente auszuspielen versuchten. Im Spiel gegen den Ball im tiefen Mittelfeld-/Abwehrpressing attackierte Giroud in Manndeckung das Aufbauspiel von Amrabat und Griezmann schloss das Zentrum nach hinten. Die defensiven Mittelfeldspieler Fofana und Tchouameni erzeugten eine hohe Kompaktheit und eroberten überdurchschnittlich viele zentrale Bälle (11 bzw. 12).

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Ausgenommen von der defensiven Arbeit war Mbappe´, der an der Mittellinie auf Umschaltmomente nach Balleroberungen wartete, aber von Hakimi weitestgehend neutralisiert wurde. Nach den Hereinnahmen von Thuram (für Giroud) und Kolo Muani (für Dembelé) spielte Mbappé zentraler und sorgte sofort für mehr Torgefahr, wie beim 3:0, wo er die halbe Abwehr umkurvte und Kolo Muani zum Endstand traf. Zusammenfassend: beherrschen alle Spielphasen, nervenstark, erfahren, jederzeit gefährlich durch verschiedene Torschützen

Argentinien gegen Frankreich: So könnte das WM-Finale laufen

Argentinien besitzt eine hohe taktische Anpassungsfähigkeit und die Spieler sind in der Lage, ihre individuellen Qualitäten in jeder Grundordnung abzurufen. Trainer Scaloni steht vor der Frage, ob er mit 4er oder 5er-Kette gegen die schnellen französischen Spieler verteidigen wird. Links hinten könnte Acuña wieder ins Team rücken und für offensiven Druck auf der Seite sorgen. Grundsätzlich wird Argentinien bei Ballverlusten eine gute Restverteidigung benötigen, um das Zentrum schnell zu schließen. Auffällig ist die aggressive Zweikampfführung aller Spieler gegen den Ball. Besonders im Zentrum schaffen sie es, das gegnerische Spiel damit konsequent zu bekämpfen. Offensiv ruhen wie immer die Hoffnungen auf einem Geniestreich von Messi, der sich im Halbraum vor der französischen Kette bewegen wird.

Frankreich hat das Selbstbewusstsein, über längere Zeiträume tief zu verteidigen und dann die offenen Räume des Gegners zu nutzen. Sie zeigen in der Verteidigung eine gute und kompakte Struktur und schaffen es, die Box in zwei Ebene häufig mit 3+3 Spielern zu verteidigen. Dies führt dazu, dass sie sehr stark im Blocken von Schüssen des Gegners sind, was besonders gegen Messi zu tragen kommen wird. Coach Deschamps hat im Mittelfeld die defensive Option mit Fofana, wenn er Messi stärker neutralisieren will oder mit dem Box-to-Box-Spieler Rabiot, der stark im Umschaltspiel und bei Kopfbällen ist.

Spielszenario 1: Die Mannschaft, die in Führung geht, bekommt einen großen taktischen Vorteil, weil sie danach die Strategie und den Ballbesitz bestimmen kann. Beide Mannschaften ziehen sich gerne bei Führung zurück und suchen nach Fehlern des Gegners das Umschaltspiel, um sich Räume für Konter hinter dem höherstehenden Gegner zu schaffen. Dadurch das beide Mannschaften sehr gut verteidigen, muss die in Rückstand geratene Mannschaft ein deutlich höheres Risiko eingehen, um zum Torerfolg zu kommen. Einen weiteren Vorteil hat die Mannschaft, die in chaotischen Situationen in der Box, stabiler agiert und die Kontrolle behält. Bei ausgeglichenem Spielstand ist auch ein Torerfolg nach einer Standardsituation möglich, was bisher in wenigen Spielen entscheidend war.

Spielszenario 2: Der Bereich hinter Mbappé kann unter Umständen spielentscheidend werden. Weil er keine Defensivarbeit leistet und an der Mittellinie auf Kontermöglichkeiten wartet, ist ein tiefer Raum hinter ihm offen. Messi bewegt sich zwischen den Ketten und startet seine Angriffe oft aus dem Raum auf der rechten Halbspur, der durch Mbappé nicht abgedeckt wird. Falls noch di Maria auf der Seite eingesetzt werden sollte, hätte Argentinien hier einen vielleicht spielentscheidenden Vorteil, um zum Torerfolg zu kommen.

Argentinien gegen Frankreich: So tippt Manuel Baum das WM-Finale

Sehr enges Spiel zweier Topteams. Ein Geniestreich kann das Spiel entscheiden. Leichter Vorteil Frankreich.