Sport und Integration

Integration: Wenn der Sport Türen öffnet

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Inga Böddeling
Salam Alabbas arbeitet studienbegleitend beim Landessportbund Berlin, direkt neben dem Olympiastadion.

Salam Alabbas arbeitet studienbegleitend beim Landessportbund Berlin, direkt neben dem Olympiastadion.

Foto: Anikka Bauer

Die Syrerin Salam Alabbas ist ein Paradebeispiel für Integration durch Sport. Jetzt studiert sie in Berlin, unterstützt vom LSB.

Berlin. Salam Alabbas ist selbst kurz überrascht. Wirklich? Fast genau drei Jahre ist es her, dass sie mit dem Flugzeug in Deutschland landete? Ja, es ist tatsächlich so. Kurz vor Silvester 2016 kam die Syrerin in Dortmund an. Im Gepäck Erinnerungen an ihre Familie, aber auch viele Hoffnungen auf ein neues, besseres Leben. „Ich hatte dieses eine Ziel“, sagt sie rückblickend, „ich wollte unbedingt studieren.“

In diesem Jahr hat sich die 30-Jährige diesen Wunsch erfüllt. Im Oktober hat Salam Alabbas zusammen mit 30 anderen Studierenden an der Deutschen Hochschule für Sport und Gesundheit angefangen – Studiengang: Soziale Arbeit und Sport. „Sozialarbeit ist für mich ganz neu“, sagt Alabbas, die in Syrien eine Ausbildung zur Zahntechnikerin gemacht hatte. Weil ihr Zeugnis in Deutschland aber nicht anerkannt wurde, „habe ich lieber was Neues ausprobiert“, erzählt sie.

Übungsleiterschein öffnet ihr Türen im Sport

Der Studiengang ist neu, europaweit einzigartig und bildet die Absolventen in dreieinhalb Jahren zu Sozialpädagogen mit dem Schwerpunkt Sport aus. Während viele ihrer Kommilitonen aktive Athleten sind und die Zeit neben dem Studium für ihr Training nutzen, arbeitet Alabbas beim Landessportbund Berlin (LSB), wenn sie nicht an Seminaren und Vorlesungen teilnehmen muss. Im Bereich Inklusion und Integration versucht sie Menschen das zu vermitteln, was sie selbst erlebt hat. Dass der Sport verbindende Kraft hat, dass er Grenzen überwinden und die Integration vorantreiben kann.

„Sport ist so wichtig – ich kann jedem nur empfehlen, sich einen Verein zu suchen, um sich zu integrieren“, sagt Alabbas, die selbst erst durch den LSB so richtig in Deutschland angekommen ist. „Es ist eine andere, neue Kultur und du bist wie ein neugeborenes Kind, das alles lernen muss.“ 2018 hat sie gemeinsam mit 40 Geflüchteten eine Übungsleiter-Ausbildung gemacht. „Das war eine tolle Erfahrung“, sagt sie.

Sie musste Syrien verlassen, wenn sie eine Chance haben wollte

Eine Weile leitete sie eine Kindergruppe beim Schwimmen, einer ihrer Lieblingssportarten neben Badminton, Basketball und Reiten. Nebenbei macht sie gerade eine Weiterbildung für Yoga mit Kindern, unterstützt vom LSB. „Ich mag es, mit Kindern zu arbeiten. Man lernt so viel von Kindern. Sie sind glücklich, motiviert und gar nicht so wie unsere Generation“, erzählt Salam Alabbas, die als Babysitterin arbeitete, bevor sie 2017 nach Berlin kam und der Kontakt zum LSB entstand.

