Am Sonntag sollte Ruhe einkehren im Umfeld der argentinischen Nationalmannschaft, die Öffentlichkeit durfte bei der Trainingseinheit am Abend nicht zuschauen, dafür besuchten die Familien das Mannschaftsquartier auf dem Universitätsgelände von Doha. Besinnlichkeit am dritten Advent nach einem Viertelfinalspiel, in dem Drama, Rüpeleien und Geschubse steckten.

Einige werfen dem Südamerikameister, der schon häufig in der Vergangenheit eine gewisse Lust am Streit verspürt hatte, aktuell vor, sich wie ein schlechter Gewinner verhalten zu haben. Die Spieler scheint dies nicht zu kratzen, sie wirken vielmehr zusammengeschweißt vor dem Halbfinale der Weltmeisterschaft am Dienstag (20 Uhr/ARD und MagentaTV) gegen Kroatien. Selbst Lionel Messi zeigte eine neue Seite von sich.

Messi beleidigt Weghorst im Interview

Argentinien hatte die Niederlande mit 4:3 im Elfmeterschießen besiegt - und anschließend rumgepoltert. Torhüter Emiliano Martinez, durch zwei gehaltene Elfmeter zumindest am Freitagabend die neue „Hand Gottes“, motzte in Richtung der gegnerischen Auswechselbank. Lionel Messi blaffte in einem Fernseh-Interview den vorbeilaufenden Niederländer Wout Weghorst an: „Was guckst du so, Dummkopf?“

Wie bitte? Der eigentlich meist in sich gekehrte Superstar schimpfte plötzlich in der Öffentlichkeit, bereits während des Spiels hatte er sich nach seinem verwandelten Elfmeter vor dem niederländischen Trainer Louis van Gaal aufgebaut und diesem seine Abneigung gezeigt. In Argentinien wundern sie sich über ihren plötzlich aneckenden Kapitän und fühlen sich noch mehr an Diego Maradona erinnert, der mit den Füßen und dem Mund austeilen konnte.

„Die Nummer 19 von ihnen, die reinkam und gleich begann zu provozieren“, die habe er gemeint, erklärte Messi. Der Name Weghorst schien ihm nicht mehr einzufallen. Der niederländische Angreifer hingegen verteidigte sich, er habe Messi (den Namen kennt jeder) die Hand geben wollen. „Aber er zog seine Hand zurück und wollte nicht mit mir sprechen. Mein Spanisch ist nicht so gut, aber er sagte mir respektlose Wörter.“

Zwist zwischen Argentinien und Niederlande im Elfmeterschießen

Und dann gibt es noch dieses Foto, aufgenommen vom Fotografen Paul Childs. Es zeigt den Moment nach dem entscheidenden Elfmeter von Lautaro Martinez. Die Spieler in den orangenen Trikots sinken zu Boden, einige der argentinischen Fußballer rennen bewusst an ihnen vorbei, um sie zu verhöhnen. Eine hässliche Unsportlichkeit, beklagten viele. Diese hatte allerdings eine Vorgeschichte. Später tauchten Videos auf, die belegen, wie mehrere Niederländer Lautaro Martinez auf dem Weg zum Elfmeterpunkt begleitet und auf ihn eingeredet hatten. "Ich habe in ihr Gesicht gejubelt, weil es einen niederländischen Spieler gab, der bei jedem unserer Elfmeter angekommen ist und zu einem unserer Spieler etwas gesagt hat", meinte Nicolas Otamendi, der auf Childs Bild ganz vorne zu sehen ist.

Argentiniens Nationalmannschaft verhöhnte die Niederländer nach ihrem Sieg. Zuvor hatte es deutliche Provokationen von Oranje gegeben.
Argentiniens Nationalmannschaft verhöhnte die Niederländer nach ihrem Sieg. Zuvor hatte es deutliche Provokationen von Oranje gegeben.© firo

Im Spiel verteilte der konfus auftretende spanische Schiedsrichter Antonio Mateu Lahoz 17 Gelbe Karten, Denzel Dumfries sah Gelb-Rot. Beide Mannschaften rauften sich in vielen Phasen, nur Lionel Messi gab dem Spiel etwas Wundervolles. Bis Trainer Louis van Gaal seinen Stürmer Wout Weghorst einwechselte. Der 30-Jährige köpfte den Anschluss in der 83. Minute und nutzte ein geniales Täuschungsmanöver beim Freistoß in der elften Minute der Nachspielzeit für den Ausgleich, ein toller Trick, der in vielen Jahresrückblicken gezeigt werden dürfte. Teun Koopmeiners passte, anstatt zu schießen, auf den lauernden Weghorst. Dieser drehte sich und drückte den Ball über die Linie. So hatte der ehemalige Bundesliga-Angreifer schon mal für den VfL Wolfsburg getroffen.

Messi hat sich wieder ins Herz der argentinischen Fans gespielt

Anschließend aber zogen sich die Niederlande in der Verlängerung wieder zurück, sie setzten aufs Elfmeterschießen. Louis van Gaal hatte im Vorfeld angekündigt, dass sie vom Punkt gewinnen würden. Genau dies hatte Lionel Messi so erzürnt. „Van Gaal verkauft es so, dass sie gut Fußball spielen, und dann schlagen sie nur die Bälle“, polterte der sechsmalige Weltfußballer.

In seiner Heimat werden nun T-Shirts und Tassen mit den Worten „Was guckst du so, Dummkopf“ bedruckt. Die Argentinier haben lange mit ihrem in der Nationalelf schwächelnden Top-Star gefremdelt, jetzt hat er sich in ihr Herz gespielt und gemotzt. Wie der im November 2020 verstorbene Diego Maradona. „Wir haben es von Anfang an gesagt. Diego sieht uns von oben zu. Er pusht uns, und wir hoffen, dass es bis zum Ende so bleibt“, sagte Messi.