Es dürfte nicht viele gegeben haben, die diesen Olivier Giroud vor der Weltmeisterschaft noch im Gedächtnis hatten. Giroud, das klingt mehr nach Vergangenheit, nach den 2010er-Jahren, nach Unbeweglichkeit, beim AC Mailand in Italien trifft der 36-Jährige eigentlich nur noch etwas abseits der großen Schlagzeilen. Jetzt aber ist dieser Giroud der Kopf der Republik.
Mit seiner Stirn und der Schulter von Harry Maguire entschied er ein bemerkenswertes Viertelfinale gegen bemerkenswerte Engländer. Der Weltmeister gewann durch Tore von Aurélien Tchouaméni (17.) und Giroud (78.) mit 2:1 (1:0) und steht am Mittwoch (20 Uhr) im Halbfinale gegen Marokko. Harry Kane hatte zwischenzeitlich durch einen Strafstoß ausgeglichen, beim zweiten versagten die Nerven des englischen Stürmers, sein Schuss kurz vor Schluss flog gen Himmel. England und Elfmeter? Nun ja.
Frankreich bricht den Fluch der letzten Titelträger
Als die Ordner vielleicht immer noch den Ball von Harry Kane im Stadion suchten, betrat Olivier Giroud den Medienraum im Al-Bayt-Stadion. Die Nacht zum Sonntag war längst angebrochen, der Stürmer trug sein blaues Trikot mit der Nummer 9, zum Duschen hatte er noch keine Zeit. Er sei nur kurz in der Kabine gewesen, berichtete er. Es sei gelacht worden, gesungen. Lilian Thuram und Claude Makélélé, zwei ehemalige Nationalspieler, hätten vorbeigeschaut „Es ist ein unglaubliches Gefühl. Das erinnert mich an die Mentalität und die Hingabe von 2018. Diese Gruppe verdient es, wieder so weit zu kommen.“
2018 wurde Frankreich in Russland Weltmeister, diesmal bricht die Equipe Tricolore den Fluch der vergangenen Titelträger, die oft schon in der Vorrunde versagten. Man muss sehr weit in der Geschichte zurück klettern, um Nationen zu finden, die zweimal nacheinander den WM-Pokal in den Händen hielten. Brasilien gelang dies 1958 und 1962, Italien hatte es zuvor 1934 und 1938 geschafft.
So weit sei es noch nicht, merkte Trainer Didier Deschamps an. „Wir sind jetzt erst mal im Halbfinale. Aber wir sind näher dran, wir können dran glauben.“
Giroud hat bereits vier Treffer erzielt
Der Fußball der Franzosen erinnert an die Leistungen von 2018, damals war Deschamps Auswahl in vielen Phasen des Spiels eher zurückhaltend, die Balance stand im Vordergrund. Vorne konnte sich der Trainer nun mal darauf verlassen, dass den vielen Ausnahmekönnern irgendwann etwas gelingen würde. Auch am Samstagabend hatte der Weltmeister große Probleme mit den mutigen Engländern, die mehr Chancen hatten, häufiger am Ball waren. „Aber wir sind gefährlich geblieben“, meinte Deschamps. In der 78. Minute ließ der wieder erstarkte Antoine Griezmann eine Flanke in den Sechzehnmeterraum zischen, Olivier Giroud wuchtete mit seinem Kopf den Ball ins Netz und zerriss anschließend im Endorphinrausch fast sein Trikot. Zeugwarte fürchten zu starke Glücksgefühle.
Schon vier Tore hat Giroud in Katar erzielt, sich dadurch sogar vor Thierry Henry als französischer Rekordschütze geschoben. Und das in einer Karriere, die spät richtig begann, in der er kritisiert wurde, in der er verspottet wurde. Ein französischer Mario Gomez. Bei der WM 2018 schoss Giroud nicht einmal aufs gegnerische Tor, jetzt fliegen die Bälle zu ihm. Überhaupt hat das Turnier bewiesen, dass der Fußball weiterhin klassische Mittelstürmer braucht, die nichts anderes als Tore im Sinn haben.
Mit 25 Jahren debütierte Giroud in der Nationalmannschaft
Als Giroud nach dem Schlusspfiff im Medienraum redete, konnte man an seinem rechten Unterschenkel ein Tribal entdecken. Dieses Tattoo habe er sich in seinen Anfangsjahren als Profi stechen lassen, weil dies damals alle gemacht hätten, hatte der im Südosten geborene Franzose mal erzählt. Seine Karriere begann bei Grenoble Foot und führte über den FC Tours und dem HSC Montpellier zum FC Arsenal in England. Erst mit 25 Jahren wurde er zur Nationalmannschaft eingeladen.
„Wenn ich damit ein Beispiel für diejenigen sein kann, die eine atypische Karriere haben, würde mich das stolz machen. In jedem Fall zeigt mein Beispiel jungen Menschen, dass man in einer Karriere geduldig sein muss“, hat Olivier Giroud in Katar erklärt. „Ich spiele wirklich, als wäre ich 20. Mit der Freude eines Kindes. Ich bin hungrig nach Toren, und mein Körper scheint es zu vertragen.“
Mbappé mit Problemen, Giroud springt in die Bresche
Der französischen Elf dient er als Fixpunkt in der Offensive und verleiht ihr eine Kompromisslosigkeit im Sechzehnmeterraum, die eine gute Ergänzung zu den dribbelnden Außenstürmern Kylian Mbappé und Ousmane Dembélé sein kann. Didier Deschamps hatte vor dem England-Spiel gesagt, dass in seiner Mannschaft viele Spieler den Unterschied ausmachen könnten – nicht nur Mbappé. Wie zum Beweis blieb der Superstar am Samstagabend meist an Gegenspieler Kyle Walker hängen, dafür lauerte Giroud hingegen auf den großen Moment.
Auf seinen rechten Unterarm hat er sich den Psalm 23 aus der Bibel schreiben lassen. „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“, steht dort. Der Stürmer bezeichnet sich selbst als gläubigen Christen. Vermutlich hat ihm das dabei geholfen, die Kritik auszuhalten, die schon oft auf ihn eingeprasselt ist. Als „Stürmer, der nie aufs Tor schoss“ wurde er nach der WM 2018 veralbert. Karim Benzema schrieb in den Sozialen Medien einmal, dass ein Vergleich zwischen ihm und Giroud so sei, als ob man "die Formel 1 mit einem Go-Kart" vergleiche.
Eigentlich hätte jener Benzema in Katar die Rolle des Mittelstürmers bei den Franzosen einnehmen sollen. Doch eine Muskelverletzung verhinderte den Einsatz des 34-jährigen Stars von Real Madrid. So musste der noch zwei Jahre ältere Olivier Giroud einspringen, den man schon ein wenig vergessen hatte, den man aber nie unterschätzen sollte. Auch Go-Karts können zum Ziel führen.


