Nach dem Training schlüpften die Fußballer von Hertha BSC in feine Anzüge. Ein Herrenausstatter hatte zur Anprobe auf dem Olympiagelände geladen, und wer es nicht besser wusste, der hätte auf die Idee kommen können, dass sich die Spieler schnell noch schick machen für die kommenden Festtage, die am Mittwoch mit dem Pokalspiel gegen Dynamo Dresden (20.45 Uhr, Sky) beginnen.

Das Ambiente wäre ja auch durchaus anzugwürdig, müssten sie nicht noch gegen den Ball treten. Ein nahezu volles Olympiastadion wird erwartet, an der Tageskasse soll es nur noch ein kleines Restkontingent geben. Abende unter Flutlicht und ein volles Stadion sind immer etwas Besonderes, gerade für Hertha BSC, wo eine stimmungsvolle Kulisse so viel Sehnsucht erzeugt wie sonst nur der Pokal, um den es geht.

Die Ansprüche sind gewachsen

„Man hat das Gefühl, es ist schon viel mehr als eine zweite Runde“, sagt Trainer Ante Covic über das Spiel gegen Dresden. Was ja auch ganz in seinem Sinne wäre, wünscht sich doch kaum ein Verein sehnlicher, diesen Wettbewerb zu gewinnen oder zumindest das Finale zu erreichen, was auch damit zusammenhängt, dass das Endspiel jahrein, jahraus im heimischen Olympiastadion stattfindet. Aber das allein taugt nicht mehr als Grund.

Herthas Sommeraktivitäten haben Begehrlichkeiten geweckt. Der Klub wird seit dem Einstieg von Investor Lars Windhorst und dem Transfer von Angreifer Dodi Lukebakio, der 20 Millionen Euro verschlang, anders wahrgenommen. Ambitionierter, das auf jeden Fall. Ein erfolgreicher Lauf im Pokal würde diesen Eindruck verstärken und wäre der Außendarstellung zuträglich.

In der Bundesliga, wo die Spitzengruppe um Bayern München, Borussia Dortmund oder RB Leipzig den Berlinern nicht nur sportlich, sondern auch finanziell immer noch ein ganzes Stück voraus sind, lassen sich Erfolge freilich schwerer einfahren als im Pokal. Dort steht man nach vier Siegen bereits im Halbfinale.

Trotz Dynamo-Krise: Covic schärft die Sinne

Die erste Runde absolvierten die Berliner beim Regionalligisten VfB Eichstädt (5:1) souverän, und auch jetzt sind die Vorzeichen günstig. Dresden hat die vergangenen vier Spiele in der Zweiten Liga verloren und befindet sich sportlich in einer schwierigen Lage.

Aus Sicht von Herthas Trainer Ante Covic birgt diese Situation nicht nur Vorteile für seine Mannschaft. „Dresden hat die Möglichkeit, mit diesem einen Spiel einen Stimmungswandel in den eigenen Reihen zu erzeugen. Dessen sind wir uns bewusst. Wir sind vorbereitet und werden die Aufgabe konzentriert angehen.“

Boyata fällt definitiv aus, Stark vor Comeback

Mit welchem Personal Covic versucht, das Achtelfinale zu erreichen, ist noch ungewiss. Fest steht nur, dass der gegen Hoffenheim (2:3) verletzt ausgewechselte Dedryck Boyata aufgrund von Leistenbeschwerden fehlt, für ihn könnte Niklas Stark in die Mannschaft rücken. Der Innenverteidiger ist nach seiner Schnittverletzung am Knie wieder einsatzbereit.

Mit Hinblick auf das Berliner Derby am Sonnabend beim 1. FC Union (18.30 Uhr, Sky) will Covic gegen Dresden rotieren. „Der eine oder andere wird eine Pause bekommen, wir werden mit Sicherheit einige Veränderungen vornehmen“, sagt Herthas Trainer. Im Tor soll – so wie vor der Saison für den Cup-Wettbewerb festgelegt – Ersatzkeeper Thomas Kraft spielen, sofern er fit ist.

Der 31-Jährige hatte sich beim jüngsten 2:3 gegen Hoffenheim beim Aufwärmen am Finger verletzt, konnte am Montag aber normal trainieren. Auch Salomon Kalou und Davie Selke, die zuletzt weniger Berücksichtigung fanden, dürften Spielzeit erhalten.

Gegner Dresden war schon mehrfach für Pokal-Überraschungen gut

Eine bessere B-Elf will Covic aber nicht aufs Feld schicken, dafür ist das Spiel für den Klub zu bedeutsam und der Gegner trotz aktueller Probleme zu gefährlich.

In der jüngeren Vergangenheit war es Dresden im Pokal immer mal wieder gelungen, für Überraschungen zu sorgen. Vor drei Jahren gewann der Zweitligist gegen RB Leipzig nach Elfmeterschießen, 2014 konnte man Schalke 04 ausschalten (2:1). Alles Heimsiege zwar, aber rund 30.000 mitgereiste Fans werden im Olympiastadion versuchen, ihren Spielern das Auswärtsgefühl zu nehmen.

Dass es den Dresdenern gelingt, stimmlich die Oberhand zu gewinnen, glaubt Michael Preetz aber nicht. „Ich bin mir sicher, dass die Blau-Weißen im Stadion dafür sorgen werden, trotz zahlreicher Gästefans eine Heimspielatmosphäre zu schaffen“, sagt Herthas Manager.

Traum vom Finale im eigenen Stadion soll weiterleben

Darüber hinaus hofft Preetz auf einen friedlichen Abend. Nach etlichen Verstößen der eigenen Fans war Dynamo in der Saison 2013/14 vom DFB-Pokal ausgeschlossen worden, zuletzt gab es aber keine Vorkommnisse.

Allzu viel soll also nicht ablenken vom sportlichen Ziel, Dynamo aus dem Pokal zu befördern und ins Achtelfinale einzuziehen. Mit jedem Sieg rückt die Chance auf ein Endspiel im eigenen Stadion näher, und damit auch die Möglichkeit, die feinen neuen Herrenanzüge bei einem Siegerbankett zu tragen.