Mit ihrer offenen und freundlichen Art kommt Salam Alabbas gut an, sie lacht viel, strahlt eine Menge Lebensfreude aus. Dass das nicht immer so war, ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die junge Frau in Syriens Hauptstadt Damaskus geboren und aufgewachsen ist. „Ich war eingeschränkt, habe keinen Job gefunden, konnte mich nicht entwickeln wegen des Krieges. Du kannst nichts machen, hast Angst, dass was Schlimmes passiert“, erzählt sie. „Da habe ich mit meiner Familie entschieden, dass ich gehen muss, wenn ich eine Chance haben will.“

Ihrem Bruder droht nach Ende seines Studiums die Armee

Eine Chance war auch das Studienvisum, mit dem Alabbas nach Deutschland kam. Mit dem Flugzeug. Nicht durch Schlepperbanden oder Flüchtlingszüge. „Ich habe nicht das erlebt, was viele andere Flüchtlinge erleben müssen“, sagt sie. Hart war die Flucht aus ihrer Heimat trotzdem. Weil sie ihre Familie zurücklassen musste. Und ihre Eltern und den kleinen Bruder nicht besuchen kann.

Ihr älterer Bruder (35) lebt mittlerweile in Dubai, ist ebenfalls geflüchtet, weil er sonst von der Armee eingezogen worden wäre. Ihrem kleinen Bruder (18) droht das gleiche Schicksal, sobald er mit seinem Medizin-Studium fertig ist. „Ich werde versuchen, ihn dann nach Deutschland zu holen“, sagt Alabbas, die bei der Erinnerung an ihre Familie schlucken muss. Sie telefonieren viel, versuchen so oft wie möglich in Kontakt zu stehen.

Ihre Familie in Damaskus lebt in ständiger Gefahr

Dass ihre Familie in ständiger Gefahr lebt, bedrückt sie sehr. „Es gibt Tage, da können sie das Haus nicht verlassen, da kann mein Bruder auch nicht zur Uni gehen, weil es zu gefährlich ist“, erzählt die Studentin. „In dem Teil von Damaskus, wo meine Familie lebt, fallen die Raketen einfach vom Himmel.“ Zustände, die für sie mittlerweile in weite Ferne gerückt sind. Weil sie sich gut eingelebt hat in Deutschland, Freunde gefunden hat, sich willkommen fühlt.

„Der Anfang war schwierig in Deutschland“, gesteht sie, „da war ich oft deprimiert, wollte aufhören, wieder umkehren. Aber seit ich beim LSB bin, läuft alles viel besser.“ Seit einem Jahr wohnt sie in ihrer eigenen kleinen Wohnung in Pankow, ist viel unterwegs, kunstbegeistert und nimmt Gesangsunterricht. Nur im Olympiastadion war sie noch nicht. Obwohl sie jetzt direkt nebenan arbeitet. „Ich mag Fußball nicht“, sagt Alabbas und lacht. „Wenn meine Familie den Fernseher angeschaltet hat und Fußball lief, bin ich immer gegangen.“ Aber Basketball oder Eishockey wolle sie sich mal anschauen.

Anfang des Jahres hofft sie auf ein dauerhaftes Bleiberecht

Natürlich nur, wenn das Studium es erlaubt. Das steht nämlich jetzt an erster Stelle. „Ich will mit diesem Studiengang meinen Horizont erweitern, viele Erfahrungen sammeln und mich selbst verwirklichen“, sagt sie. „Ich möchte meinen eigenen Weg gehen, um hier zu bleiben, um mich gut zu integrieren.“ Anfang des Jahres läuft Alabbas‘ vorläufige Aufenthaltsgenehmigung ab. Nach drei Jahren in Deutschland, mit Sprachniveau C1 und Job inklusive Studium darf die Berlinerin auf ein dauerhaftes Bleiberecht hoffen.

Schließlich hat sie noch Ziele – nach Abschluss ihres Studiums will sie als Sozialpädagogin im Sport arbeiten. „In diesem Bereich kann man tausend Sachen machen“, sagt Alabbas: „Mit Kindern und Jugendlichen oder mit Familien zu arbeiten, das wär toll.“